Ausgabe 
9.11.1914
 
Einzelbild herunterladen

603

Urkunden aus jener wild bewegten Zeit, die alten, wertvollen Kirchenbücher und mancherlei Anszeichnungen im Gräsl, Archiv, die von zahllosen Einquartierungen, Kontributionen und Plünde­rungen, von Pest und Hungersnot, von grenzenlosem Jammer und Elend zu berichten wissen, reden eine ganz erschütternde Sprache.

Im Jahre 1622 bereits bekam man im Schlitzerland einen kleinen Vorgeschmack von dem Furchtbaren, was noch all' bevor­stand: zahlreiche Scharen des Herzogs Christian von Braun- schwerg waren es damals, die von Tilly bei Höchst am Main geschlagen, aus ihrem Rückzug gen Norden hier durchvassierten und ebenso, ivie die bald nachrnckenden Tiilhschen Truppen in der Stadt und aus den Dörsern bös Lausten,

Tas Schlimmste aber war, daß sie alle möglichen ansteckenden Krankheiten einschleppten.

Zum erstenmal findet sich im Jahre 1624 im Kirchenbuch bei einem Sterbesall die Bemerkung:und man dafür gehalten, alß sei er peste gestorben". Im August 1625 bricht dann die Pest mit grober Heftigkeit aus,Am 6. August so berichtet das Kirchenbuch fing! in der Leimkautten leine Straße, heute . Lehmkaut" genanirt) in des Seylers Haust die Pest an zu gras­sieren," Auch andere ansteckende Krankheiten scheinen sich damals eingestellt zu hoben, So heißt es z, B, geswrben:an der Tiiscnterie'^am Blut",an der schwehre Not",an pestalis" usw. Vermutlich aber war es in den meisten Fällen doch die Pest, die damals in fast ganz Oberhessen wütete, und der in Schlitz von August 1625 bis Ende des Jahres 109 Menschen zum Opfer sielen. Die Seuche erlischt dann fast ganz wie wir es in Pestzeiten meistens beobachten können im Januar, um erst wieder Ende Juli mit erneuter '.Heftigkeit auszutreten und bis zum Jahresschluß über 160 Personen dahinzurassen.

Eine noch viel furchtbarere zweite Pestepidemie suchte 1635 das Schlitzerland heim, worüber später noch berichtet werden wird. Im März 1625 war der buchischen Ritterschaft, d, h, den adligen Geschlechtern des alten Buchonia wozu auch die sogen, Genchtsjunker von Schlitz, dievon Görtz" und dievon Schech- ten" gehörten von Kaiser Ferdinand eine Salva Guardia, ein Schutzbries ausgestellt worden des Inhalts: Sie sollten sich aller Rächte, Gerechtigkeit, Freiheit, Sicherheit und Vorteile erfreuen"; nur müßten sie durchpassiercndern Kriegsvolk den not­wendigen Proviant zuführen, Zum Zeichen aber, vast der Schutz- bries ihnen geivährt sei, könnten sie überall an ihren Besitzungen den .karserlichen Adler zum Zeugnis des kaiserlichen Schutzes an­bringen und die Salva Guardia anschlagen: niemand dürfe sie ^.betrügen, pressieren, hindern, beleidige», anfallen, gefänglich be­stricken, arrestieren, strafen, plündern oder sich gar an ihnen ver­greisen", Wer dies kaiserliche Gebot überschreite,sreventlich da- widder rede, oder handle", solle eine Geldbuß zahlen. Doch war der Nutzen dieses Schutzbriefes gleich null: denn die kaiserlichen Scha­ren kehrten sich! wenig hieran, und als dann Hessen-Kasseler und Schweden einrllckten, brachte gerade die Tatsache des verheißenen kaiserlichen Schutzes, wie wir später sehen werden, umso schwerere und größere Bedrückungen. 1628/31 versuchte Johann Bern­hard von Schweinsberg, Fürstabt von Fulda mit Hilfe Tillvscher Truppen die evangelischen Beivohner des Schlitzerlandes mit Ge- Walt wieder zur katholischen Kirche zurückzusühren Eine aus­führliche Schilderung dieser Gegenreformation findet sich aus der Feder des verstorbenen Dekan Schmidt-Schlitz in der Fest­schrift anläßlich des Elshundertjährigen Jubiläums der Kirche zu Schlitz, Es erübrigt sich deshalb hier ein genaueres Ein­gehen auf jene sürs Schlitzerland sehr schwere Zeit Nur soviel sei bemerkt, daß alle Rekatholisierungsverfuche gescheitert smd, zunächst einmal an dem entschlossenen Widerstand der Bürgerschaft mit dein Rat und dem Bürgermeister an der Spitze, die obendrein an den Gerichtsjunkern einen starken Rückhalt hatten, lind schließ­lich war es die durch Gustav Adolfs Sieg bei Breitenseld ver­änderte politische Lage, die den Bekehrungsvcrsuchrn von Fulda her ein Ende bereiteten: denn nur wenige Wochen nach Tillys Niederlage erschienen Schweden und Hessen-Kasseler Soldaten vor den Toren von Schlitz, hoben die katholischen Priester aus und schleppten sie Mit sich, worauf die vertriebenen evangelischen Pfarrer wieder zurückkehrten.

