Donnerstag, den \ 2 . November
lau
Die hundert Tage.
Pfi'inmi aus dem Jahre 1815 von M. von Witten.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Das steht außer allem Zweifel!" bestätigt Philipp von Eure in seiner feurigen, gewinnenden Weise. Er wendet sich mit lebhaftem Gesten- und Mienenspiel seinem kaiserlichen Herr", su. „Wenn man bedenkt: Wellington, der sonst so vorjianrge und kluge Wellington, zieht sich erst morgens gegen zehn Ilhr aus seiner gestern behaupteten Stellung bei Quatrebras zurück. Ney heftet sich an seine Fersen. An den Dyle Brücken bei Genappe kommt es mit der Nachhüt zum Gefecht! — Hätte der Marschall tapfer zugegriffen, wie es sonst seine Art loar —> was wäre aus Wellingtons Arinee geworden, da Euer Majestät Ney auf dem Fuße folgte?!"
„Sie haben recht. Und doch, das ineinte ich nich. Ich dachte an den Augenblick, da die zu nickgehe nde englische Armee Mont-St.-Jean erreicht, — da unsre Batterien ihr gegenüber nördlich von Belle-Alliance aussnhren nnd, den rückwärts haltende» englischen Fuhrpark beschießend, eine heillos.' Panik unter den Briten verursachten, so wie mir das," er wandte sich gssge» seinen Begleiter zu seine» Rechten — „Graf Bertrand geschildert."
„So war es, Sire."
„Warum hat da der Marschall, sonst der tapferst« meiner Tapseru, nicht sofort angegriffen?!"
,.Sire, er hatte keinen direkten Befehl."
.Lii;i wenn auch nicht! Er war der Erste von uns beiden am Platze. Er mußte handeln " Ein Windstoß, von Rege» aeschlvangert, fegt den dreien ins Gesicht nnd reißt dein Kaiser die Worte vom Munde. Fester hüllt sich Nupoleoi; in seinen Mantel. Und als siele ein Scl>tagschatten aus seiner Seele Tiefen über seine Züge, verfinstert sich sein Gesicht. „Daran merk ich's deutlich, daß mir die besten meiner Unterführer sehlen. Das Schicksal hat mir doch viel genommen!" Wieder ein Windstoß. Napoleon schauert in sich hinein
Graf Bertrand blickt schweigend zu Boden. Philipp Eure aber scheint die letzten Worte uberhdrt zu haben.
„Sire — gestatten Sire, daß ich den Marschall verteidige?" ruft er in seiner lebhaften Art, immer bemüht, überall das Gute herausznfinden und ins rechte Licht zu rücken,
Napoleon bejaht mit einer leichten Neigung des Hauptes. Ganz mechanisch. Wer sein Siimen wellt schon wieder bei den Engländern: werden die standhalten? Werden die morgen noch standl)alten?
„Der Marschall hatte keinen Befehl von ®»t> Majestät, Wellington bei Mont-St.-Jean anzugreifen. Er war ein- geschüchtcrt durch seine bei Quartrevvas begangenen Fehler; eingeschüchtert dadurch, daß er dort nicht glücklich operiert." So spricht Philipp von Eure auf Napoleon ein, der, den forschenden Blick in die Fern« gerichtet, mit mrbeiveglichem Gesicht neben ihm schreitet ,.Er wagte eS nicht, die Verant
wortung auf sich zu nehmen und zog es vor, Euer Majestät Ankunft abzuwarten. Bedenken Sire" — nun stockt der General doch.
„Was —?!" Ein kurzer, kalter Seitenblick Napoleons,
„Daß — —!" Philipp von Eures Stimme senkt sich. Langsam und zögernd kommen seine Worte. „Daß, wäre ein solcher Angriff mißlungen, der Marschall bei dem Berhältnit — bei dem Verhältnis, das ihn noch vor kurzem mit Ludwig XVIII. verbunden, vielleicht bet Euer Majestät in den Verdacht des — Verrates gekommen wäre —"
Napoleons Haupt sührt herum. Drohen und Erschrecken steht in seinen Angen.
„Welch ein monströser Gedanke!"
„Verzeihung. Sire, das war des Marschalls eigne Befürchtung. Und so unbegründet an sich sie auch sein mag, angesichts des Verhaltens von Marmvnt im Boriahre, angesichts des Verhaltens von General' Bourmont vor wenigen Tagen, wäre — und sei es auch nur in der Meinung de» Truppen — auch vielleicht ein Verrat Neys als möglich erschienen."
Napoleon blickt gradaus. In ehernen! Schweigen. Der Sturm peitscht ihm von neuem den Regen ins Gesicht. Er schauert von neuem in sich hinein Wer nicht vor Wind und Nässe. Wie unsinnig dieser Gedanke Und doch, daß er überhaupt gedacht werden konnte! »
Wank! ihm der Boden denn wirklich unter den Füßen? Ist sein Thron wirklich ans so schwankenden Säulen erbaut, daß man ihn überall von Verrat umlauert glaubt? Weiter- schreitend senkt er die Lider über die Augen.
Ein Ausruf der Freude rüttelt ihn auf.
„Sire! Sie halten stand! Dort drüben bei Mont-St.- Jean die lange Kette der feindlichen Biwvkfeuer!" Bertrand ruft es aus.
Napoleon hat jäh das Haupt erhoben. Er steht still. Mit geblähten Nüstern, den Kopf ivert vorgebeugt, trinkt sein Auge förmlich das schöne Bild. Feuer an Feuer — von West »ach Ost — in endloser Reihe. Triumph heller Triumph tritt in seine Augen.
„Sie halten stand! Sie entziehen sich mir nicht mehr! — Morgen um diese Stunde werden sie vernichtet sein!"
Da — ein schriller, durchdringender Eulenschrei. Nacht- vogelslügel schlagen. Ein schlverer Körper flattert durch die Lust. Napoleons Hut fällt vom Haupt Philipp von Eure schlägt nach dem Tiere Hohnlachend fliegt es ins Dunkel hinein.
Einen Augenblick steht der Kaiser wie gebannt. Mit großen starren Angen Ein ungeheures geisterhafte« EttvaS schreitet da aus der Nacht gegen ihn heran. Mit atemraubenden Händen greift es nach seiner unerschrockenen Seele, droht ihn »u ersticken. Da rafft er sich jählings auf, schüttelt es von sich ab mit zorniger Getvalt.
„Kommen Sie, meine Herren," ruft er laut. „Die Befehle zum Angriff müssen sofort ausgefertigt werden!"


