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Der alte Micher läßt den Blick schmunzelnd auf dem schönen Landmädchen rächen.
„Den Deufel auch, Mädchen! Du bist viel zu hübsch zur Spionage. Oder sollte dir deine Schönheit helfen, zu —" „Durchlaucht!"
Ein Blick aus großen entsetzten Frauenaugen trifft ihn. Blüchers weiches Herz revoltiert.
„Na — na Kind! So schlimm war's nicht gemeint." Diese warmen, gütigen Worte sind Balsam für das un- alückliche Weib. Ihre todwunde Seele öffnet sich ihm weit, ihm diesem greisen deutschen Helden mit dev schönen gewaltigen Stirn, mit den großen Blauaugen, aus denen ein so wundersames Feuer strahlt.
„Wohl bin ich schlecht — doch s o schlecht bin ich nicht!" stammeln ihre Lippen.
Da ziehen sich Blüchers Brauen zusammen.
„Wie? Ein so gutes Deutsch spricht nian? Besser als der alte Blücher selber?! Und will doch keine Deutsche sein! Scham und Schmach! — Jetzt gesteh, was weißt du von den Franzosen?"
Da ringt Doska in heller Verzweiflung die Hände gegen Blücher auf.
„Durchlaucht — Erbarmen! Nehmen Sie mich gefangen! Tun Sie mit mir, was Sie wolle»! Zu einem Verrate zwingen Sie mich nicht — —!"
Ein kurzes Lachen.
Blücher wendet den Blick. Otto von Jager hat es aus- gestoßen. Doch schon ist das Lachen aus seinem Gesicht verzückt. Hat einem Ausdruck höchster Spannung Platz gemacht.
„Durchlaucht, ich glaube im Bois de Paris Chasseure zu erblicken. Darf ich kundschaften?"
„Vorwärts! Vorwärts!"
Gestreckten Laufs jagt Otto auf seinem Hengste davon. Querfeldein. Halbwegs vor dem Gehölz reißt er das Pferd
S erum. Wie der Wind saust er zurück — im selben Äugend licke setzen sich auch schon die Husaren, die als Vortrupp aus der anderen Seite des Waldes halten, in Galopp. Sie sprengen auf der Straße entlang hinein in den Forst.
Otto quer auf sie zu, erreicht sie, schließt sich ihnen an. In wilder Jagd wird die kleine Schar französischer Plänkler zurückgetrieben. In wenigen Minuten ist oer Wald wieder rein. Die Lützowschen Husaren bleiben darin halten. Otto aber reitet zum Feldmarschall zurück. Sein Stab hat sich um ihn gesammelt. Jnfanteriemassen schieben sich den Weg von Lasne aus das Gehölz zu hin. Neue Trupps quellen aus dem Engpaß wie aus einem unerschöpflichen Brunnen herauf. Otto meldet. Umsonst sucht sein Auge nach Toska. Wo ist sie hinaekommen? Ist sie entflohen? Hat der Feldmarschall sie entlaufen lassen?
Er wagt nicht zu fragen. Und zum Fragen ist auch nicht Zeit. Vom Westen her donnern und krachen die Kanonen. Und die Franzosen haben's nun doch erfahren, daß die Preu-> ßen im Anzüge sind!
Aber Gott sei Dank nicht durch sein Weib! Nicht durch sein Weib! ---
Indessen rückt der Zeiger der Uhr immer weiter vor. Droben auf der Höhe, am äußersten Westrande des Waldes über Frischermont hält nun Blücher mit seinem Stabe in peinvollem Harren. Eine lange Wolkenwand liegt zwischen den beiden Heeren. Aber die unaufhörlich zuckenden Blitze der endlosen Geschützreihen markieren die Stellung der Feinde
P Genüge. Einer Warte gleich ragt hinter der französischen lachtlinie das Gehöft Belle-Alliance empor. Einzelne werter svrengen von dort aus in alle Windrichtungen und «hren bortbin zurück. Dort steht Napoleon. In seinem Stücken, westlich von Plancenott das gewaltige Rechteck einer geschlossenen Truppenmasse. Die französische Reserve, die kai- sorliche Garde muß es sein!
In Blüchers Augen blitzen Flammen.
Das ist der Punkt, gegen den Bülows Korps den Stoß führen muß! —
Und drunten bei Belle-Alliance steht der Schlachte n- kaiser. Mit düsterm fanatischen Blick. Mit geblähten Nasenflügeln. Ihn fröstelt.
Der Angriff seiner Divisionen, die in vier grandiosen Massen die Höhe von Mont-St.-Jean emporstiegen, ist auf der ganzen Linie abgeschlagen. Nicht einmal das blutig umstrittene Schloß Hougomont ist in die Hände der Franzosen gefallen; und der schiver eroberte Obstgarten von La Haye Saint wirb nur mit äußerster Anstrengung behauptet. Nichts ist gewonnen. Nichts.