Hatte man so die religiöse Freiheit lwieder gewonnen, so blieb die harte äußere Not, ja sic wurde von Jahr zu Jahr größer. Und da ist cs gerade das doch sür die evangelische Sache kämvsendc, mit den Schweden verbündete Hessen-Kasseler Kriegsvolk, bas in den kommenden Jahren den evangelischen Bewohnern des Schlitzerlandes zur steten Last fiel.

Bald waren es Teile eines blauen, gelben, weißen oder schwarzen Fußregiments, so benannt nach ihren Abzeichen bald starke Reiterabtcilungen, die für kürzere oder längere Zeit bi« Quartier nahmen, und dadurch und durch fortgesetzte Kon­tributionen die Bewohner bis aufs Blut quälten und aussaugten. Für die furchtbaren Bedrückungen, die das evangelische Schlitzerland durch die evangelischen Hessen-Kasseler erfuhr, lassen sich verschiedene Gründe ansühren. Zunächst einmal lag doch «in religiöser Gegensatz vor: denn Hessen-Kassel war resormiert und das Gericht Schlitz lutherisch. Außerdem ist zu bedenken, bah die hessische Ritterschaft in Landgras Wilhelms Gebiet in ihrer Mehrzahl bis zu Gustav Wolfs Sieg bei Breitenseld, in aerad«u hochverräterischer Art und Weise, dem Landessürsten »uni Trotz es ganz offenkundig mit Tilly hielt und zwar aus recht

selbstsüchtigen Gründen, Denn zmn Dank für ihr vaterlandloses Verhalten wurden die Ritter von dem kaiserlichen Feldherr» von Einquartierungen, Kontributionen und dergl, so vrel als möglich verschont. Die ihnen also eigentlich zukommenden Lasten wußten sie dennoch aus die anderen Stände, Bürger und Bauern abzuwälzen, die wahrlich genug schon zu tragen hatten. Darum des gerecht denkenden Landgrafen große Erbitterung gegen die Herren und Ritter in seinem Land: und dieses Gefühl übertrug er auch auf die seinem Gebiet benachbarten adligen Geschlechter, die ihni zudem im Besitze eines kaiserlichen Schutzbriefes in ihrer politischen Haltung recht verdächtig erschiene». Vielleicht war es ihm eine innere Genugtuung, nunmehr den ritterschast- lichen Gebieten zur Entlastung seines Landes, seiner Bürger und Bauern von den notwendigen militärischen Lasten tn der Folgezeit soviel als möglich aufzubürden.

Zudem erhielt er 1632 von Gustav Adolf das Hochstist Fulda, wozu auch noch nominell das Gericht Schlitz gehörte, als Geschenk wegen des so zeitig und am ersten gefaßten hochrühmlichen fürst­lichen und tapferen Entschließung, wegen des von ihm in dem Verbündnis und in dem Oberbefehl bewiesenen standhaften Eifers und wegen des von dem Feinde.ihm zugefügten, viele Millionen Gudeln betreffenden Schadens",

Ein schwedisch-hessischer Statthalter wurde in Fulda einge­setzt und der Abtei ausgegeben, wöchentlich 4000 Rthlr, zu zahlen und zwar die Hälste davon in Frucht, Auch das Gericht Schlitz wurde zur Entrichtung dieser außerordentlich schweren Kontri- 6utic herangezogen, und erhielt noch obendrein was der For­derung mehr Nachdruck geben sollte Hessen-Kasseler Kriegsvolk ins Quartier,

