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NlUr,, ein Korporal lVi Rthkr,, »in Gefreiter 1*/» Rthlr, 'Danach kann man sich eine Barstellung davon machen, welch' ungeheuer« Summen durch die fortgesetzten Einouartierungen und Kontributionen von den Bewohnern erpresst wurden, und man wird begreifen, daß im Lause der langen Kriegszeit eine entsetzliche Not und Armut einzoz. Nach der vernichtenden Niederlage der Schweden bei Nördlingen wälzt sich der Strom der Kaiserlichen, Schrecken und Verderben verbreitend gen Norden und überffutct auch das schon furchtbar mitgenommene und ausgesaugte Schlitzer- lanv, Immer entmenschter wüten die durch die lange Kriegszeit verrohten beutegierigen Soldatenscharen, ganz einerlei, ob sie der .evangelischen oder der katholischen Kriegführenden Parier an- ge hörten Der einstige Religionskrieg ist ein ausschließlicher Raud- Und Beutekrieg geworden.
Anno 1635 überfluten wilde Kroatenscharen unter Jfolani Und Marco Freiherru von Corpes das Schlitzerland, Die kaiserlichen Offiziere nahmen in der Vorderburg Quartier und erpressen trotz der unbeschreiblichen Not 896 Rthlr
Damals wurde von Fulda her zum zweitenmal der Versuch gemacht, das Schlitzerland wieder katholisch zu machen. Der evangelische Pfarrer berichtet darüber im Ktvchenbuch: „Dienstag 21, July wurde ich auf Befehl des Apis von Fulda meines Pfarramts Widder beraubt, aber der katholische Priester sich des Pfarramts in Deinem Theil wedder mit Predigt, noch Sakrament administrieren, noch Taufe vorgenommen, sondern aus Furcht vor den Kriegern sich Widder nach Fulda begab (sowohl auch der Kirchner und Schuhlmeistcr)," Es war vielleicht noch andres Moment, das die von Fulda Gesandten zum eitrgen Abzug brachte, nämlich der Ausbruch einer zweiten mit erschreckenden Heftigkeit auftretenden entsetztick>eu Pestcpidemie. Tie verheerende Wirkung der Seuche wurde begünstigt durch die zahlreichen, armen, halbverhungerten Landbewohner, dre vor den Greueltaten der Kroaten im Städtchen Zuflucht suchten, in der Meinung, hier doch etwas mehr Schutz zu haben, als auf dem flachen Lande,
Ganz erschütternd ist es, im Kirchenbuch die lange Liste derer «i lesen, die der Pest zum Opfer fielen. Jim Augustl raffte dte Seuche 109 Menschen dahin, im September 330 an manchen Tagen bis zu 20 und mehr; im Oktober 200, im November S6 um im Dezember wieder fast ganz zu erlöschen Oesters liest man die Bemerkung; ..Und ist alßo dteß Hauß rein ausgestorben," Im ganzen fielen ihr in wenigen Wochen 684 Menschen zur Beute, im Schlitzerland zusammen nach einer Bemerkung im Kirchenbuch 956, Eine alte Abschrift aus einem leider nicht mehr vorhandenen Buch der Bäckerrnnung in Schlitz berichtet
i ogar von 1100 Toten, und gibt uns im übrigen een anschau- iches Bild sener schrecklichen Zeit, Wir lesen darin: „Zum Ge- >ächtniß der Nachkommen ist in das Becker Bach geschrieben worden. daß in dem Jahr 1635 hier in Schlitz und fnldischem Landt et» gemein groß landsterben grweßen, und in Schlitz und auf bei, Dörfern an der Pest gestorben sind auf dte Eilfhundert Menschen Jung und Alt, man hat dazumahl als eben das sterben im Herbst wahr, manchen tag 20 oder 24 menschen aus «inmahl begraben, daß denn vifter geschah, daß ein oder mehr Kerlen Ein Tobten auf den Kterchhoi zum grabe trugen, den anderen tag trug man die oder der träger ein theit wieder zu grab daß alßo keiner vor dem Tobte dasmahl siecher sehn kante, E« war auch so eine betrübte Zeit, da« dte Lcudtc aus furcht des todtes, die rüden und Kraut, auch äpfel und