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Langsam ringt sich die Sonne des 18. Juni durch graue

Regenwolken. Auf einer Anhöhe bet Rosomme, etwa tausend Dieter südlich des Vorwerks BeKe-Alltance, hält Napoleon auf seinem arabischen Pferde. Neben ihm einige Herren seines Stabes. Auch Marschafl Ney ist unter ihnen und General von Eure.

Das sonst so kalt verschlossene Antlitz Napoleons erhellt ein Leuchten stolzer Befriedigung. Hier fühlst er sich wieder so ganz in seinem Element! Seine Truppen, die auf der breiten, wohlgepflegteu Straße von Genappe nach Belle- Alliance an ihm voriiberziehen, umjubeln voll heißer Kam­pfeslust ihren Abgott, ihren Kaiser. Mas tut's, daß sie die regenschwere Nacht unter freiem Himmel durchwachten:? Heute heute silhrt er sie von neuem. Ruhm und .Sieg !

Und des Kaisers dunkles Auge ruh: mit triumphieren­dem Glanze auf seinen Heereua aus dzr prächtigen Reiterei, auf der straff geschulten Infanterie, aus Kürassieren und Grenadieren, auf Dragonern, aus den Jägern zu Pferde, auf den Ulanen. Die Trommeln rasseln. Die Trompeten schmettern. Alte Schlachtlieder, in tausend Siegen gesungen, rauschen von den Musikbanden begleitet an Ohr und Seele des Kaisers vorbei. Die Fahnen die Fahnen wehen und flattern. Sie neigen sich huldigend vor dem Sieger so vieler Schlachten. Was ist aus ihren Bändern zu lesen? Lodi Ulm Austerlitz Jena Eylau Wagram ! Seine außerordentliche Vergangenheit zieht mit diesen Tro­phäen an seinem geistigen Auge vorüber. Und der Glanz der Erinnerung, der Glanz der Gegenwart ist so strahlend, so blendend und berauschend, daß er jede trübe Vorahnung, jede geheime Sorge der letzten Wochen verschlingt, daß kein gespenstiges Bangen mehr an seine Seele heranschleicht. Mit diesen Truppen muß er siegen! Er winkt. Er grüßt.Vivo I'smpsrsur! Vivs i'smpsrsur!" umbraust und umbrandet's ihn wie ein jauchzendes Meer.

Die Fahnen wehen und flattern

Ein wunderbares Schauspiel!" kommt es fast unwill­kürlich aus Philipp von Eures Munde, der auf seinem Fal­ben seitwärts hinter Napoleon hält. Seine braunen Sonnen­augen hängen voll abgöttischer Verehrung an seinem Ge­bieter.Wer hätte das gedacht vor wenigen Wochen in Elba!"

Der Kaiser wendet das Haupt ihm zu. Ein Lächeln, so überaus selten bei ihm, kräuselt seine feinen Lippen.

Ja, General! Damals und heut! Ich denke, ich darf an meinen Stern noch glauben! Die Erde scheint stolz zu sein, so viele Brave zu tragen. Und all diese Braven sind mein!"

Und Sire, das Beste von allem: der Gegner kann dieses großartige Schauspiel überschauen. Dieser Anblick wird ihn zittern machen!" ruft Marschall Ney. Etwas Lautes, For­ciertes liegt heute in seinem Wesen. Mit graziöser Unruhe, die sich vom Reiter aufs Roß überträgt, tänzelt sein Brauner mit ihm umher.

Napoleon aber setzt das Fernrohr an.

Dort im Norden von Belle-Alliance unter einer weithin- ragenden Ulme, erblickt er den Herzog Wellington. Hinter ihm, bei Monl-St.-Jean zu beiden Seiten der Brüsseler Straße, auf dem lang von West nach Ost sich hinstreckenden iböhenzuge stehen seine Briten, und die ihnen verbündeten Hannoveraner, Nassauer, Braunschweiger, Niederländer wie die Mauern.

Wie die Mauern! In geringschätziger Verachtung zieht Napoleon die Schultern hoch. In wenigen Stunden werden sie zertrümmert sein, von diesen seinen herrlichen Truppen, die noch immer unter tosendem Jubel an ihm vorüberziehen dis nach Belle-Alliance, um von hier aus nach Ost und West in zwei Strömen auseinander zu fluten und rechts und llnks von der Straße in langer Formt auf dem Höhenrücken den Feinden gegenüber Aufstellung zu nehmen. So wie er »or zwei Tagen die Preußen in die Flucht geschlagen, die er jetzt von Marschall Grouchy verfolgt, auf Namur zu, der Heimat entgegen, auf dem Rückzug glaubt, so wird er heute d<*se da, ihre Verbündeten schlagen. Nein, nicht schlagen! wird sie vernichten. Und dann fürchtet er auch Oesterreicher «nd Russen nicht mehr!

Dann ist Frankreich ihm gerettet! Dann ist der Thron Mn. Sern und seines Sohnes! /

Ein Feuer heißer Ungeduld flammt aus den Augen deS Kaisers. Daß es erst so weit wäre! Daß doch der Aufmarsch erst beendet! Er brennt vor Begierde, endlich angreifen zu khnnen!

