Ausgabe 
9.11.1914
 
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Unwillkürlich, im Impuls heiß, aufsteigenden Mit­leidens, streckt Ulrich dem Freunde die HaNd übers Pferd hinüber.

Der scheint das nicht zu sehen blickt starr geradeaus,

Und ist die Schlacht auch eine verlorene, in der sie ge- allen wäre, gleich ist's! Für die eine große Sache wäre ic verblutet, wie all die vielen Dausende, die ihr Leben ge- assen. Selig der Mensch, der für seine Ueberzeugung sterben kann!" Er hatte das alles mit derselben eintönigen Stimme gesprochen, die eben durch ihre spröde Trostlosigkeit so er- chütternd auf Ulrich wirkte. Bei den letzten Worten aber chien, wie Feuer unter der Lava, ein heißes Empfinden lervorzubrechen.Und ich frage dich," er kehrt Ulrich sein Gesicht wieder zu,Ivo hast du deine Augen? Du, der sonst alles niit weitem Blick unifaßt!" Ein matter Schimmer von der alten Herzenswärme strömt dem Freund entgegen.Seit wann muß ich dich aufrichten? Diese verlorene Schlacht trägt den Sieg in sich! All das umsonst vergossene Blüh schreit zum Himmel! ES schreit in den Herzen aller, die noch leben!" Und nun hebt sich Ottos Stimme, daß die Zunächst­haltenden ihn hören können.Diese Scharte muß aus­gewetzt werden! Sie muß! Hat uns Napoleon heute ge­schlagen, so müssen wir ihn morgen vernichten!"

Hab Dank für dieses Wort!" Wie neubelebt reckt der Rittmeister sich auf. Er wendet sich zu seiner Schwadron!, Habt Jhr's gehört, Kinder?" schallt seine Mahnung durch den rauschenden Regen.Daß mir keiner mehr den Kops hängen läßt! Wir werden die Scharte auswetzen. Damit vasta!"

Und wie ein Lauffeuer gebt dieser eine Gedanke auf­richtend, anfeuernd von Mund zu Mund, von Herz zu Herzen:

Hollah! Noch ist längst nicht alles verloren! Eine verlorene Schlacht ist noch kein verlorener Feldzug! Wir werden die Scharte answetzen! Wir werden! Wenn nur Un­ser Marschall Vorwärts lebt!" ----

Bald darauf hatten die Ulanen hinter Tilly Biwak be­zogen. Todmüde, aber guten Muts. Nur die Ungewißheit über das Schicksal des Feldmarschalls, des Vater Blücher, lastete noch schwer auf aller Herzen.

Ulrich vermochte kein Auge zu schließen. Seine ganz« Seele war aufgewühlt bis in ihre tiefsten Diesen. Er mußte erfahren, wie es um den heißgeliebten Feldherrn stand. Und, vielleicht vielleicht gelang es ihm dabei "Gottfried Schneider aukufinden oder etwas über ihn zu ermitteln! Welch unglaubliche Hoffnung. Und doch! Was glaubt und hosst ein liebendes Herz nicht alles! Er hatte im Getüm­mel der Schlacht nichts wieder von ihm' gesehen und ge­hört. Und auch der andre Freiwillige, der ihn fortgelei­tet, war nicht wieder in die Front zurückgekehrt. Es mußte auch diesem, den er als einen kreuzbraven Soldaten kannte, ein Unglück zugestoßen sein. So wußte Ulrich nichts, nichts!" von Erdmuthens Ergehen und sein Herz malte sich alles in den schwärzesten Farben aus. Es hielt ihn nicht länger. Er mußte irgend etwas unternehinen! Er begab sich zu seinem Obersten. Herr von Stutterheim beantwortete Ul­richs dahinzielende Frage damit, daß er noch nicht habe ermitteln können, wo der Feldmarschall sich befinde. Nur soviel sei gewiß, daß der Feldherr lebe, und daß er, wenn auch Gott sei Dank nicht gefangen, so doch verwundet wor­den sei. Er habe soeben einen seiner Adjutanten ausge­sandt, um, wenn irgend möglich, den Aufenthalt des grei­sen Helden festzustellen.

In Ulrich bohrte und! drängte es gewaltig .... Er konnte nicht anders: er bat Herrn von Stutterheim um drei Stunden Urlaub. Vielleicht daß es ihm gelänge, ausfindig »u machen, wo der Feldmarschall sich augenblicklich be­fände. '

Gern gewahrte der Oberst die Bitte. Bald hatte Ulrich das Biwack hinter sich. Noch immer strömten Scharen von Soldaten, aus ihren Verbänden gerissen, gen Nordeu, auf der Straße, die, von der Römersttaße abbiegend, direkt auf Wawre führt, dahin.

Eine Weile blieb er am Wegrande halten, unter wildem! Herzklopfen die Züge, die Uniform jedes einzelnen mit an­gestrengtesten Sehnerven musternd. Doch die, die er suchte, die fand er nicht. Und dann und wann, um dies Zögern vor sich selber zu rechtfertigen, ries er in die Trupps hinein:

Weiß keiner, wo unser Vater Blücher ist?"

