Ausgabe 
7.11.1914
 
Einzelbild herunterladen

5SK

üfvtvmnbeter Djjijier, bcr fähig ist, nach Quatrebras zu reiten ?"

Der Cbirnrg, der gerade dabei ist, einem auf einem' rohe» .Holztische liegende» Freiwillige» das Bei» abznneh- »icn, blickt von seiner.Arbeit mit Auge» auf, aus denen »och die ganze Schwere nnd Verantwortlichkeit seines Tuns, aber noch fein volles Verständnis für die Frage des Feldinar- schalls spricht. Doch schon wirst der freiwillige Jäger, der mit seiner gesunden Rechten im Begriff stand, dein Chirur­gen behilflich zu sein, diesem ein paar Worte zu und iml nächsten Augenblick eilt er zum Fcldmarschnll.

Er salutiert.

Gestatten Durchlaucht, daß ich bitte, mir den Austrag erteilen zu lvollcn, auch wenn ich nicht Offizier bin." Unq indem er auf die linke Hand weist, die in einer Binde ruht: Nur der kleine Finger der linken Hand ivurde mir zerschmet­tert und mußte abgenommen werden. Im übrigen bin ich heil und gesund."

Durchdringend ruhen die Augen des Feldmarschalls auf dem bleichen Antlitz des frcilvilligcn Jägers.

Sah ihn vorhin schon bei den Ulanen! Ihr Name?"

Der Frciivilligc schlägt die Augen nieder. Aber nur einen Herzschlag lang. Schon hebt er wieder mit freiem, furchtlosem Blick das strahlende Antlitz.

Gottfried Schneider!"

Gottfried Schneider?! Ei der Tausend!" Blüchers Blick senkt sich in die Augen des Freiwilligen, als wolle er

ihm Herz und Nieren prüfen.Etwa gar ein--Bruder

der Erdmuthc Schneider?"

Der Freiwillige wird purpurrot. Aber er hält dem Blicke stand.

Durchlaucht treffen das Rechte!"

War mir doch vorhin schon, als müßte ich das Gesicht schon gesehen haben!" brummt Blücher in sich hinein. Und indem er wieder das Helle Leuchten seiner Augen über den Freiwilligen hinfluten läßt:

s,Na! Denn man zu! Flugs in de» Sattel! Die Erd- milthe hatte immer Kopf und Herz aus dem rechten Fleck!"

Behende sprang der Freiwillige zu seinem Pferde, das einen Stcimvurf Iveit, mit ein paar anderen Tieren an einem Kirschbaum, neben einem hochstehenden Meilenstein angebun­den stand, wo er auch Lanze und Büchse niedergelegt hatte. Mit behender Leichtigkeit schwang er sich auf den Stein nnd von da in den Sattel, lieber Blüchers vcrschattetes Antlitz stahl sich so etwas wie ein schmunzelndes Lächeln.,Reiten! scheint er zu können!" sagte er laut zw Gneisenan. Und als. Gottfried Schneider nun die grün bewimpelte Lanze und die Zügel in der Rechten, den feschen Tschako mit dem dickenf gelben Kordon und der langen Fangschnur aus dem Haupte, seines Befehles harrte, da senkte sich der Blick des greisen Hel­den wieder von neuem mit beinahe drohender Eindringlichf- keit in den des freiwiltigen Jägers.

Reiten Sie >vie der Teufel nach Quatrebras!" befahl er.Sagen Sie dem Herzog: wir können »ns nicht mehr lange halten. Die dringendste Eile lut not! Wir warten Ivic auf den heiligen Christ aus seine versprochene Hilfe!"

Zu Befehl, Herr Feldmarschall!" Gottfried Schneider reißt sein Pferd herum, um von dannen zu jagen.

Hollah! Halt, mein Junge", ruft Blücher.Es ist ein Auftrag von größter Wichtigkeit! Verstehst du mich?! Der Ausgang der Schlacht hängt davon ab, daß Wellington Wort hält!"

Der Freiwillige hat sei» Pferd pariert. Mit einem ge­radezu leuchtenden Ausdruck hebt er das Gesicht gegen Blücher.

Der Herr Feldmarschall werden mit dem Gottfried Schneider nicht weniger als mit der Erdmuthc zufrieden sein!"

Da nickt Blücher strahlend hinein in die hellen, jubeln­den Augen Gottfried Schneiders. Fast scheint es, als wolle er scherzhaft drvhend den Finger erheben.

Vorwärts!" kommandiert sein Mund.

Und Gottfried Schneider jagt davon. Auf Brpe zu und von dort iveiter nordivestlich gegen Thple und Quatrebras.

Lauter nnd lauter dröhnt von dorther der Donner dev Geschütze.

Mit zentnerschwerem Herzen kehrt er zwei Stunden später zurück.

Der Herzog kann nicht kommen! Kann sein Versprechen nicht halten! Er ist selber mit großer liebermacht an­

gegriffen und von Marschall Ney in einem heiße» Kampf verwickelt.