birn, wie auch den ftachh aus der stauchet stehen und liegen laßen und nicht- heim schafften, das gar erbärmlich ivahr, daßmahl starb auch mein Beiter Sans Paul der älter und 3 Brüder, wie denn auch mein Schwäger schwieger und schwagcr und halfen alßo auch die sahl der 1100 erfüllen," Kaum ist diese schreckliche Pestzeit vorder da stellt sich auch schon ein anderer unerwünschter Gast ein, ,63<>/37 nänilich eine furchtbare Teuerung und eine damit verbundene grauenvolle Hungersnot Darüber hören wir in oben angeführter Urftlnd« Folgendes: „Weilen noch Raum und Platz da gewesten, Ist »um Gedächtniß dte beschwehrliche Zeit beschrieben Worden, so in den Jahren 1636 und 1637 hier in Schlitz bey dem großen Krtegsweßen wir erlebet und gesehen haben. In den bemelteten Jahren galt «in Maaß Korn 3 fl, 14 Böhmß (Gulden etwa 2 Mk, Wert: Kaufwert nach unserm Geld etwa 6—8 Mk,, 1 Böhm = 6 Pfennig), ein maaß Gersten 3 fl ein viertel Korn (3 Ztr.) 16 spanische thaler oder 26 >2 ft, 7 Böhmß, die Gersten wahr 16 reichsthaller oder 24 fl. Dazumahl aßen die armen Leute Hundt und schweinenfleisch von maßen, etliche bucken Eichel brodt, auch leinkuchen Brod, und kochen die Frösche aus den Teichen und Pfützen zur nahrung. In SumMa es war so eine elend« Zeft, das auch viele Leudte Hungersnot stürben, welches viel, dte jetzt noch lehen, wohl erfahren und nicht genug befchrer- ben können!"
1686 haben die Gerichtsjunker wieder einnial Ursache, bei den Kriegsräten in Kassel Beschwerde zu führen über vvrgekommene Plünderungen, und bemerken dabei bitter, sie wären schließlich
r 'ungen, „sombt den wenigen noch vorhandenen armen und aufs Mark auSgesogenen Leuthen di« übrigen bloßen Hütten »u verlassen und notwendig den Bettelstab zu ergreifen," Außerdem bringen die Gerichtsjunker noch Folgendes vor: Bor ein haar Monaten seien sie von dem Obrtsten Jean de N i»e t h zu einer Kontribution nach Hirschfrld (HerSseld) gezogen worden,
hätten sich deswegen mit ihm verglichen, damals, als dt« Kaks«, lichen in der Nähe waren. Abgesehen von einem geringen Nach- stand sei alles geregelt worden, hernach aber, da er sein Gebiet verlassen, sei es von den Kaiserlichen okkupieret worden, denen sie ebenso Kontribution bringen mußten. Nach seiner Rück kehr habe er den ganzen Rest von 150 Rthlr, unter starker D-drobun- militärischer Exekution gefordert und sie solche aus Furcht bä Bedrohung in zwei Zielen zu erstatten sich erboten, „Der ObrO wollte aber damit nicht zufrieden sein, sondern mit Arrestterung unsres zu dem Eicht äbgesertrgten Schultheiß seiner Bedrohung zu eftektutren angefangen und den Kapitän Hausmann mit einem starken Trupp mousguetiere geschickt, damals als noch obendrein Kapitän Knoblauch vom Romrodsehen Regiment in Schlitz im Quartier lag. Die Leuthe in Anast erftären sich bereit, alles was immer möglich zusammenzubrtngen, auch dazu der Anfang gemocht, als gemelter Kapitän Hausmann den zur Einnahme verordnet«« Personen dte Zeit nicht gönnen wollen, sondern von ihrem Ort in sein Logement abführen und daselbsteil verwahren lassen, die Soldaten aber hin und Widder in di« Häußer geschickt, was rhnen gefallen, geraubt und geplündert. Da Man ihm dein Kapitän 120 Rthlr, auf Abschlag erlegt, nicht allein schimpflich verworfen, sondern aiuh seinen Soldat, daß sie Kisten und Kasten auftchlagen, nahmen und plündern sollten öffentlich zum Fenster herausgeschrieen, welchem sie so fleißig nachkamem daß auch de« Kirche nicht geschont wurde, (sie wurde zum 1, Mal geplaudert 1628 von fuldischen Soldaten.)
