Ausgabe 
7.11.1914
 
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lammen, seinen Reiter unter sich begrabend. Im Trabe brausen die feitiblidjeu Kürassiere wenige Meter zur Linken vorbei. Umsonst sucht Graf Nostiz den Wirsteu aus seiner verzweifelten Lage zrr befreien.

tFortsetzung folgt.)

Zm Zoldatenzug.

Sfizzc von Else von Steinkeller.

HU. Also es war Tatsache. Unser Regiment wurde durch einen, etwa zwei Stunden von unserer Stadt gelegenen Eisenbahnknoten­punkt transponiert. Wenn wir etwas Mut und etivas Glück hätten, bot sich uns vielleicht Gelegenheit, unsere Männer da abzusassen und zu sprechen. Rach wochenlanger Trentiung, nach Kriegsangst und Schrecken ein Wiedersehen! Wer begibt sich da nicht selbst in die abenteuerlichsten Unternehmungen!

Wir waren vier Regimentsdamen, zwei Regimentskinder. Wir hatten von dereventuellen" Möglichkeit dieses Wiedersehens kaum gehört, da waren wir fest entschlossen, es zu erleben. Heimlich schmiedeten tuiv unsere Pläne, rastlos eiltet, wir die Straßen auf tind ob, um Einkäufe zu machen, für eben diese Männer, die wir uns nach den Entbehrungen des Krieges verhungert, zerlumpt und jeglichentnodernen Komforts" bar, vorstellten. Wir lausten un­geheure Mengen von Kleidung, Eßwaren, Getränken, Seife und sonstigen Schönheitsmitteln, um all diesen Mängeln abzuhelsen. Als der Morgen der Abfahrt kam, war jede vou uns mit 25 bis 30 Paketen beladen, die numeriert werden mußten, damit wir sie nur auseinnnderkannlen. Ich leistete mir eine Droschke wegen Ueberbürdung. Unsere Slininiung war gut.

Der Mensch denkt, die Militärverwaltung lenkt, besonders in Kriegszeiten. Unsere Abenteuer begauneti aus dem Bahnhos. Die Strecke bis zu dem bewußteir Eisenbahnknotenpunkt war für Lokal- verkehr gesperrt, nur Soldatenzüge gingen. Aber eine richtige preußische Soldatensrau geht eben durch dick und dünn, sie scheut sich vor nichts, vor einen« Soldatenzug nun schon gar nicht. Und, wie gesagt, wir waren fest entschlossen, unsere Männer wieder- zusehen.

Es fand sich ein Güterivageu, der später an den Transport- zug unseres Regiments gehängt lverden sollte. Er war vollge­pfropft vollerLiebesgaben" als da sind: wollene Decke», Hem­den, Knielvärmer, Socken und dergleichen für die Mannschaften. Von außen war dieser Wagen köstlich anzuschauen. Allerhand sin­nige Kreidezeichnungen, den Zaren und Poinears i» den selten- sten Situationen vorstellend, zierten ihn. Rechts neben der Schiebe­tür staich die freundliche Aufforderung:Immer rein, meine Herr­schaften, hier bekommt man lOOO fast neue Russe» für 10 Psg." links klebte ein offizielles Plakat der Bahnvenvallnng mit der zarten Bemerkung:

Dieser Wagen darf mit Vieh und übelriechenden Güter» nicht beladen werden!"

Ich rede nicht gern französisch, sonst würde ich sagen:A la guerre, eonune ä la gueere! Jedenfalls, wir entschlossen uns kurz, diese» Wagen zu beziehen. Unsere Stimmung wurde immer besser.

Wir gruppierten uns zwangslos zwischen wollenen Decken und Hemden. Ta zwischen den beiden Regimentskindern leichte Mei­nungsverschiedenheilen ansgebrochen waren, wurde das eine aus eine Kiste Tabak, das andere aus einen Stapel Socken gesetzt. Als die ungefähre Abfahrtsminule unseres Zuges nicht mehr fern zu sein schien, kamen »och fünf Militärmusiker und baten, ob sie unser Reich mit uns teilen dürften. Sie hatten Ersatz für zerschossene Instrumente besorgt und fühlten eine Trompete, eine Tuba, eine .Klarinette, ein Flstgelhorn und eine große Trommel mit sich. Be­kanntlich hat selbst im engsten Raum alles Platz, wenn es nur gut gepackt wird. Die fünf Musikleute gruppierten sich also ebenfalls zwanglos. Unsere Stimmung war prima, wir machten sogar schon Witze, was seit Monaten nicht vorgekommen war.