Tie Gerichtsjunker erhoben zwar Einspruch, als der Obrist von Dalwigk am 21, Febr, 1633 sie darauf aufmerksam machte, daß sie ungerechnet Speiß und Trank mit noch 1200 Rthlr, Kontribution int Rückstand seien. Sie wiesen daraus hin, daß sie gar nicht mehr zum Stist Fulda gehörten, sondern zur buchr- schen Ritterschaft und müßten als Mitglieder des fränkischen Ritterverbandes Rhön-Werra mit den andern zusammen dem Reichskanzler Oxenstierna etliche Kompagnien werben und unter­halten, und seiendeshalb von dem Kanzler, wie zuvörderst auch von Ihrer Kgl, Majestät böchstseligen Andenkens selbsten vor fernerer Einquartierung und Kontribution salvaquadieret und befreiet" worden,dahero es uns und unseren armen Leuthen ganz und zumahl ohnmöglich sällt, was weiter zu thun, wiewohl wir die Contribution gern geben möchten". Daher bitten sie um Erlaß der Contributiow, da die armen Leute auss äußerste er­schöpft seien,

v, Dalwigk erwidert, ihm sei nun einmal Schlitz zum Quartier angewiesen worden: die Einwendungen der Gerichts- junler habe er nach Kassel den Kriegsräten (oberste militärische Behörde) geschickt und bei Antwort erhalten:Es könne nichts geändert werden: die Kriegskoutribution ser von den bezeichneten Oerlern zu grheben," Von wirklicher (!) Einquartierung, sügt Dalwigk hinzu, seien sie übrigensbis daher aus besondrer Freundschaft von ihni verschont worden", und ermöchte ihnen auch gerne fernerhin die Kontribution entübrcgen", aber weil es nicht nur ihn allein, sonderndas ganze Regiment concer- nieret" und weil erder Order parieren Muß", darum sollten sie die Untertanen ernstlich anhalten, damit die >tvch rückständige Kontribution bezahlt werde: sonst werde zur Heraustreibung sol­cher Kontribution die militärische Exekution angewendet werden müssen,was, wie leicht zu ermessen, ohne der armen Leuthe große Beschwerung nicht abgehen dürfte", sügt er bedeutungs­voll hinzu.

Inständig bitten die Gerichtsjunker nochmalsum Deslogie- rung" des Kriegsvolks, woraus Dalwigk antwortet, es stände nicht in seiner Macht, das Quartier zu verlassen.

Auch eine direkte Beschwerde und Bitte bei den Kriegsräten in Kassel hat keinen Erfolg, Abgesehen von der drückenden Kon­tribution und der dauernden Einquartierung müssen die Gerichts­junker auch weiterhinausstasiierte Soldaten" zum schwedisch- hessischen Heer entsenden. So wurde die Not und das Elend immer größer: man hosite von Jahr zu Jahr auf bessere Zeiten, doch die schlimmsten standen noch bevor.

Am 10, April 1634 am Osterfest wendet sich Wilhelm Bal­thasar v, Schlitz gen, von Görtz in einem beweglichen Schreiben an Wilhelm Friedrich von und zu Volkershausen, den Haupt­mann der buchischen Ritterschaft und klagt ihm seines Landes furchtbare Heimsuchung, Er schreibt, sie hätten alles getan zur Aufbringung der Kontribution, allein es serein so groß Ohn- vermögen bei bei, fast auss Aeußerste verderbten Leuthen", daß er besorge, der geforderte Nachstand könne nicht zur rechten Zeit zur Hand gebracht werden, Wohl würde viel versprochen inbezug aus Bcsreiung, doch folgeeine Beschwerung der andern dergestalt auf dein Fuß, daß sernere Kontributton von den Leuthen zu erpressen ohnmöglich fallen wird, sintemal wir die vergangene Woche eine Kompanie Reuter vom hessischen Leibregiment in unser» Dörfern gehabt, und gestern eine andre, so sich schwedisch ausgegeben, empfangen," Er sehe keinen andern Ausweg,um den ohnfehlbarlich «folgenden, endlichen Ruin abzuwehren, alZ von der fränkischen Ritterschaft aus üb« die in speeie den bucht» sch«n Ritt«» täglich zuwachsenden Bcsibwehrungc» zu klagen,