Ausgabe 
14.11.1914
 
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Die hundert Tage.

{Kommt aus dein Jahre 181.5 von M. von Witten. lNachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Gleichgültig ist, >v«r siegt! Sie hat ja doch verspielt! Mies für immer verloren! Nur ein Drost bleibt ihr. Nur einer! Die Preußen sind fern. Meilenweit fern. Hier richten sich ihre und der Franzosen Geschosse nicht auf­einander. Hier kämpft nicht der Gatte, der ja d o ch ihr Gatte ist, gegen den Vater. Dieses Furchtbare hat der Himmel ihr diesmal erspart! I

Sie sinkt am Fensterkreuz nieder in die Knie. Die lühend heiße Stirn drückt sich gegen die kalte Marmor- ank des Fensters. ,

Ja, das hat der Himmel ihr heute erspart!

Aber ist es denn nicht noch, des Furchtbaren genug?! In wenigen Augenblicken tverden die Feuerschlüude der Batterien ihren Verderben schmetternden Gesang eröffnen, in tvenigen Augenblicken werben sich, wildgewordenen Bestien gleich, die Gegner auseinander stürzen. Ein jeder bis zu äußersten Wut entflammt, eilt jeder va banque spielend.

Siegt der Brite, dann sinkt der Ruhm und Glanz ihres Vaterlandes in Staub. Dann ist Napoleon, ihr einst so ver­götterter Napoleon, bald nichts mehr als ein Abenteurer! ilitb siegt. Napoleon Napoleon! Tann tvehe dir, du un­glückliches Preußen! Denn um dein Schicksal geht es hier ioeit mehr als um das des nieernmschlnngcne» Jnsellandes. Deine eigenen tapferen Heere sind vor zwei Tagen ge­schlagen: wird heute auch dein Verbiindeter vernichtet,, was ivird dann aus dir? i

T^oska schlingt in qualvollem Weh die Hände ineinander. Ohne'sich dessen beivnßt zu tverden, fühlt sie plötzlich ganz in Otto von Jägers Seele, ^ie fühlt die brennende Qual, die sliegende Angst um das Schicksal seines Vaterlandes.

Nur das nicht! 'Nur das nicht!" stöhnt sie mit trocke­nen! Munde.Gott! Gott! Schlitze Preußen! Laß Preußen nicht untergehen. Um seinetwillen! Um Ottos willen mache

eS groß und---"

Mit einen, Aufschrei, ivie ein gehetztes Tier springt DoSka ans. Heiliger Gott! Schon dieses Gebet ist Verrat! Verrat an ihrem Vaterland! Nein, nicht Verrat! Können denn nicht Frankreich und Preußen in edler Brüderschaft nebeneinander bestehen? i

Niemals, solange ein Napoleon herrscht!

> So ist's doch Verrat! Verrat an Napoleon, Verrat an ihrem Baterlande so wie Napoleon es sich denkt: wett- beherrschend mecrbeztvingend!

Verrat! Verrat! Der alte zeternde Oheim hat recht: Ihre Seele ist vergiftet sie kann nicht einmal mehr beten, ohne Verrat zu begehen. Entweder an dem einen oder an dem andern: Verrat an Vater und Heimatland oder> Verrat an dem Gatten! An dem Gatten, den ihr Herz doch

allen zum Trotz mit glühender, verzweifelter Liebe liebt, von dem sie nicht einmal weiß, ob er noch am Leben!

I» iah ausbrechendem, unbändigem Schluchzen wirft sich Toska auf das schmale Ruhebett, das mitten M Zimmer steht, und vergräbt ihr Haupt in die Kissen. 1( Das Brüllen der Kanonen durchdröhnt die Lust ein brandendes Meer krachender Donner bricht immer von neuem aus unzähligen Geschützen ein höllisches) stnn- betanbendes Getöse! Toska rührt sich nicht. Höchstens, daß sie noch tiefer das blonde Haupt zu begraben trachtet, noch fester die Finger in die Ohren zu bohren sucht.

Nur nichts mehr hören! 'Nichts mehr sehen, um nicht Verrat zu üben. Schicksal, nimm deinen Laus. Zermavme den, der zermalmt werden soll! Und Erbarmen! Zertritt! zertritt auch mich!

Sie hört es nicht, Ivie hinter der schmalen, helleichenen Tür in allen Tonarten ihr Name gerufen ivird, hört das polternde Klopfen nicht. Mit einem Male führt sie aber doch empor. Mit wirren Angen blickt sie um sich. Durch die eingeschlagenc Füllung der Tür schaut das grämliche Gesicht ihres Oheims Eugen von Eure mit dem Ausdrucke höchster, kleinlichster Angst herein. ,

Toska! Toska! Bist du taub? Bist du von Sinnen? .Hundertmal habe ich an die Tür geklopft, nein! Ge­schlagen! Habe gerufen! Geschrien! Alles umsonst!" Er öffnet den Riegel der Tür von außen her und schiebt seine lange, hagere Gestalt durch die schmale, niedrige Oefsnuna. Jetzt steht er mitten im Zimmer.Die Preußen sind daw Tie Preußen?!" Ein irrer Schrei. Ihre seinen .Hände umklammern ihren Kopf, als müsse sie den znsammen- halten, daß er nicht zerspringe.Unmöglich!"

Nichts ist unmöglich! Schnell! Schnell! Eile dich! Wir müssen Gewißheit haben. Der Landbote ivill ihre Vor­posten oben ans der Höhe, im Bois de Paris, gesehen haben. Hier!" Er wirst ein Bündel lose zusammengerafiter Kleider vor ToSka auf den teppichbelegten Boden.Kleioe dich um! Der Sonntagsstaat: Rock, Mieder, Umschlagtuch von einer der Mägde." Mit spitzen Fingern erfaßt er nacheinandev jedes der genannten Kleidungsstücke und hebt es leicht empor.Es geht schon nicht anders." Die schmalen Lippen ziehen sich mit einem Ausdruck von Ekel noch tiefer als geivöhnlich herab.Es muß sein! Um Frankreichs willen!"

Toska starrt ihn mit großen, verständnislosen Augen an.Was soll ich damit?"

Es anzichen! Dich in diese Kleider iverfen! Aber rasch, rasch!" drängt der Oheim, näher an sie herantretend, als wolle er ihr behilflich fein.Du mußt hinauf nach St. Laml- bert. Am besten mit einem Korb Eier am Arm, als woiltest du die in der Stadt znm Verkauf anbieten. Du beherrschst die deutsche Sprache ivie deine Muttersprache. 'Niemandwird Verdacht schöpfen. Eile dich! Eil? dich! Jetzt kannst du gnt- machen, was du durch deine Heirat verschuldet!"

Noch immer begreift Toska nicht Aber ans dem tiefsten Grunde ihrer Augen kriecht ein Entsetzen berauf--