Ausgabe 
11.11.1914
 
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war ursprünglich ein W o d a » s v o g e l. Die Friesen drunten an der Küste muhten reckst wohl, Iver über ihnen dahin brauste, wenn die Wildgänse mit lauteinKakclkakel" ins Land flogen. Und wie die Gons, so der Schwan. So erwähnt eme schöne Sage von der oldenburgischen Geest ein Schwancn-Orakel. Als der Graf Udo im Ammerland ein Kloster errichten wollt«, wußte er nicht recht, wo sein Werk gottgefällig sei. JA Westerstede oder in Wiefelstede oder in Rastede. Ta ließ, er in Oldenburg einen Schwan fliegen. Der Vogel Wodans flog zuerst nach Wiefelstede

einem uralten Scheidepunkt, von dem die sagenhasten Kon- rebbersnege ausgehen und dann nach Rastede. Dort ließ er sich nieder, und der fromme Gras baute dort sein Kloster. Jnsolge solcher Ueherlicferuugen dreht sich heute noch aus den lutherischen Kirchtürmen in Ostsrieslaird einer dieser großen Vögel. Sie nennen's, je narl>dem er mehr oder weniger plump ist, eine Gaiis oder einen Schwan, und die Herren Pastöre, die von dem alten Wodan nicht mehr viel wissen wollen, crttären es uns mit der bekannten Prophezeiung von Huß: ich bin imr eine Gans (das bedeutet der tschcchische Name Huß im Deutschen), aber nach mir kommt ein Schwyn (Luther). Auch noch andere von St. Avon". Aus einer Medaille von 1832 sieht man einen verewigt; richtiger: einen Narren mit einer Gans, mit dem Re- Schwan Goethe zum Olymp emportragen, ein anderer Medailleur symbolisierte, sogar dieschwedische Nachtigall" Jenny Lind mit einem Schwan!

Nun, Schwäne werden wenigstens nicht gegessen! Da besinden Sie sich in einem großen Irrtum. Wenn man's bloß dazu hätte! ?lm englischen Hofe sehlen sie auf keiner Weihnachtstafel. Bei einem Prunkmahl der Stadt Paris für Katharina von Medici im Jahre 1549 wurden gleich einundzwanzig auf einmal ausge­tischt. Tic Stadt Zwickau, die drei Schwäne im Wappen sllhrt, betrieb eine Schwanenzucht aus ihrem Festungsgraben, bis Kur­fürst Christian II. zur Regierung kam, denn der Kurfürst hatte Geschmack an dem leckeren Vogel und sie (1604) nach und nach alle auf.

Tie Medailleure haben übrigens auch einmal eine Gans verewigt; richtiger einen Narren mit einer Gans, mit dem Re- v:io: Loblied zu Ehren der Gänse. Nun, ein Narr mit Gänsen könnte ebenso gut einen Borwurs sür eine Brunnenfigur abgcben, wie das bekannte Nürnberger Gänsemännchen. Ich denke da an den Ahnherrn, möchte ich sagen der langen Reihe der vormals sächsischen Hofnarren, Claus Narr, der im Dienste dreier Kurfürsten, eines Herzogs und eines Erzbischoss stand. Er war so dumm, daß er noch mit 16 Jahren zu nichts anderem, als zum Gänsehüten zu gebrauchen war. Da hörte er eines Tages Wagen rollen. Der Ruf: der Kursürst kommt, klang an sein Ohr, und da er den Fürsten sehen, zugleich aber auch seine Gänse nickt allein lassen wollte, griff er rasch die Jungen auf und zog sie mit den Köpfen durch seinen umgeschnallten Gürtel, nahm die beiden Alten unter den Arni und drängte sich so bis vor den Kurfürsten Ernst, der ihn sah, laut auflachte und

sein Talent entdeckte.

Ein drittes Gänsemännchen ebenfalls plastischer Dar­stellung wert wäre dann auch der Spitalbote aus Kaufbeuren, der alljährlich am Martinstage Punkt zwölf Uhr mittags in Kempten einttitt und zwei silberne Händletnspsennige überbrachte. Den einen bekam der Stadtkirchner,der schon darauf wartete", den anderen warf er über die Brücke in die Iller. Außerdem mußte er sich aber auch noch mit zwei Gänsen schleppen, und wehe ihm, tvenn er über die Brücke ritt wenn die Gänse das fließende Wasser sahen und schrien, dann >var sein Ritt Ungültig.