Ich verwickelte unsere militärische Begleitung in eine Unterhal­tung mit musikalischem Hintergrund. Gerade, als man uns die Handhabung des Flügelhorns erklärte, ruckte der Zug, an dessen Abfahrt lvir eigentlich längst nicht mehr glaubten, kurz an. Dllrch die Erschütlerung fiel das eine Regimentskind von der Kiste mit Tabak herunter, direkt in einen Waschkorb mit Speckseiten und Wurst. Das andere wurde unter dem plötzlich zusammenbrechenden Stapel von Socken total verschüttet. Tie betressenden Mütter raus­ten sich gegenseitig die Haare, dann retteten sie, >vas zu retten war. Ich retirierte zwischen die Kniewärmer und Handschuhe, um bei den Aufräumungsarbeiten nicht im Wege zu sein. Unsere Stimmung vertrug an Heiterkeit kam» noch eine Steigerung.

Ratata" schuckelte der Soldatenzug in die Welt, begleitet von leisem Summen der großen Tpommei, deren feinfühliges Fell vielleicht künftige Kriegserlebnisse vorahnte.

Tu- ha," blies einer der Musiker aus denr Flügelhorn. Es klang wie ein Notsignal, lvie Feuerlärm, falsch, gräßlich, fürchterlich.

Tu-ha!"

Mann, halten Sie ein!" schrie ich.

Er bedauerte, er mußteprobieren". Er hatte den schlvarzen Verdacht, daß man ihn mit eben diesem Flügelhorn hineingelegt, stbervorleilt halte.

Tu_ha!"

Wir erstickten unser Entsetzen zwischen den wollenen Jacke», die den Schall etwas dänipfte». Endlich kam niir ein rettender Ge­danke.

Blasen Sie doch lvenigstens eine Melodie, wenn Sie dirrch- ans blasen müssen!" schlug ich verziveifelt vor.

Den drei Musikern leuchtete dies ei». Sie besprachen sich kurz. Nun gab die Trompete die Melodie an, Flügelhorn, Tuba und Klarinette fielen so gut es ging, ein, das seinfühlige Trommel­fell, von den Regimentsfindern bearbeitet, gab dem Ganzen schönen Hintergrund, und wir, lvir sangen allesamt fröhlich mit.Lieb Vaterland, kannst ruhig sein!" schallte es hinter Stapeln von Woll­sachen und Kisten mit Tabak hervor, während unser Zug durch die Welt ratterte, und erstaunt betrachteten sowohl Menschen lvie Vieh, an denen wir vorilbereilten, unsere mit so sinnigen Bildern und vielversprechenden Inschriften geschmückten musikalische» Güter­wagen.

Ihr seht gar nicht kriegsmäßig vergrämt aus, sonder» recht abenteuerlich lustig!" meinten unsere Männer, als wir sie nachher wirklich und glücklich wiedersahen. Das lvar uns eigentlich etwas peinlich, aber schließlich, wie konnte es wohl anders sein nach solcher abenteuerlichen Fahrt im Soldatenzug.

Das Waldgefecht.

Bon unserem mllitärischen Mitarbeiter.

