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„Ausnindschasteii, ob e? wirklich! die Preußen sind."
„Cfjrim--!" Toska p«r!W jurikf. Bis gegen die
Wand
„Was ist da zu „Oheimen"?" macht er hämisch. Mit bösen Augen blickt er sie an. Die bangen Finger seiner Rechten snchteln nervös in der Luft herum. So macht er einen! Schritt auf sie zu. „Entweder dir gehörst zu uns — oder du gehörst nicht zu uns. Jetzt heißt'» Farbe bekennen. Entscheide dich! Und du bist unser — nun wohl! So wirst du mit alle» Fingern zugreifen, Frankreich — Napoleon! — zu reiten!"
Toska saßt mit beide» Händen iv-ie »ach Hilfe suchend hinter sich — gegen die nackte Wand (Sin irres Flimmern ist in ihren Augen. Ein Wirbel von Empfindungen, Gefühlen, Gedanken dreht sich in ihrem Hirn.
„Ich soll. . .?" fragt sie noch, einmal von Entsetzen; geschüttelt.
„Du sollst, dich einfach überzeugen, ob es wirklich die Preußen sind. An den Kaiser selber will ich dann schon die Kunde übermitteln. Sein rechter Flügel ist ungedeckt! Wenn die Preußen ihr» in die Flanke sielen — da>>m —• daun ist alles verloren!" Er schreit es heraus. Seine «timme schlägt um. „Und meine Richte ist schuld daran. Ist schuld an Napoleons Untergang!" Er preßt die Rechte in verzweifelter Erregung gegen die Angen. INI nächsten Mgenbkick sinkt sie herab. Beide Hände strecke» sich mit beschwörendem Flehen Toska entgegen. „Toska — Toska — kannst im das aus dich nehmenV"
Die arme Frau hat bis dahin »och immer rcgLos, das Haupt gegen dre Wand gelehnt, gestanden. Mit vor Qual und Marter geschlossenen Augen. Jetzt reißt sie die Lider auf. Wahnsinn lodert ans ihrem Blick.
„Gib her! Gib her!" Sie springt zu den Kleidern. „Hinaus! Hinaus!" begehrt sie auf. „Ich kann doch nicht — solange d» hier —!" Sie schiebt — nein, sie treibt Engen von Eure geradezu hinaus. Er läßt sich's gefallen. Ohne ein Wort. Einen Ausdruck ungläubiger Veriv-underung in den fahkeu Ingen. Das hat er kaum »och erhofft.
Draußen vor der Mr mit dem Rücken gegen die aus- gebrochene Fülknng saßt er Post». Beinahe gierig trinkt sein Ohr die seine» knisternden Geräusche des Ablegens und Anlegens der Franc »kleider Dvskas Hände fliegen. Sic denkt nichts, sie weiß nicht, was sie tun wird. Sie >oeiß nur eins: Fort, fort von hier. Gleichwie aus welche Weise — zu welchem Iweck — nur fort! Fort!
Dein Alten draußen aber dehnen sich die Sekunden zu Ewigkeiten. Tausend Möglichkeiten durchsckgvirren seinen Sinn. Seine Seele will noch immer Zweifel h-gen —
Da steht Tvska neben ihm. Mit iinstäk flackernden Augen, mit todbleichem (Besicht, aber hoch und gebietend trotz der Gesinde kleidung
Er erschrickt beinah. Dann läuft ein heimliches Schmunzeln um seinen Mund.
Eigentlich bist; da viel zu hübsch! — Bah! Wird nicht von Schaden sein!"
„Wo find die Eier'?' herrscht Toska ihn an.
„Unten. In der Hall«!" gibt er, sie noch immer musternd, zurück. „Ganz gewiß! Der Plan gelingt' Keiner dieser verdammten Prussiens wird den geringsten Verdacht schöpfen!"
Tpska eilt voran — die Treppen hinunter.
„Nicht so rasch! So kann ich doch nicht folgen! Ich muh dir doch noch ein paar Verhaltungsmaßregeln geben."
„Ist nicht nötig! Muß fort —! F?ort!"
Da läßt er sie mit einem zufriedenen Ansseuszen laufen. Sie hat ja recht. Die allerhöchste Eile tut not!
*
Schier grundlos sind die Landwege. Die obere Schicht des Lehmbodens hat sich in zähen Schlamm verwandelt, der in großen Klumpen a» den Stiefeln der Mannschaften, an de» Hufen der Pferde kleben bleibt und mit Kraut und Korn- halmen vermischt, sich als klebriger Brei um die Räder der Kanonen und Munitiousivagen schlingt. Die Räder schneiden liefe Furchen hinein in die ausgeweichten Wege, die klei»i-> sten Steigungen sind nur mit dein Aufgebot höchster Kraft von Mensch und Tier zu überwältigen.
Tabei ivar^die physische Kraft von Manu und Roß nicht unr durch die Strapazen der jüngst vertorenen Schlacht und den sluchkartigeii Rückzug, sondern auch dürch die letzte Biwaknacht arg erschöpft. Wahre Wolkenbrüchc waren niedergegangen, die die Ackerfurchen, die zur Lagerstatt benutzt
werde» mußten, in Wasscrbäche verwandelt hatteil. Und mit durchnäßier Kleidung, Waffen und Uniform mit einer wahren Lehmkruste überzogen, hatte man sich am Morgen erhoben.