Unstreitig war die Gans der populärere der beiden Wodans- Vögel. Um eine Gänleseder, sagte meine Großmutter, muß ein Mädchen über zwölf Bäum« Reigen. Im Ruhr-Recht von 1452 lesen wir folgende schöne Besttmmung: Wem das Wasser ein Stück Land abreißt und wo anders antreibt, der mag dem nicht folgen, sondern dem es an sein Land getrieben, mag es benutzen gleich dem Seinen, bleibt aber dem Geschädigten auch nur soviel, daß eine Gans mit ihren Jungen darauf sitzen könnte, und wird später einmal daran Land angfetricben, dann sollen er und seine Erben dieses (gebrauchen.

Auf Grund solcher uralter Anschauungen war auch bei ver­schiedenen Volkssesten eine Gans sozusagen die Hauptperson. So beim Gänserich-Retten in Pegau. Wie es dabei zuging, schildert folgendes, sreilich nicht ganz kunstgerechtes Gedicht:

An zween mit Blumen umwundenen Stangen war quer ob der Bahn «ine Leine gespannt, und mitten in dieser nun wurde gehangen ein lebender Gänsrich am hänfenen Band.

Das Tier hing acht Ellen hoch über der Erden, im gestreckten Galoppe mußte man ihn, um Sieger und König im Spiele zu werden, mit Gewalt seiner starken Fessel entziehn.

Und hoch auf der Stangen vergoldeten Spitzen, hing für die Sieger der rühmlich e Preis:

Halskragen, Tücher, Westen und Mützen am lustig schaukelnden Ebischenreis.

Im Jahre 1664 erwischte ein Reiter zwar den Gänserich, aber dafür Iis.f das Pferd unter ihm weg, dem Vogel riß der Hals entzwei

und der Reiter brach das Genick. Daraufhin wurde das Spiel verboten, ja in der Folge überhaupt alles Gänsehalten untersagt, und so behauptet der Volksmund von Pegau heute noch, cs gäbe dort keine einzige Gans! Ein ähnliches Fest feierte man auch in Frankfurt a. M. Dort wurde am letzten Tage der Sachsen­häuser Kirchweih unterm Kreuzbogen der alten Mainbrücke eben- salls ein Gänserich schwebend aufgehängt, der natürlich heftig mit den Flügeln schlug, und nun kamen die Fischer im kleinen Nachen den Strom herab, der dort am reißendsten war, und suchten den Gänserich zu fassen, sprangen dazu in die Höhe, stießen sich dabei gegenseitig aus dem Boot, fielen ins Wasser, und so dauerte die Lust, bis sie schließlich ebenfalls ein schlimmes Ende nahm, worauf sie der Rat im Jahre 1675 gleichfalls verbot. Das Volk schätzt aber nicht nur Federn, Fett und Braten, sondern traut dem Göttervogel, vulgodumme Gans" auch prophetische Gaben zu. In einem Kalender von 1602 ist Folgendes zu lesen:Ihr guten Mütterlein, ich verehre euch das Brustbein, daß ihr kalendermäßig daraus wahr­sagen lernt und Wetterpropheten werdet. Das förderste Teil beim Hals bedeutet den Vorwinter, das hinterste den Nachwinter, das weiße bedeutet Schnee, das andere große Kälte." Der Deutsch- Ritterorden in Preußen unternahm im Jahre 1455 sogar einen Feldzug auf Grund einer von Gänseknochen angekündigten Witte-. rungsbestimmung. Im Fichtelgebirge gilt die Gans als Liebes- orakel. Dort treten am Andreasabend die lungen Mädchen zu einem Kreis zusammen, nehmen einen Gänserich in ihre Mitte, und zu welchem Mädchen er dannmit verbundenen Augen" kommt, di« wird im nächsten Jahre Braut.