Nein, keiner wußte es

Da schloß er sich den nordwärts Flutenden wie von selber an, wie vom Strome mitfortgettagen.

Auf einmal glommen trübe Lichter durch die Nacht. In ihrem Schatten rauchten Häuser auf. Ein Dorf. Meillerie war's. Es schien angehäuft mit Militär. So wogte der größte Teil der Fliehenden vorüber. Ulrich aber zog's gewaltsam hinein. Bald wußte er, was er wissen wollte.

Blücher war lim Dorfe. Ein Offizier wies ihm daA Bauernhaus, in dem er lag.

Ulrich dankte und zögerte einen Augenblick. Durfte er cs wagen, sich beim Feldmarschall zu melden? Einen bestimm­ten Befehl von Herrn von Stutterheim hatte er ja eigentlich nicht. Und doch! Sein Herz drängte ihn förmlich hinein zu dem so hochverehrten Feldherrn.' Dazu auch in militä­rischer Hinsicht war sein Beginnen zu rechtfertigen. Er würde seinem Obersten vielleicht Befehle übcrbringeu können.

So trat er denn ins Haus und ließ durch Major Graf Nostiz, den er auf dem engen HauDslur traf, anfragen, ob der Feldmarschall rhu empfangen wolle.

Sofort' brachte der Adjutant die bejahende Antwort heraus.

Militärisch grüßend trat Ulrich in die niedrige Bauern­stube. Auf Langstroh, das man in einer Ecke auf dem Boden ausgebreitet, lag der greise Held ausgestrcckt. Bleich, mit leidenden Zügen.

Ulrich erschrak.

Aber schon winkte Blücher mit der einen Hand. Sein« Augen lachten. ,

Werde nur nicht blaß wie 'ne Kalkwand, Jungchen! Diesmal haben wir dem Tod und dem Herrn Napvl'eou noch ein Schnippchen geschlagen! S' ist nur eine ganz verdamnite Schramme geworden, da am Bein und an der Schulter." Er versuchte zu zeigen und sich dabei etwas anfzurichtenk Au! Au!"

Hübsch artig liegen bleiben!" Dr. Brieske, Blüchers Arzt, der aus einem Scttentische eine Salbe zusammenbraute, rief es, aufblickeud, zu seinem ungeduldigen Patienten hin­über.

Tue ich schon!" räsonnierte Blücher, indem er das weiß- aarige Haupt aus das Stroh zurückfallen ließ.Mer wenn as Ihre ganze Weisheit ist, alter Freund: Liegenbleiben l Liegenbleiben--!"

Dr. Brieske schaute treuherzig über die goldenen Brillengläser auf den Grollenden.

Durchlaucht ich reibe ja schon Salbe."

Papperlapapp! Einbalfamiert wird nicht! Mer lassen wir den alten Quacksalber bei seinen Dosen," wendete er sich wieder gegen Ulrich, der noch immer stramm stmijn Es ist mir eine Freude, dich so forsch wiederzusehen, Jungi- chen." Damit reichte er ihm die gesunde Hand. Ein ganz ver­schmitztes Lächeln wippte dabei von seinen Mundwinkeln zu den btauleuchtenden Auge» hinauf.Um so mehr, als ich etwas für dich habe. Mer davon später! Zuerst: kommen Sie dienstlich?"

Ulrich erstattete kurz über den Sachverhalt Bericht.

Nun gut!" eutgeguete Blücher.Kannst ja nachher dem Herrn Oberst erzählen, daß du mich noch zu drei Vierteilen heile gefunden. Und daß der alte Blücher noch immer Kopf und Herz auf dem rechten Flecke hat. Wen» wir auch heute Schläge gekriegt haben, macht nichts! Morgen schlagen wir!" Wieder machte Blücher, sich vergessend, eine heftige Bewegung, als wolle er sich aufrichten. Mit dem gleichen Erfolg. Stöhnend fiel er auf das Stroh zurück,

Ulrich stand neben ihm, die düster», dunllen Augen mit einem Ausdruck tiefster Verehrung auf den Alten gerichtet.

So stehen Sie doch nicht da wie ein Stock, Erlen. 2lls ob Sie mich abkonterfeien wollten. Setzen Sie sich da auf den Schemel!"

Ulrich gehorchte schweigend und ließ sich aus dem drei- beinigeu Holzschemelche» nieder, das au Blüchers Lagerstatt stand.

(Fortsetzung solgt.)

Die Leiden der Stadt Schlitz und des Schlitzerlandes im 30jährigen lttieg.

Von Stadtpfr. Boeckner -Schlitz.

Namenlos sind die Leiden und Drangsale gewesen, die der 80jährige Ktteg einst auch über das Schlitzerland und das uralt« Städtchen ln seiner Mitte gebracht hat. Die noch vorhandenen