Ausgabe 
14.11.1914
 
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der aus der Talsenkung über umliegendes Busclgverk «nv- porragt, das ist der Turm des Schlößchens von Frischer- tnoiit, Er kennt es nicht nur die fi'arte hat es ihm aus- geivicsc», Aber er hat den Namen schon einmal flüchtig

fcr- von--Toska gehört.

Ms durchführe ihn ein stechender Schmerz, drückt er ähkings seinem Gaul die Sporen in die Weichen, Ter will chnaiibend davon sausen, doch fdfon hat Otto sich und hn Mieder in der Gewalt, Der Rappe gehorcht, Lamm- romin steht er still lein Reiter blickt auf den östlichen Teil des Schlachtfeldes hinab,

^Fortsetzung solgt.1

Die Pulswärmer.

Kriegs-Skizze von I. Held,

Mutter, Großmutter, der einzige stolze Bruder und die besten siins Freundinnen wußten es, daß Rüschen Winter den Oberleut­nant Menger, trotzdem er seit dem Fall von Lüttich stolz das Eiserne Kreuz trug, nicht ausstehcn konnte, weil er zur Zeit des goldenen Friedens als der Freund ihres Bruders beständig an ihr herumhosmeistern und sie erziehen wollte, Sie wußten ferner auch, daß sich -das trotzige Mädel, gerade als er in halber Nacht noch zum Lebewohlsagen »ach Schweidwitz herübergcstürmt kam, in ihr Stübchen einschloß und sich nicht sehen ließ. So bitterböse war sic aus den Oberleutnant.

Freilich, er hatte auch wohl nicht die rechte Art, mit süßen, blonden, jungen Dingern umzugehen, war iinmer ernst und wort­karg, zumeist streng und unerbittlich, und verstand von allen Sachen, die das Herz einer Achtzehnjährigen mit erhöhtem Klopsen erfüllen, nicht das geringste. Wie hätte er ihr sonst wohl einfach das Tragen der langen, weichen, roten, gestrickten Jacke untersagen können? Wie kani er nur dazu? Das begründete er nur ganz kurz:

Ich will es nicht haben, sie ist viel zu auffallend, Bitte, tragen Sir das Ding also nicht wieder,"

Natürlich hatte sic es nun erst recht getan! Ta hatte er sie einfach übersehen, sie wie ein unartiges Kind behandelt, bis der Krieg kam. Ta schrieb er ihr. Nicht viel. Nur ein kurzes, gönnerhaftes Brieflein:

Beherzigen Sie alles, uni was ich Sie bat, gut. Es ist ja doch wirklich zu Ihrem Besten."

Das war sein Abschiedswort für sie gewesen! Und darauf hatte sie mit pochenden Pulsen gewartet, daraus! War es nun nicht natürlich, daß sie ihm in der letzten Stunde ihren Anblick entzog?

Niemand wußte, daß sie in dieser Zeit in ihreur Stübchen aus den Knien, in haltloseui Schluchzen und übergroßer Sehnsucht nach ihm, lag. Auch er wohl nicht! Hinter der Gardine hatte fle ,,ach chm gelugt, als er schied. Und kein Blick war zu ihrem Fcnster- Ittn geflogen. Als es ihr klar werden wollte, daß er ging, vieUeicht jür immer, stürzte sie die Treppe hinab, ihm nach. Diel zu spät! Der,Lux", sein Goldbrauner, war längst über die Grenze, und ein deutsches Mädel läuft doch keinem prcnßtsckzcn Leutnant nach, selbst wenn cs ihn lieb hat,

Rose Winter trug Leid und Sehnsucht schweigsam. Die nächsten Wochen veränderten sie gewalttg, nahmen chr alles Unreife und Spielerisch«, reisten sie zum deutschen Weibe, Sie hatte es über­nommen, denen, die jetzt in der regnerischen Zeit des Herbstes krank und matt, von Unwohlsein und Angst um die Fernen geplagt, zu Bett sagen, Trost und Stärkung zu brrngen. Nun lief sie durch Sttirm und Regen, ein wohlgefülltes Körbchen am Arm, und spen­dete überall Labsal,