Doch Wunder über Wunder! Es fehlt noch die Wundergans! Branta bernicla, L., von der um 1211 ein des ewigen Fastens überdrüssiger Mönch, Gervasius von Tilbury, behauptete, daß sie überhaupt kein Vogel sei, sondern eine Frucht, die aus Bäumen wüchse. Er schrieb darüber im dreiundsiebzigsten Kapitel seiner Mußestunden":In der Grafschaft Kent, bei der Abtei Fayers- ham, entstehen am Meeresstrande Bäume nach Art der.Wesden. Aus diesen sprossen Knoten, fast wie die Knospen neuer Triebs, die, wenn sie ausgewachsen sind, in Vögel verwandelt werden. Diese hängen die ihnen von der Natur erteilte Zeit hindurch am Schnabel abwärts und sallen nach der Belebung, und nachdem s!« gleichsam ihre Jugendperiode durchgemacht, mit sanftem Flügel­schlage ins Meer..." Unter Berufung hieraus wurde dieBaum-. gans" jahrhundertelang wie dieTrauerente" als Fasten­speise verzehrt, auch noch, nachdem der Holländer G. de Vera in seinem Buche über Spitzbergen (1599) die dortigen Nistplätz« der Vögel entdeckt und beschrieben hatte.

Zum Schluß: ist es denn überhaupt ausgemacht, daß dieGans wirklich der Martinsvogel sei? Der Rabe sicherlich nicht, obwohl auch er ein Begleiter desWilden Jägers" war und deshalb allezeit beim Landvolk in hohem Ansehen stand. Aber das in einiger« Martinsliedern genannteRubientje" oder Goldhähnchen? Oder der Schwarzspechtmet zyn root Kapengeltje" (Schnür­leibchen), der obendrein picus martius heißt! Alle diese Vögel tragen sozusagen Wodans Livree: gelb und rot, und lassen der Phantasie einen weiten Spielraum, eine Beziehung zu dem roten Mantel anzunehmen, den Sankt Martin mit jenem Bettler (Christus) teilte. Aber eins ist gewiß:Zeker hebben wy op St. Marten liever een gans dan een goudhaantje op tafel"...

Moderne Kriegslisten.

Die Kriegslist unsererEmden", die sich durch einen künst­lichen vierten Schornstein ein verändertes Aussehen gab und sich so dem Feind ungehindert nähern konnte, wird selbst von den Engländern als vollkommenfair" bezeichnet. Derartige Listen spielen im .modernen Kriege eine keineswegs zu unterschätzende Rolle Das Markieren von Schützengräben, in denen Helme und Knüppel im Anschlag liegende Soldaten Vortäuschen sollen, wird ja schon im Manöver geübt. Auch mancher auf einer alten Lafette ruhender Baumstamm muß dem Gegner ein Geschütz Vortäuschen. Die Belgier gingen bei der Verteidigung des Forts Wavre-Sk. Catherine noch weiter, indem sie durch selbsterzeugte Explosionen den Anschein erwecken wollten, es seien Teile des Forts in dio Luft geflogen. Als dann deutsche Jnsanterie anstürmte, begannen die Belgier plötzlich wieder zu feuern. Freilich nützte ihnen di« List wenig. J!n der Schlacht von Champiguy am 30. Rvvember 1870 gewahrten die Württemberger auf dem rechten Fwgel der Fran­zosen eine Abteilung Helme tragender Soldaten. Außerdeni hörte man den Ruf:Hurra, die Sachsen!" Die Württemberg» stellten daher nach dieser Richtung ihr Feuer ein, weil sie glaubten, die Abteilung gehöre zu den aus Le Plant vordrängenden Sachsen. Bald aber erblickten sie unter den langen Mänteln der Helmträger die roten Hosen der Franzosen. Ein tüchtiges Schnellfeuer ver­eitelte jedoch deren List und zwang sie zur schleunigen Flucht, wobei sie die den Sachsen abgenommenen Helme eilig von sich warfen.

Wenigerfair" ist dagegen di« von den Franzosen 1870 mehr­fach geübte List, die Deutschen durch Schwenken einer weiße» Fahne zum Einstellen des Feuers zu veranlassen und sie dann, als sie aus den Schützengräben herauskamen und die Franzosest gefangen nehmen wollten, plötzlich mit einem Kugelhagel zu über­schütten. Das geschah bei Champigny unk auch bei sedan, wv die vierten preußische» Jäger die Opfer einer derartigen Falle wurden.