Ausgabe 
16.11.1914
 
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Die hundert Tage.

Roman aus dem Jahre 1815 von M. von Witten. (Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Mit größter Heftigkeit greift der rechte Flügel der Franzosen die Nassauer an. Aber hüte dich Napoleon! In deinem Rücken marschieren die Preuße»! Eine ivilde Genug­tuung durchströmt jäh Ottos Brust urplötzlich das erste feurig belebende Gefühl seit Wochen! Welch eine Wohl­tat! Noch hassen zu können mit der gleichen unverniinderten Glut lvie in den Lagen der Leipziger Schlacht! Noch hassen zu können mit ehrlichem, heiligen Haß, nw man selbst diesen ehrlichen heiligen Haß unter den Trümmern des einstürzen­den Glückes snr immer verschüttet wähnte!

Tränen steigen in Ottos Augen! Mein Gott, wie danke ich dir für dieses Gefühl! Jetzt bin ich wieder wert, in diesem heiligen Kampfe die Waften zu führen! Hüte dich, Napoleon! Der Tag der Vergeltung ftir jahrelang erduldete Schmach er ist da! So ruft es in seiner Seele.

Er ist wie im Rausch. Er wendet sein Pferd. Will zu­rück zum Feldmaischall, um ihn, zu melden, daß die Fran­zosen noch immer mit demselben Ungestüm die Verbündeten bestürmen, auch daß das Gelände bis zuin Kampfplatz hin noch immer vom Feinde unbesetzt ist da! Was ist das? Dort im Unterholz am Saume des Wäldchens ein leichtes Knistern und Knacken. Etwas Buntes leuchtet von dorther aus deni Gebüsch herauf:

Halt! Werda?!"

Das bunte Etwas rührt sich nicht. Oder doch! Es scheint sich noch tiefer gegen den Boden zu ducken.

Im Augenblick ist Otto heran. Er beugt sich über den Busch.

Antwort! Oder---"

Da schnellt ein Frauenkorper ans dem dichten Unterholz auf ein aschfahles Gesicht mit ein Paar Augen voU von wildem Flehen, von verzweifeltem Jammer.

Stoß zu!"

,Du '_?"

Ottos Rechte sinkt vom Degenknauf der Säbel, schon halbgezogen, gleitet von selbst zurück in die Scheide. Sein Gesicht ist verzerrt, die Augen treten aus ihren Höhlen. Die Lippen bewegen sich er bringt keinen Laut hervor.

Warum tust dn's nicht?" schreit Doska vor Qual, indem sie die Arme ausbreitet, um ihre Brust seinem Stotze zu offnen. Aber kraftlos smken die wieder herab vor seinem durchbohrenden Blicke.

Latz das Komödienspiel," würgt er hervor.Gesteh! Was suchst du hier?"

Dich! Dich! schluchzt es in ihr. Schon schwebt ihr daS Wort auf den Lippen. Da kommt ihr noch rechtzeitig die Be­sinnung. Sie schlägt die Hände vorS Gesicht und schweigt.

Er sieht auf sie hinab sekundenlang. Ein herzzer­

reißendes Weh flammt noch einmal wie ein zuckender Blitz über sein Gesicht. Dann wird es kalt und blaß und scheint in Verachtung zu erstarren.

Also . . . Spionage?!" Eine furchtbare Eiseskälte weht aus seinem Tön.So weit bist du . . .?"

Stoß zu!" Bon neuem breitet sie in Jammer und Todesverlangen die Arme aufeinander und sinn in die Knie.

Für dich ist mein Degen zu gut!"

,/Otto---!" Sie bricht in sich zusammen.

Steh auf!" herrscht er sie au. Sie taumelt seinem Wil­len gehorsam, empor.Ich mutz zurück. Du aber du! du sollst uns nicht um den Sieg bringen! Setz' dich aust Pferd!" Im Nu ist er abgesprungen und bietet ihr, mit der Rechten den Hals des Pserdes fassend, die Linke zum Trittbrett. Bon seiner kalten gebietenden Art wie gebannt, setzt sie den Fuß ans die Handfläche. Gr hebt Doska hinauf im nächsten Augenblick sitzt er hinter ihr im Sattel. Kör­per an Körper gedrängt so reiten sie durch den Wald, in dem der Mittagszauber spinnt. Hinter ihnen donnern und krachen die Geschütze, sie hören es nicht. Sie hören nur das wilde Klopfen ihrer Herze», nur das Sausen ihres BlnteS in den Ohren.

Otto kneift die Angen zusammen, er beißt die Zähne auf­einander: Herrgott noch 'mal! Dieses schöne, lvarmblütige Weib vor ihm sein Weib ist's ja! Noch ist es sein Weib!

Ein Schütteln durchläuft ihn eine rasende Versuchung.

Fühlt Toska, was in ihm vorgeht? Auch sie hat die Augen geschlossen: aber nicht krampfhaft, sondern mit einem stillen Ausdruck seliger Erlösung. Lässig, wie mit gelösten Gliedern lehnt ihr Leib gegen die Brust des Dtannes. Und jetzt gleitet ein wundersames Frauenlächeln über ihr blasse- Gesicht. So sterben zu können!

Da! Irgend ein Laut. Vielleicht auch nur eilt Schat­ten, der mahnend durch die Seele strich. Das qualvoll sütze Jneinanderwogen der beiden Seelen ist zerrissen. Der Traum verweht. Otto sitzt krampfhaft aufrecht wie ein« Statue im Sattel Er umklammert Töskas Handgelenk mit einem Druck, als sei seine Hand eine eiserne Fessel. Mit stets ansgestrecktem Arm ihren Körper vor sich haltend, so jagt er nun mit ihr, als sei eine unsichtbare Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet, das letzte Stück Wegs durch den Bois de Parts zurück. Jetzt lichtet sich der Wald, das Dorf Lasn« liegt vor chnen die vorgeschobenen Abteilungen werden sichtbar eben taucht BlücherS Kopf, jetzt seine Gestalt, jetzt seine Stute aus dem Engpaß und auf der Höhe ans.

Otto galoppiert an den Feld Herrn heran. Er schwingt sich vom Pferde und hebt Doska mit kraftvoller rascher Be­wegung gleichfalls herab.

Durchlaucht!" Er meldet kurz und knapp mit sich über­stürzenden Worten seine Beobachtungen. Dann fugt er hinzu:Noch ahnt der Feind nichts von unserem Anmarsch. Alles Gelände bis nach Plancenott ist unbesetzt. Doch tm Begriff, zu Euer 'Durchlaucht zurückznreiten, entdeckte ich im Buschwerk diese diese Sptonin!"