Oberleutnant Menger hatte bereits zwei Karten geschrieben, Mutter und Großmutter hatten, vereint mit den Seinen, die auf dem Nachbargnt lebten, schon unendlich viel Wolle verstrickt, ein­gepackt und irgendwohin geschickt. Nun zttterten sie alle mitein­ander, ob er es auch wirklich bekommen habe; denn er dankte noch immer nicht dafür, sonderli teilte nach wie vor mit, daß er herz­haft friere und nanientlich für Pulswärmer gute Verwendung habe, Daun nickte» sich die Frauen zu und raunten vergnügt:Wir haben «S ja auf ein volles Dutzend gebracht. Davon kann er nach Be­lieben seine Wahl ttessen,"

Es gelangte aber kein einziges Paar an seine Adresse, Eines Tages ward das deu Beteiligten und Stolzen zur Gewißheit, Wo all die weichen, molligen Dinger ihr seliges Ende gefunden hatten, ward vorläufig nicht aufgeklärt, Tatsache blieb, daß Oberleutnant Menger immer weiter mit frierenden Pulsen sein geliebtes deutsches! Baterland beschütze» mußte.

Nun sollte natürlich umgehend Ersatz beschafft werden. Sie kamen also wiederum zusammen, entsandten die alte Fiken zum Herbeischasfen neuer Wolle, und warteten, bis sie aus der Stadt mit der kostbaren Ladung käme. Sie kam natürlich auch, aber bline Wolle, Es sei alles rein ausverkauft, und vor Mittwoch nächster Woche wäre keine neue käuflich. Bis Mittwoch aber mußten noch fünf volle Tage vergehen!

Man war außer sich vor Zorn und Ungeduld, Aber was half daS alles! Selbst wenn mau kn eine der nächsten Großstädte schrei­

ben würbe, kain die Hilfe auch nicht früher. Röschen Milnter be­teiligte sich nicht an dem allgemeinen Entsetzen, Ruhig hätte sie zu, stand, sobald eS ging, auf und begab sich in ll>r Zimmer, Hier öffnete sie den Schrank, nahn, die geliebte rote Jacke, die ihr ganz«« Stolz gewesen war, heraus und preßte das junge, erglühende Ge­sicht in den weichen, wolligen Reichtum, Daraus müßten sich herr­liche Pulswärmer stricken lassen! Aber sie konnte ja gar nicht stricken! Nun, das war schnell erlernt, obgleich sie in einer trotzigen Aufwallung sich dcnc Oberleutnant Menger gegenüber verschworen hatte, niemals das Stricken zu erlernen. t

In dieser Nacht erlosch die kleine Lampe nicht, bis der Morgen graute. Als dies endlich geschah, war ans der roten, schönen Sportjacke ein Wollknäuel geworden, das dem Wasserkopf eines unglücklichen Kindes nicht unähnlich war.

Bei Longeville, 20 Kilometer von Paris entfernt, lagen dle 110er im Schützengraben,

Ein älterer Major, dessen ganzes Gesicht nur noch lediglich aus wallendeni blonden Bart zu bestehen schien, fragte seinen Oberleutnant:Frieren Sie auch, Menger?"

Jawohl, Herr Major!" >

's gut! Haben Sie noch irgend was Eßbares?"

Seit gestern abend nichts mehr vorhanden, Herr Majors 's gut, Menger!"

Nee, gut wars nicht, Ter Hunger begann weh zu tun, Di« Bagage fand sich nicht heran. Wie lange würde das noch dauern! Wenn nur die bereits seit gestern sehnlichst erwartete Feldpost diesmal irgend etwas brachte!

Sie brachte wirklich etwas für beu Oberleutnant Menger. Was es war, brachte man nicht so bald heraus, Wohl Strümpfe, wenngleich die blutrote Farbe ttwas auffallend n>ar. Aber bei näherer Besichtigung sehltcn ihnen ja die sogenannten Socken» Es waren weite, lange Dinger.