Auf der langgestreckten Front der Kanipslinie in Nordsrnnk- reich bilden vielfach Waldungen und deren Ränder die Zone der feiichlichen Kräfte, die überwunden werden müssen. So kommt es, daß unsere Truppen ini wechselnden Verlause der Kämpfe häufig in die Lage kommen, Waldgefechle zu bestehen, und vornehinlich ist es der im östlichen Teile des Kriegsschauplatzes befindliche Ar- gonnenwald, der in dieser Beziehung besonders in Betracht kommt. Wälder erschweren jedem Gegner auch seinen Lnst- sahrzeugen das Aufsinden der in ihnen befindlichen Truppe,^ und sie haben daruni eine große Bedeutung eben durch diese Ber- deckung von Ausstellungen und auch von Märschen gegen feindliche Wahrnehmungen. Dennoch aber erkennt man bei sehr trockenem Wetter Kolonnen, die durch einen Wald marschieren, an dein auf­steigenden Staub, der sich über die Wipfel der Bäume hinzieht, und dieser Staub läßt sogar manchmal ungefähre Schlüsse ziehen auf die Läirge und auch auf die Beschaffenheit der betreffenden Truppenabteilung. In Bezug ans die Gesechtsverhältnisse kann man wohl sagen, datz ein großer Wald, den gute und zahlreiche Wege durchziehen, im Rücken der eigenen Truppenausstellung sehr vorteilhaft ist, da er gegebenenfalls einen etwa notwendig werden­den Rückzug unterstützt. Tenn an dem Saume des Waldes muß jede unmiltelbare Verfolgung zum Stillstand kommen, und das Feuer des Versolgers findet naturgemäß fein Ziel nrehr. Ein Wald aber nahe vor der eigenen Front oder in der Seite derselben erschwert die Beobachtung von feindlichen Anmärschen, und die Bei­spiele der Kriegsgeschichte sind sehr zahlreich, wo feindliche Truppen! überraschend, durch einen Wald gedeckt, in der eigene» Flanke fechtender Truppen erschienen sind.

Wer ans Friedensübungen die Wälder als mililärische Objekte kennt, weiß aber auch andererseits, wie schwierig es ist, Truppen in der Entfaltung zum Gefecht oder gar in der Entwicklung selbst dureh einen Wald zu bringe». Tie Uebersicht ist ge stört,- die Zusammenhänge Mmschen den einzelnen Teile» dev Eesechtsfront sind nur sehr schwer aufrecht zu arhalten. Zn solchen Lagen kommt es darauf an, daß, die den Wald durch- schreitende Fußtruppe, zumal tvenn Schützenlinien in Betracht kommen, tatsächlich die Fühlung von Mann zu Man» bewahrt. Eine Gleichmäßigkeit in der Richtung der nach vorwärts schrel- tenden Lckpützenlinie wird sich nur mit Aufgebot der äußersten Aufmerksamkeit erhalten lassen, ganz abgesehen davon, daß Un­gleichmäßigkeiten in der Beschaffenheit des Unterholzes gerade iir diesenr Punkte von schtverwiegendem Einftuß ans die Bewegungen sind. Die berittenen Waffen, Kavallerie und Arlillerie, sind in Walde an die Wege gebunden, und darum bleiben Walddefilös immer und unter allen Verhältnissen heifie Objekte der kriege­rischen .Handlungen.

Wenn Waldsfiicke dem feindlichen Einblick entzogen find, so können sie als Stützpunkte und Anlagen für de» Flankenschiitz von Wert sein. Dagegen aber sind sie weithin erkennbar, und sie ziehen demnach auch das Artilleriefeuer des Gegners auf sich und werdeir dann sogar als Deckungen gegen Sicht des Feindes unbrauchbar. Die Wirrung! der Artillerie gegen Truppen, die in Wäldern sich befinden, kann mitunler fürchte rltch und verheerend iverde». Tie einschlagenden Granaten und deren größere Splitter toirken dann nicht durch sich selbst, sondern durch die abgeschlagenen schweren Aaste und Stanunteile der Bäume, und so vervielfacht sich die Sprengwirkung der Geschosse in das Ungemessene. Zu dem Geschoßhagel gesellt sich der Sprüh­regen tödlich wirkender oder verwundender «olziiiassen. Um so fürchterlicher gestaltet sich diese Wirkung, als ja eine aichere Tel!- kung gegen sie mV Walde nicht vorhanden ist und auch die Be­wegungsfreiheit der Truppe lahmgelegt wird.

Zur Verteidigung eignet sich der Wald insofern, als die Ränder voit selbst die Linie der Kampffront abgeben. Aber die