Und nun naht die Alte Garde, diese Elitetruppe, die de» Imperator als letzte Reserve hinter der Schlachtordnung irt der Hand behält.

Die Alte Garde die Unbesiegbaren mit denen sein Schicksal aufs engste verknüpft ist.

Eine herrliche Truppe die stolzeste von allen.

Und doch geht ihm hei ihrem Anblick ein Stich durchs Herz. Die Falte zwischen den dunklen Brauen vertieft sich.

Auf den Schneefeldern Rußlands beinahe vernichtet, hat sie bei der Neuausschreibung im Mai ihre Sollstärke nicht entfernt erreicht.

Doch im Augenblick ist der heimtückisch stechende Schmerz vergessen, der Schatten auf seinem Antlitz wieder verwischt.

Ein ungeheurer Jubel dricht los> er umbrandet ihn förmlich.

.Vivo I'smpsrsur! Vivs I'smpsrsur!"

Sie, die bärenmützigen Unbesiegbaren sind wie im Rausch.

Und hingerissen von den Begeisterungsstürmen zieht Philipp von Eure den Hut.

Sire, daß wir in diesem Augenblick in die feindlichen Reihen einbrechen könnten! Weggewcht würden sie werden, wie Schiffe vom Orkan!"

Napoleon nickt. Er hat das gleiche Empfinden. Er fie­bert geradezu vor Ungeduld. Wonne wär's, die jubeltrunke- nen Massen jetzt auf die Feinde loslassen zu können! Ader noch muß er kaltblütig sich Zügel anlegen! Noch ist die! Schlachtordnung nicht in allen ihren Teilen vollendet. Aber

wenn dies geschehen ist ! Dann! Dann!

Im Turmzimmer des Schlößchens von Frischermont steht ein junges Weib, den Arm um das Kreuz des geösfi- ncten Fensters geschlungen. Toska ist es. Totenblässe bedeckt ihr Gesicht. Die einst so weichen Züge sind scharf, wie mit einem Messer geschnitten. Mit weit vorgcneigtem Kppf schaut sie aus Augen voll verzweifelter Herzensangst auf das Bild, das sich zu ihren Füßen entrollt hat.

Welch ein Anblick! In seiner lebenssatten, todgeweih- ten Schönheit macht er ihr Herz bis ins Innerste erbeben. Auf zwei langen Hügelreihen stehen die Feinde einander geaeiv- über. Aus der nördlichen, mit dem Rücken gegen Mont-St.- Jean, zu beiden Seiten der Brüsseler Straße, haben den Angriff schon seit dem frühen Morgen erwartend die Eng­länder und ihre Verbündeten ihre Aufstellung gefunden. Oestlich und westlich der Meierei Belle-Alliance, in gleich langer Kette die Franzosen . . . Zwischen ihnen ein «Boa ztpetiauseud Meter breiter Grund, in dem Im Westen daö teste Schloß Hmmomonü an der von Nord nach Süd ihn durchquerenden Straße der Pachthof La Haye Sainte, und im Osten, unterhalb^rischermont Papelotte und La Hay« eingebettet sind,> kleine Kastelle, von den Truppen Wel­lingtons besetzt.

Aus den untersten Stufen der terrassenartig ansteigen­den Höhen hat ein jeder der beiden Gegner seine Artilberi« aufgepflanzt. Mit unheimlichem Drohen ragen die schwar­zen Rohre in die helle Luft.

Daß man den Schleier des Schicksals heben könnte! Wer wer wird ain Slbend der Sieger sein?

(Fortsetzung folgt.)

Die Leiden der Stadt Schlitz und der Schl tzerlandes iin 30jährigen Nrieg.

Von Stadtpfr. Boeckner -Schlitz.

(Schluß.)

Im September liegt wieder zahlreiches Hessen-Kasseler Kriegs­volk im Schlitzerland. Am 2 September 1634 schreibt Landaras Wilhelman sämtliche Generale" zu Schlitz, dem in Htrsästeld (HerSsetd) einlogiertcn Kapitän Knoblauch sei auf Anweisung des Landgräfl. Amtmanns von Peterswaldt das Gericht Schlitz zu seinem Unterhalt zugewiesen:alß ist unser gnädiges Begehren, daß Ihr denselben und damit den 8. huius ansangt daselbslhin wöchentlich richtig abliefert, damit kein Mangel erscheine und in Vcrpleibung dessen die Soldaten selbigen Unterhalt vermittelst militärischer Exekution selbst einzubringen nicht veranlaßt'werden."

Jittcressant ist ein Verzeichnis der wöchentlich für die ein- guartierten Soldaten zu zahlenden Verpstegungsgclder. Es er­hielten: ein Kapitän 17 Rthlr., ein Leutnant 9 1 /« Rthlr., ent Wachtmeister 9Vs Rthlr., ein Fendrtch 7 1 /, Rthlr., ein Sergeandl 2 Rthlr., ein Fourier 8 Rthlr. 8 Albus, ein Kapitän därmttz 2 Rthlr. ein Trommelschläger Isi, Rthlr., ein Feldpseiser IV,