WcitFnngsamer als bei seinem Abritt, reitet Gottfried Schneider hinter Brye und St. Amand entlang. Noch sollen die Dörfer in den Händen der Preußen sein! Noch!? Abey wie lange noch? Und ivie mag es bei den Ulanen aussehentl Lebt er noch? Lebt er noch der Rittmeister Erlen? Wird er noch einmal sein Weib, sein Kind umarmen?

Oder ist er--tot?!

Ein rasender Schmerz dnrchschneidct Gottfrieds Brust.

Ewiger Gott! Jst's möglich, daß dieser Kelch an mir vorüber gehe! Aber nicht mein, sondern Dein Wille ge­schehe!

Gottfried Schneider reißt sich zusamntcn.

Vorwärts. Er gibt seinem Pferde die Sporen.

Vorwärts! Was darf ihn jetzt das Leben oder der Tod des Rittmeisters Erlen angehen? Jetzt, Ivo das Schicksal der Schlacht auf dem Spiele steht?

Vorwärts! Nach der Windmühlenhöhc! Zu Blücher!

Wo ist der Fcldmarschall?

^ Schon hat sich die Dämmerung ans die Erde gesenkt. Schwere blanschnarze Gewitterwolken jagen vom Horizonte herauf. Mit reißender Schnelligkeit. Aber die Flamme» des brennenden Ligny werfen schauerliche Lichter über Tal nnd Höhen.

Dort, dicht bei der Mühle steht der Fcldmarschall. Ab- gescssen. Eine tiefe Abspannung in den fahlen Zügen. '

Gottfried Schneider reitet heran fast zögernd richtet er seine Botschaft aus. Das Antlitz des Helden scheint nnterl seinen Worten um Jahre zu altern.

Da sprengt Gneisenan mit einem andern Herrn des Stabes heran.

Noch ist nichts verloren! St. Amand, Ligny, Sombresse noch in de» Händen der Preußen. Dank der herenibrcchen- dcn Nacht wird es möglich sein, sich in der Stellung zu be­haupten.

Blüchers breite Brust weitet nnd dehnt sich mit tiefem Atcmzuge. Schwarz und schlvärzer wird der Himmel. Regen­schauer gehen nieder. Gottfried Schneider hält noch immer droben aus der Windmühlenhöhe, unfern von Bkikher. Als harre er noch einer Ansprache des Feldmarschalls. Oder lute von unsichtbarer Gewalt i» seine Nähe gebannt. Mit znckent- dem Herzen blickt er hinab auf die grausigen Bilder in dem brennenden Dorfe, in dem der Kampf noch immer mit möv- derischer Wut tobt, in dem unzählige Unglückliche ihren Tod in den Flammen finden.

Ein Ausdruck tiefen, ivcltumsasscnden Erbarmens zittert über Gottfrieds Gesicht und macht seine hartkantigen Züge frauenhaft weich. Und von dem namenlosen Elend dort unten hinweg richtet sich sein Blick hinauf zu den blair- schwarzen Wolken, aus denen grelle Blitze herniederzucken. Tiefes, gläubiges Gottvertraue» malt sich in seinem Antlitz,

Da was ist das?!

Ein Gelrach nnd Geknatter bricht aus, als Iväre die Hölle losgelnssen.

Von den nächtlichen Regengüssen verschleiert, muß sich die feindliche Artitlerielinie verdoppelt haben. Unter thrcn Tod nnd Verderben speienden Geschossen vrechen französische Jiisantericmassen in das Torf das müssen Napoleons Garden selber sein! Preußische Bataillone werfen sich ihnen entgegen. Ein furchtbares Ringen. Sterbende nnd Verwun­dete schreien znni Himmel. .Häuser stütHien znsaniinen. Aus vollgcfülltcu Scheunen zischen strahlende Feuerg'arben auf. Blitze zucken am Himmel. Tie Nacht ist in ein Flnmmen- meer getaucht

Mit düster starren Miene» blickt der Feldhrrr auf das grauenvolle Bild. Gottfried Schneiders Auge hängt an fei- nenr Gesicht . . .

Jetzt bricht der Feind am untern Teil des Torfes ins Freie. Erst Infanterie nun auch Gardekavatlerie.

Jählings ist alle Abspannung ans Blüchers Zügen ge­schwunden. Feurig wie ein Jüngling wirft er sich ans seinen Schimmel. Ei' sprengt zu den Reiterscharen, die nördlich vvn Ligny halten. Mi ihrer Spitze wirst er sich ans den heran« preschende» Feind. Neben seinem Adjutanten Gras Nostiz auch Gottfried Schneider an seiner Seite. Bo» Blücher wohl kaum bemerkt. Aber wie von unsichtbarer Macht gezwungen, ihm zu folgen. Die Attacke mißglückt. Tie ersten Schwa­dronen, anher Atem herangaloppicrend, lverbcn geworfen.

Ein Schuß trifft den Schimmel des Feldherr». Blücher will sich dem Getümmel entziehen. Das Pferd bricht zu-