Drüben stehen die Mauern der Truppen Wellingtons unerschüttert. Auen einschlagenden Geschosse» — allen Angriffen zum Trotz. Wie von Zauberwort immer wieder von neuem geschlossen, immer wieder von neuem aufgebaut.
Und von Osten her drohen die Preußen. Die Preußen, die er gewähnt bei Lignn endgültig aus dem Felde geschlagen zu haben. Eile, höchste Eile tut not!
Der Kaiser schickt einen Adjutanten an Ney, den längst vorbereiteten Reitersturm auszuführen.
„Herr Marschall, an Ihnen ist's jetzt, die Schlacht zu gewinnen," läßt er ihm sagen.
Ney, der Tapferste der Tapferen, der Marschalt von Frankreich, der Fürst von Moskova, er hält ungeduldig vor der ungeheuren Reitermasse, zum Angriff bereit. Stolz schweift sein Auge über die herrlichen Truppen der Kürassiere, der Dragoner, der Karabiniers, der Gardereiter, der Grenadiere, der Lanciers und Chasseure zu Pferde.
Da — endlich! — erreicht ihn seines Kaisers Befehl!
Sein Pferd tänzelt, er hebt sich im Bügel und schwenkt den Degen.
„Vive l’empereur!“
Ein Echo aus Tausenden von Kehlen antwortet ihm.
Und nun reitet er, an der Spitze von fünstausend Reitern im Trabe in die Bodensenkung hinab. Einer gewaltigen Meerswoge gleich fluten die Massen durch das mannshohe Getreide der Geländemulde, allen Verlusten zum Trotz, den jenseitigen Hang von Mont-St.-Jean hinauf, bis in das englische Zentrum hinein. Die Kanonen sind erobert, wohl sechzig an der Zahl, aber Protzen und Pferde fehlen, sie weg- zuschasfen, Hammer und Nägel sie zu verderben. Ji> Karriere, daß die Leiber der Rosse den Bode» berühren, geht's weiter, die letzte Stufe der Höhe hinan. Ein Stutzen: zwanzig schachbrettartig aufgestellte Bataillone drohen, Gewehr rm Arm den Anstürmenoen entgegen. Aber kein Schuß fällt. Trompeten schmettern. Todesmutig preschen die französischen Reiter gegen die feindliche Infanterie au — mit verhängtem Zügel, den Säbel hoch tu der Luft, die heißen Lecher vorn über den Pferdekopf gebeugt.
Da:
„Gebt Feuer!"
Gäule stürzen, überschlagen sich, liegen mit zerbrochenem Genick, Kürassiere, Garderciter wälze» sich in ihrem Mute.
Und doch werden hier und da die ersten Reihen der englischen Infanterie niedergeritlen, aber immer von neuem klingt es:
„Schließt die Glieder!"
Die Ueberkübnen werden niedergehauen.
Engländer, Braunschweiger, Hannoveraner, Nassauer — sie halten stand: soviel Karrees, soviel Felsen im Meer.
Und jetzt wirft sich Lord Uxbridge mit eineni große» Teil seiner noch unberührten Reiterei den schon ermüdeten französischen Reitern entgegen. Die raffen sich von neuem. Ney stürzt sich mit ihnen von neuem auf den Fei,yd. Ein jähes .Erschrecken dnrchzittert die Cumberland-Husarcn, sie machen Kehrt, in toller Flucht .geht's auf der Brüsseler Straße zurück. Wenn jetzt französische Infanterie zur Stelle, dann wäre Napoleon Frankreichs Thron gerettet!
Aber die Infanterie fehlt.
Die noch unberührte» Garden stehen weit zurück, bei Belle-Alliance. Napoleon gibt sie nickt her. Napoleon kann sie nicht hergeben. Im Osten drohen die Preußen.
Neh muß Zurück.
Aber für die ermatteten französischen Reiter gibt es drunten in der Geländemulde keinen Schutz. Die englischen Kanoniere sind zu ihren nicht beschädigten Kanonen zurückgekehrt — die Karrees haben sich in lange Reihen aufgelöst — mit einem Hagelwetter von Kleingewehrfeuer und Kartätschen wird Ney m'it de» Seinen überschüttet.
In Ney gärt Ekel und Wut.
Stürzt heute Napoleon, so erwartet ihn, der den Bourbonen die Treue gebrochen, nwrgen der Galgen. Furchtbarer Tod für einen, der in unzähligen Schlachten gestanden.
Unmöglich!
Er muß von neuem vor. Sieg oder schmachvoller Untergang! Er verdoppelt seine Scharen. Zehntausend Ross« 'tampfen den Boden. Die Erde zittert. In ungeheurer Flut
chwellen die unzähligen Reitergeschwadcr die Höhe hinan, wieder über die Batterien hinweg, auf das englische Fußvolk zu, das sich Wieder zu Vierecken zusammengeschlossen. Im Trab retten sie an. Totenruhig stehen die Karrees. Erst di» letzten dreißig Meter reiten die Pferde in tollem Galopp