Am andern Tag habe er „nicht eher weichen wollen, bis man ihm 220 Rthlr,, also 70 mehr, als anfangs gefordert, in barem Geld erlegt.
Danach wurden von dem Major Lantzberger dieser bezahlten Tontribution ohngeachtet 100 Rthlr, angesordert,"
Noch ein andrer Kapitän Namens Haustein sei gekommen und habe gedroht, „es noch ärger tun zu lassen, als es der Obrist Nrzeth habe tun lassen". Er forderte die „Kleinigkeit" von 5000 Rthlr,, „so ihm die unsrigen vor 2 Jahren auf Hirschberg (Burg Herzberg bet Grebenau) zu erledigen schuldig gewesen fern sollen, wo doch zur Zeft nicht dieser Kapftän Hanstern, sondern Knoblauch von dem Romrvdschen Regiment allhier die Contvibution und Quartier gehabt. Ließ unfern Leuthen eine ansehnliche Herbe Brey entführen",
Di« Gerichtsjunker bemerken schließlich voll Bftterkeft zu diesen entsetzlichen Drangsalen: sie würden „fast wie Feindliche behandelt, ein Jeder fordere nach Belieben und gehe sofort zum Raub« über,"
Die Kriegsräte forderten daraufhin den Obersten Nizeth aus, Über die Tat des Kapitän Dausmann an Landgraf Wilhelm zu berichten, und geben dem Offizier selber di« Mahnung: „An Euch das ernstliche Begehren: „Ihr wollt es bei Euer» Unter- gebenen dahin richten und die gehörige ernst« Verordnung thun, damit die geplanten Prozeduren unterbleiben und niemand beschwert werde".
Doch es ist nunmehr ein Ding der Unmöglichkeft, der durch die lange Kriegszeit völlig verrohten, beutegierigen Soldateska, wie auch ihrer Führer beizukommen. Bald hier, bald dort wrrv ein Soldat im Streit von andern getötet. Auch ein schwedischer Leutnant „Dörkels Anderson von Godenburg einer vornehmen Handelsstadt in Schweden" wurde von seinem Rittmeister erstochen und hier beerdigt,
1687 sind es »ur Slbwechselung wieder einmal Kaiserliche, di« von den bis aufs Blut ausgesaugten Bewohnern wiederum gegen 1000 Rthlr, erpressen. Es war die Aufbringung der Summ« aber noch dadurch möglich, daß zunächst Otto Hartmann von Schlitz gen, von Görtz den Betrag vorlegte, um ihn später auf die einzelnen Ortschaften ausschlagen zu lassen. Unter diesen Orten wird noch Berngerod aufgesührt, nordwestlich von Schlitz gelegen : er ist in jener furchtbaren Zeit dann von seinen wenigen Bewohnern verlassen worden, schließlich gänzlich vom Erdboden verschwunden und heute erinnert nur noch ein Walddistrikt „Berngerod" an ein vor langen Zeiten einst vorhandenes Gemeinwesen, Immer trostloser gestalten sich infolge der jahrelangen unaufhörlichen Drangsale die Verhältnisse, Aus einem Schriftstück vom 1, August 1637 klagt ein Unbekannter, daß „dte liebe Frucht mehr Schoden erleidet, welcher mehr zu beklagen, als zu beschreiben ist. Ae noch wenigen übrigen armen Leute seien aber „hurch Pest, Hunger, Contribufton, Einlogieren und Plünderungen dermaßen ruiniert, daß wann die praetendierte Schuld bezahlt werden solle, die ihnen zu bezahlen obnmöglich, ansonsten man bie leeren Hütten wüst und öde stehen lassen müßte, womit niemand nicht gchient und die armen Leute gar zur Desperatronl gebracht" würden.
Daß die Verhältnisse ganz trostlos waren, geht wohl auch daraus hervor, daß selbst ein kaiserlicher Offizier bei seinem General Jfolani für das Gericht Schlitz sich verwendet: Es set „von kroatischen Völkern dergestalt okkupieret, daß das Vermögen geringer, als zu beschreiben ist".
Nach, Abzug der Kroaten rücken wenige Wochen später trotz der beispiellosen Not und Armut wieder Heisen-Kasselcr ein und nehmen durch Wochen lang andauernde Einguartienmgen den wenigen noch übrig gebliebenen, unglücklichen Bewohnern das Letzte, was sie besitzen.