Aber der Geist höchsten moralischen Mutes belebt sie alle, Landlvehrleute und Linientruppeu. Ihr Vater Blücher führt sie ja wieder. Ihr Marschall Vorwärts!
Vorwärts! Heut geht es ja wieder an den Feind! Heute soll die Scharte von Ligny ausgewetzt iverdcn! Heute, heute gilt es diesem Höllensohn, der sich vbn neuem die Herrschaft über die Welt anmaße» will, für immer in sein unterirdisches Reich zurückzuschleudern!
So streben die Preußen, — das Korps Bülow, das bei Ligny nicht mehr in die Schlacht hatte eingreifen können, heute an der Spitze, - dem gewaltigen Kanonendonner enb- gegen, der von Westen herüberlönt. —
Der greise Feldmarschall, seiner Schmerzen nicht acksj- tend, treibt voll höchster Ungeduld immer von neuem sein Pferd an, um an den Kolonnen vorbei der Schlacht näher u komme». Er ist von seinem ganzen Stabe umgeben. Man ieht die hohe, antike Gestalt Gneisenaus mit dem edlen Kopf und den schönen stolzen Dlauaugen. Auch einer ist dariliiier, der bisher noch nicht im Stabe war. Es ist Otto von Jäger.
Die Schlacht von Ligny hatte deui Feldmarsckwll ztvei seiner Stabsoffiziere gekostet. Er hätte gern Ulrich Erkenj für den einen von beiden als Ersatz genommen. Aber chner- seits war dieser als' Ehef seiner Schwadron bei dem Mangel an Führern schwer entbehrlich, anderseits aber, und dies lvar stir Blüchers warm fühlendes Herz der Hauptgrund, Ivolike er die beiden Eheleute, die nun einmal gemeinsam in! diesen Krieg gezogen, in dem bevorstehenden Kanlpse nicht voneinander trennen. So halte ernenn aus eine bescheiden angebrachte Anregung Gottfried Schneiders hin den Leut-- iiant von Jäger, der ihm von seinem Meldedienst nach Brüssel schon vorteilhaft bekannt, am heutigen Morgen in fcitim Stab berufen, als die Brandenburgifchen Ulanen durch Wawre zogen, wo der Feldherr die letzte Rächt zugcbracht. Hier hatte sich auch der Unteroffizier Schneider seinem Regi'-- mentc angeschlossen. Ter Rttttneister Erlen war bereits am verflossenen Tage zu seiner Schivadrou zurückgekehrt, nachdem er zuvor dem Feldmarschall Wellingtons Autivort überbracht, daß der Herzog bei Mont-St.-Jea» eine Schlacht annehmen wolle, wenn Blücher ihm mit seinen Truppen zu Hilfe eilen werde. —
Jetzt hat der Feldmarschatl die Spitze der Korps Kolonnen Bülow erreicht. Einer seiner Adjutanten, Major von Pfuek, kehrt vom Erkundiguiigsritt zurück. Er meldet:
Der Korse hat seine Truppen gegen Wellingtons Front entivickelt. Die ganze Gegend bis gegen Plancenort, eine« Dorf im Rücken des rechten Flügels der Franzosen, ist vonr Feinde frei. Roch ahnt Napoleon nichts von der Nähe der Preußen!
Da befiehlt Blücher strahlenden Auges die Fortsetzung! des Marsches.
'Aber war das Gelände bis dahin der» Gewalturarsche sehr ungünstig gewesen, so scheint es jetzt nahezu unüberwindliche Schwierigkeiten bereiten zu wollen. Ein schmaler, schlechter Weg führt über einen steilen glitschigen Hang in oas enge Tal eines Back>«s, des Lasnrbaches, hinab und auf der andern Userseite tauft ein ebensolcher Weg in steiler Steigung wieder hinan.
Wie soll inan dahinüber die Kanonen befördern? Es kostet unsägliche Anstrengungen. Aber Offiziere und Mannschaften leisten ihr Möglichstes. Und überall ist Blücher zur Stelle und feuert mit seinem Jünglingsmut die Kräfte von neuem an, wenn sie zu erlahmen drohe».
„Kinder, Ihr denkt wohl, es geht nicht! Aber es muß gehen! Vorwärts, Kinder! Ich habe es meinet» Brüdest Wellington versprochen, ihn nicht im Stiche zu lassen! Und Ihr wollt doch nicht etiva, daß ich wortbrüchig werde?!"
„Ne, Vater Blücher! Das wollen tvir nicht! Es m u g eben gehen!" klingt es beinahe jubelnd zurück. Und Landu wehrmänner >vie Linicnsoldaten greifen mit festen Händen ineiii in die Räder, die sich verfahre» haben, schieben« rängen, ziehe» mit eiserner Kraft — und es geht!
Inzwischen ist ein zweiter Adjutant auf die jenseitige bewaldete Höhe zur Crklluduug ausgesandt. Diesmal ist es Otto von Inger.
Au den vorgeschobeneil Abtcilullgen vorüber, wagt er sich bis an den äußersten westlichen Waldrand vor. Ein dumpfes Gäreit und Wühlen ist in seiner Vrnst. Ter Turin,


