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sich mit der Linken, die er freigemacht, auf den M>und klopft. „Es ist Zeit! Zum Dienst. Herr Rittmeister! Ich! erwarte tunlichst bald Ihre Nachricht von Wellington. Und Unteroffizier Schneioer! Wenn noch was in dem Eimer ist: ich habe Durst!"
In dieser Nacht gibt es weder Ruhe noch Schlummer. Die Geister der Erschlagenen ziehen klagend durch die Luft, die Geister der Lebenden sinken nicht Frieden. Ruhelos harren sie, neuen Kampfes gewärtig, oder sie flüchten von. dannen. —i i
Der Herzog hat all die tapfere» Angriffe der Franzosen unter .Marschall Ney bei Qatatrebras abgeschlagen. Run kehrt er als Sieger in fein Hauptquartier nach Genappel zurück.
.Als Sieger!
Um alles in der Welt nur nicht den Briten in die Hände fallen, de» Briten, den Todfeinden Napoleons, die in der Frühe des nächsten Mörgens sicherlich von Quatrebras her in Genappe anfluten werden!
Auf der großen Straße Genappe—Waterloo und dann bei Glabais direkt nach, Norden ausbiegend, fährt ein eleganter, vierspänniger Reise wage» dahin. Ein alter, schmalgebauter Herr mit dem engherzig-egoistischen Ausdruck eines vornehmen Junggesellen yt den faltigen Zügen, aber mit schönen, müde-melancholischen Augen, lehnt im Vordersitz.
Neben ihm zur Linken eine Dame mit müden, erschlafften Gliedern. Jung und schön. Weiches, goldblondes Haar bauscht unter dem seidenen Schutenhütchen hervor und umrahmt das feine gelbweiße Gesicht mit dem süßen, schwellenden Munde, das von irgend einem Erdenleid wie von einem dunklen Schleier überschattet ist.
Die Lampe, die in einer Ecke des Wagens an der Rückwand brennt, beleuchtet hell genug die beiden.
Sie fprecken kein Wort. Schon seit langem nicht. Jeder ist in seine Gedanken versunken.
Endlich fährt der alte Herr, den Stock mit der Elfenbeinkrücke gegen den Boden des Wagens stoßend, auf:
„Wahnsinn, Marbleu! Nach Norden zu fahren! Der Kaiser steht im Süden —"
„Aber Oheim!" Die junge Frau hebt ei» wenig das
a t. „Zwischen ihn und uns haben sich die Engländer gern. Uns bleibt doch keine Wahl."
Der alte Herr brummt etwas in seinen vollen weißen Spitzbart.
Und außerdeni, wo sollten wir hin, wenn wir nicht in Genappe bleiben wollten?"
„In Genappe? Jetzt i» Genappe bleiben? Um alles in der Welt nicht!" Mit drohenden Augen sprüht der Onkel! die Nichte an. „Was hast du manch».al siir Ideen, Doska!" Die Angeredete achtet des Vorwurfs nicht.
„So ist Frischermont unsere einzigste Zuflucht," fährt sie in müde-gleichmütigem Tonfall fort. Deine Schwester wird uns mit Freuden empfangen — ihr Schlößchen ist fest gebaut. so daß es uns in jedem Falle eine Zuflucht bieten kann —"
„In jedem Falle?" fährt Eugen von Eure auf. „Toska, soll das etwa heißen, daß bit f . . daß du kein Vertrauen« mehr zu Napoleon hast?!" Er umklammert unsanft ihr Handgelenk. „Diese deutsche Ehe hat dich mit einem Gift durchseucht--!" >
Sie zuckt kaum sichtbar zusammen.
„Laß!" Mit einer erzwungene» Gelassenheit macht sie sich los. „Du tust mir weh!"
„Verzeih!" Er verbeugt sich weltmännisch. „Das wollte ich nicht. Aber du hast eine Ariz einen um alle Miste zju bringen."
„Weil du mir mißtraust!" Ihre Lippen zucken.
„Ich dir mißtrauen?!" Mit grillig-zänkischem Feuer sprühen seine Augen ihr ins Gesicht. „Sag, du mißtraust den Waffen Napoleons, mißtraust seinem Genie, seinem! Stern! Das ist das Gift, mit dem dieser Preuße dick) infiziert! Du bist nicht mehr fähig, unfern Herrlichen in reiner, schrankenloser Hingabe zu verehren. — Aber ich sage dir: er ist noch der Alte! Der svnnenstrebeude Aar! Geschlagen wurde gestern Ney! Nicht Napoleon! Napoleon hat die Preußen gestern geschlagen! Und nwrgen wird er Sieger über die Briten sein. Dann ist Frankreich gerettet. Seine Feinde liegen ihm, von neuem bezwungen, zu Füßen! In älter Glorie steht das Vaterland da. — Oder?" er biegt das Haupt mit der scharfen Nase herunter und weit vor,
so daß er von unten herauf in Toskas Antlitz blickt. „Oberst Seine Augen bohren sich sörmlich in die ihren. „Oder entspräche das den Wünschen meiner Frau Nichte etwa nicht?"
