Ausgabe 
9.11.1914
 
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'1914-Nk lSk

Montag, -en y. November

AnlechaltungsblallM^GiehenerAryetzerlAenewlAn^eiger).

Die hundert Tage.

k>toman aus dem Jahre 1815 von M. von Witten.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Gottfried Schneider hat einen Augenblick wie gelähmt auf seinem Braunen gehalten. Jetzt schießt er mit ihm wie ein Vogel davon. Dicht neben den feindlichen Kürassieren. Er will, er muß die schweren Reiter überholen. Und sci's um den Preis seines Lebens!

Jetzt jetzt hat er sie in seinem Rücken er sprengt auf ein die Feinde erwartendes Regiment los das Elü- Kavallerie - Regiment ist's keuchend berichtet er dem Major:

Der Feldmarschall in höchster Gefahr gefangen genoiw- mcn zu werden! Die Kürassiere müssen zurückgeschlagen werden!"

Der Major, Herr von dem Busche, galoppiert an die Spitze des Regiments.

Zur Attacke! Marschall Vorwärts in Gefahr!"

Ein wütendes Hurra! Dahin sprengen die frischen Reitermasseu, den heranstürzenden scindlichen Kürassieren entgegen sie werfen sie in unwiderstehlichem Anprall ziv- riick zurück in die feindliche Linie.

Der Feldmarschall ist gerettet. Herbeigeeilte Reiter Hel­sen ihm unter seinem toten Schimmel hervor. Gottfried bietet ihm sein Pferd an, man hebt den Fürsten hinauf glüch- lich erreicht er die Infanterie, die jeden Skngriss des Feiiu- des abgeschlagen.

Die Schlacht ist verloren. Dumpfe Gerüchte vom Tode des Feldmarschalls irren, Fledermäusen gleich, durch die Nacht.

Nach Norden und Nordosten fluten die Prenszen zuruck.

Nicht doch!

Scho» wird der Strom der Zurückweichenden von einem großen Willen gen Nordwesten gelenkt Den Engländern zu. An der Römerstraße halten Generalstabsosfiziere und Adju­tanten. Sie weisen den Druppenführern die iveitere Rich­tung an.

So strömen die Braven dahin

Geschlagen! Geschlagen!

Tiefe Bitterkeit und zornschäumende Wut kreisen in aller Herzen. Tiefe Bitterkeit und zoruschäumende Wut kreisen auch in Ulrich Erle ns Brust. »

Mit zusammengebisseneu Zähnen, mit düster zusammen« gezogenen Brauen, die schmale Stirn gesenkt, so reitet er seiner Schwadron voran.

Ewiger Gott! Soll denn wirklich alles umsonst gewesen sein?!

All die unzähligen Opfer, all das vergossene Blut? Sollen die Tränen deiner Mütter und Frauen und Mädchen, unseliges Preußen, umsonst geweint sem?

Soll Preußen, soll Deutschland von neuem in das Joch dieses Dämons geztvungen werden?

Ein dumpfer, qualvoller Laut entringt sich Ulrichs Brust.

Er erschrickt über sich selbst, blickt umher. Da! Der Reiter vor ihm hat !das Harrpt gewandt. Jetzt erst erkennt er ihn durch die strömenden Regenmassen.

Otto von Jäger ist's!

Er reitet am Ende seiner Schwadron. Nein! Er reitet nicht mehr sein Pferd steht still jetzt wird es mit ihm

zurückgedrängt neben den einstigen Freund.

Offiziere sprengen, so rasch ihre Rosse in dem aufge­weichten Boden neben der Straße es vormögen, dieTruhpen- reihen entlang. Hinab, hinauf. Ordnende Zurufe ertönen. Für wenige Minuten muß Halt gemacht werden. Dort, wo die Römerstraße die große Chaussee Namur-Nivelle kreuzt, muß gegen Norden in den schmaleren Landweg eingebogen werden. Das hat eine Stockung verursacht.

Noch ein paar Augenblicke drängen die Massen inein­ander. Dann hat ein jeder seinen festen Standpunkt gesun­den. In bester Ordnung halten die Truppen Mann neben Mann - Glied hinter Glied.

Der Regen rauscht

Geschlagen! Geschlagen!

Und immer heißer quillt die Bitterkeit, quillt Groll und Zorn und Wut in all diesen Herzen herauf.

In Ulrich Erlen formen sie sich zu Worten.

Furchtbar dieser Gedanke! Geschlagen bei so viel Auf­opferung! Geschlagen bei soviel todesmutiger Tapferkeit!" würgt er hervor. Sein Auge sucht nicht den Freund, der noch immer neben ihm hält. Aber er empfindet seine Nähe, wie in vergangener Zeit, als einen Trost.Mit welcher Freudigkeit hätte ich mein Leben gegeben! Aber zu leben und fürchten zu müssen, in solcher verlorenen Schlacht viel­leicht sein Liebstes geopfert zu haben . . .!" Die Stimm- erstickt. Bon qualvoller Sehnsucht zerrissen, hebt er das Auge in stummer Anklage zum Himmel empor. Der Regen peitscht ihm ins Gesicht und mischt sich mit seinen Tränen.

Du du willst dich beklagen?!" Mit dumpfem trost­losem Tonfall treffen Otto von Jägers Worte sein Ohr. Glücklicher du! Ich beneide dich!"

Ulrich wendet betroffen das Haupt. Er starrt dem Freunde ins Gesicht. Wie elend der aussieht! Trotz der grauen Rcgcnnacht ist's deutlich zu erkennen. Es schneidet ihm ins Herz.

Blick mich nicht so an, als ob ich toll geworden wäre!" fährt Otto in dem gleichen Tone fort.Wenn du dein Lieb^- ftes im Tode verloren, was täte das?! Ihr kämpset Seich an Seite für dieselbe große Sache! Mein Weib lebt und cs verriet mich!"

Otto!"