Pulswärmer für den Riesen Melchow," konstatierte der Major, der dabei zusah, tiefsinnig, l

Tann enthielt die lleine Schachtel aber noch ettvas: Köstlich«, wundervolle Schokolade! Hm, sie kam ihm bekannt vor. Diese Sorte pflegte er doch der lleinen Rose Winter regelmäßig zum Geburtstag zu schenken. Das letztemal mich. Mal »achsehen. Ganz unten lag seine Visitenkarte drin. Wahrhaftig, sie war noch drin! Das junge Ding hatte die Schokolade einfach ansgespart, sich entzogen, und nun ihm gesandt, weil es mit ihrem Taschen­gelde nicht weit her ivar. Natürlich anonym. Ms Absender stand ein Name, den es gar nicht gab,

Oberleutnant Menger stand plötzlich mit leichkgeschlossencN Augen vor seinein wohlwollenden Vorgesetzten, Ihn blendtte rin helles, strahlendes Licht,

Tie rote Farbe grüßte ihn jetzt wie eine Trrümphsahne Einen richtt'gen Vers freilich vermochte er sich aus alledem noch nicht zu machen Ihm kani aber die bestimmte Ahnung, daß dir rote Jacke der kleinen Rose die gleiche Farbe gehabt habe, daß sic ihren Trotz um ihn geopfert, für ihn geschasst und entbehrt hatte. Ob das Resultat was taugte, kam eigentlich dabei gar nicht in Belrachk. Es laugte aber doch etwas. Es kam zur Verwendung, wenn auch nicht für die Handgelenke, Die Kniee froren aber auch nicht viel weniger.

Und die köstliche Schokolade, die freilich inzwischen ein bißchen angezoge» schmeckte, teilte er kameradschaftlich aus. Nur rin klttneS Herzlein hielt er zurück. Das vockte er ein und gab es dem Boten, der die Feldpost abholte, gleich wieder mit.

Daraus standen nämlich, ohne daß er bei seinein Schenken davon eine Ahnung gehabt hatte, mit künstlerischem Schwnng die drei Wotte:Ich liebe dich,"

Die kleine Rose würde ihn schon verstehen und ihm die Emp- sangsbestätigiing geben, die er plötzlich mit heißer Inbrunst er­sehnte, _

vermischte».

* Das Neueste aus den Schützengräben, Die Chronik der Schützengräben ist unerschöpflich. Jeder Tag lügt ihr ttn neues Kapitel hinzu, das oft genug von dem guten Hünio-r zeugt, mit dem die Kämpfer auf beiden Setten die Entbehrungen und Mühsale ihres Lebens ertragen. Tie neuesten Späße aus den Schützengräben werden in französischen Blättern erzählt,Eine neuartige Ueberrafchung," berichtet ein französischer Soldat im Temps,haben uns kürzlich die Deutschen an der Aisne berettek. Die Deutschen sandten uns einen B o ck, der am Hals eine ?ldresse trug mit den Worten:lind Sie, meine Herren Franzos««, wie geht es Ihnen?" Wir versuchten alles mögliche, um das Tier zu uns zu locken: aber es machte große Schwierigkeiten; die Drabh- »änne zwischen den Schützengräben schienen es zu ärgern. Endlich kam es zu uns: aber um keinen Preis wollte es mit unserer Ant­wort zurückkehren: dasKomm, komm" schien ihn mehr zu entsetzen alS anzulocken. Es muß ttn französischer Bock gewesen sttn,, Ein andermal jagten die Deutschen ein Pferd zu den Franzosen hinüber, an dessen Hals sie deutsche Zeitungen und ttn Plakat be­festigt hatten. Auf diesem stand:Guten Tag, Franzosen! Wißt ihr schon, daß Belgien ganz in deutschen Händen ist, usw?" Btt der großen Annäherung der Schützengräben kommt es gesegmtlich zn einem Zusammenwirken der Musiker auf bttdeu Sttten. Wenn hier die Ziehharmonika anhebt, begleitet dort die Flöte, Besonders.