Toska hält dem bohrenden Blick des Oheims stand. Aber um ihre feinen Lippen zuckt es von neuem und ihr« Augen füllen sich mit Tranen.
„Das ist der Fluch, wenn man einmal seinen Uebei» zeugungen untreu geworden, — wenn man einmal Verrat geübt! Verrat kann nur Verrat gebären. Wie ein welkes! Blatt, losgelöst von ihrem Heimatbaum, taumelt solche arme Menschenseele zwischen.Himmel und Erde herum. Keinem wirklich zugehörend, von allen mit Argusaugen betrachtet. Und ist sie ehrlich genug, keinen weiteren Verrat zu üben, so wird er ihr — angedichtet!"
„Madame — hier ist die Frage, ob solch ein Wesen -- in tausend Widersprüche verstrickt, —i noch dieser Ehrlichkeit fähig wäre!"
Da fährt Oskar zusanimeu, wie einer, den man ins tiesste Herz getroffen. Ihr Gesicht ist jählings eingefallen! und aschfahl. Aus ihren Augen, groß und weit geöffnet, starrt das Entsetzen. Ihre trockenen Lippen bewegen sich und bringen doch keinen Ton hervor.
Dem alten Herrn wird's unbehaglich zu Mute.
„Voilä!" Er zieht sich knurrend, und als fröstle er in dieser Sommer-Regennacht, in seinen Wagensitz zurück.-,,Das ist auch so eine deiner dummen deutschen Angewohnheiten, alles auf die tragische Achsel zu nehmen. Heläs! Sobald der Krieg beendet ist, läßt du dich eben scheiden. Dann ist alles Mieder im Lote! Und jetzt will ich ruhen! Versuch' du auch zu schlafen! Hast es nötig! Voin Grübeln und. Grillenfangen wird keine Frau schöner."
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Noch eine Nacht. Eine stürmische, regennasse Sommernacht, — die folgende, die Nacht vom 17. auf den 18. Juni.
Es ist um die zwölfte Stunde.
Auf der großen Straße, die in fast gerader nördlicher! Richtung von Charleroi über Quatrebras, Genappe, Belle- Alliance, Mvnt-St.-,Jean, Waterloo nach Brüssel führt, schreitet Napoleon Bonaparte dahin. Zu Fuß —• dicht in seinen Mantel gehüllt. Neben ihm.nur zivei seiner Ge- trcuesten, Graf Bertrand, der mit ihm die Verbannung geteilt, und Philipp von Eure, der den Garden voraufeilend noch ani vergangenen Abend beim Pachthose La Chaillou eingetroffen war, in dem der Kaiser sein Hauptquartieirs aufgeschlagen.
Gegen Sturm und Wetter gehen sie an. Ab und zu wirft einer der Herren einen Blick auf die rechts un-d links der Straße trübe schwelenden Biwakfeuer des französischen Heeres.
„Warum konnte ich heute abend nicht wie Ir ■< ie Sonne aufhalten?" bricht nun der Kaiser das Sch,.. ,i, indem sein Auge, gegen Norden schweifend, die Dunk it zu durchdringen sucht. „Wir hätten schon heute die Engländer vernichtet."
(Fortsetzung solgt.)
Martinsvögel - wodansvögel.
Zum 11. November.
Von Dr. Johannes K1 e l n p a u l.
Am Martinstage pflegt von der Küche ein ungewohnter, besonders leckerer Dust auszuströmen. Mittags erblicken wir dann des Rätsels Lösung: da präsentiert die Hausfrau, «haussiert, stolz und erwartungsvoll dem Hausherrn ..eine gut gebratene Gans". Das ivar wohl schon immer so. Um die jetzige Jahreszeit braitcht mau - warnte Betten, also müssen die Gänse ihre Federn lassen. Und zum Glück geben sie auch noch einen knusprigen Braten. Das ist das Rechte zum neuen Wein. ..
Tie christliche Legende führt das allgemeine Gänsemordcn, das in diften Tagen anhebt, merkwürdigerweise auf einen Heiligen zurück: noch dazu auf denjenigen, der als erster heilig gesprochen wurde, ohne daß er das Martyrium erlitt. Als der junge Martin im Jahre 375 zum Bischof von Tours gewählt wurde, versteckte er sich aus übergroßer Bescheidenheit, kam aber dabet einer Gänseschar ins Gehege, die sogleich laut zu schnattern begann, und —
und dietveil das Gick-Gack-Lick) diesen heiligen .Mann verriet, leiden am Martlnustag alle Gänse große Plag.
So singt man ani Rheine. Dte christliche Legende aber hat, >vi< so oft, heidnische Anschauungen ..übergeschluckt", denn die GanS


