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Daß er „dabei gewesen", bis nach Paris hinein, darüber bestand, wenigstens für ihn selbst, keinerlei Zweifel. Und wehe dem, der ci»en solchen zu äußern wagte.
Er hatte natürlich alle Schlachten mitgeniacht. War dabei, als sic den Navoleon singen und de» neuen Deutschen Kaiser in Versailles ansriesen. Der Bismarck mid der Moltke hatten ihm die Hand gedrückt, und der Kronprinz Fritz hatte einmal zu ihm gesagt: „Nepomuk, toenn alle so wären, wie du, dann gäb's bald keine Franzosen mehr."
Daß er das Eiserne Kreuz nicht erhielt? Nur Tücke und Bosheit. Vorgeschlagen war er, damals, als er bei einem Patrouillenritt ganz allein ein Bataillon Franzosen, sechs Geschütze und die Regimentskasse erbeutete. Alles in fünf Minuten. „Die haben geschaut, wie sie mich sahen. Auf die Knie sind sie gefallen und haben gezittert vor Angst."
„Werden halt auch Schneider gewesen sein," wagte so ein junger Frechdachs zu sagen.
Donnerjettchen, fuhr da der Sporrasscle auf von seinem Stuhle. Mit beiden Armen fuchtelte er in der Luft umher und stampfte auf dem Boden, daß die Sporen an seinen Stieseln klirrten. Es war nämlich gerade Sedantag, und den feierte er ganz besonders ergiebig aus den Taschen der anderen. Denn natürlich, der Nepomuk Wehrlein hatte auch geholfen, den Kaiser Napolium zu kriegen.
Na ja, wie's halt so geht. In den ersten paar Jahren, da war das „Sporrassele" noch eine Rarität im Städtchen. Von der Erinnerung an die große Zeit fiel mancher Brocken für ihn ab. Mit dem „Handwerken" war's nicht viel. Es lag ihm auch wenig daran. Was er brauchte, das verdiente er so oder so. Und was er nicht verdiente — anch gut, dafür waren dann die anderen da.
Aber ein tiefer Schmerz geschah ihm doch. Der Kuckuck weiß, was dem Ortsgewaltigeu in die Krone fuhr, daß er eines Tages den „Sporrassele" zu sich beschied und ihm kurz und bündig erklärte, die Maskerade müsse aufhören, sonst — — Das „Svor- rassele" hatte sich nämlich im Lause der Jahre — weiß Gott, woher er das Zeug dazu hatte — aus allen möglichen Lavpen und Abfällen eine ganz eigenartige Uniform zusammengeschneidert, und wenn er die am Leibe trug, war's gerade, wie wenn ein böser Geist in >ihm säße. Ta braniarbasierte er drauslos, daß sich die Balken bogen und die Wände krachten. Es war gerade nicht mehr schön, und wie nun erst unser hochgelegenes Städtchen auch zu einem „Luftkurort" wurde, und ein neuer Bürgermeister kam, so einer von den „Studierten", da ging die Herrlichkeit des „Sporrassele" mehr »nd mehr aus die Neige. Verdienen tat er keinen roten Heller mehr. Kümmern tat sich um den armen Teufel eigentlich auch niemand mehr. So steckte man ihn eben einfach insl Pfründnerhaus, und ließ ihn dort schwatzen und reden, soviel er wollte. Außer den alten Leutlein hörte es ja niemand mehr.
Sein Käppi und seine Sporen freilich, die mußte man ihm lassen. lieber seiner ärmlichen Bettstatt hingen sie, und er hatte es sogar schriftlich gemacht, daß ihm die mit ins Grab gegeben werden!
Seht ihr, so gcht's. Da redet sich so ein armseliges Menschenkind die wirrsten Geschichten so lange ein, bis es zuletzt selbst daran glaubt. Und das nennen die Leute dann Lug und Trug.
Der Nepomuk war darüber ganz anderer Meinung. Wenn er einmal durch die Straßen schlich, und es rief ihm einer zu: „Grüß Gott, Sporrassele!", dann ging's wie ein Ruck durch das knickige Männlein. Er griff mit der zitternden Hand zu militärischem Gruß an die Kappe, und wenn gar einer in Uniform daher kam, — gewiß und wahrhaftig, — das armselige Leut stand still und schlug die Hacken zusammen, daß man meinte, seine Knochen klappern zu hören. ^
Der eherne Schritt der Geschichte war grausam genug, auch über den „Sporrassele" und die Zeitgenossen, die ihm diesen fürchterlichen Namen gegeben hatten, hinwegzugehen.
Leben tat er noch. Mer alt uich verhuzzelt war er mit seinen 82 Jahren, und in seinem müden Kopf gäb's wohl kaum mehr so etwas wie Gedankenarbeit. Eigentlich wußte er selbst kaum mehr, was der seltsame Schmuck über seinem Lager bedeute. Die glanzlosen Aeuglein sahen wohl manchmal hinauf zu ihm. — Aber, was er ihm einst gewesen, davon hatte der Sporrastcle keine Ahnung mehr. Und wenn einer einmal den Versuch machte, ihn dran zu erinnern, oder gar mit seinem „Kriegsnamen" anzureden, dann sah er ihn gar blöde an und murmelte ein paar Worte in seinen Stoppelbart hinein.
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Und es kam der Sommer des Jahres 1914, und über die Welt stiegen des Krieges schwarze Wolken empor.
Der Kaiser rief, und alle, alle kamen! Es ging ein Flammen auf zum Himmel und der Schrei des Zornes gellte durch die Lande Über Verrat und Tücke.
Im warmen Sonnenschein saß der „Sporrassele" und dämmerte hinein in den Tag. Wie aber die Jungmannschast des Städt- leins daherzog in gleichem Schritt und Tritt mit schallendem Gesang und der bunten Mütze, da hob bas alte Männlein lauschend den Kopf.
Ja, was Ivar denn das? Das war ja wie dazumal! Das klang ja und dröhnte daher wie Kanonendonner und Schwerter- klirren!
Mühsam, auf seinein Stock gestützt, stand er da und starrt» der Jungmannschaft entgegen. Und wie das erste Glied der Truppe an ihm vorbeizog, da straffte er sich empor, wie ein Junger. Da war's, als gäb's kein Alter und kein Gebrechen. Schier gesprungen kam er. „Der Sporrassele!" klang's hell durch die Reihen. Schon hatten ihn die zwei vordersten gefaßt und emporgehoben auf ihre Schultern. Keck saß ihm eine Mütze auf dem kahlen Kopf.
§ och hielt er den empor, und zu Sang und Klang schwang er den tock im Takte.
Erst drinnen in der Wirtsstube, wo sie sich sammelten zum Abschiedstrunk, setzten sie ihn nieder. Alle Hände streckten sich ihm entgegen. „Hoch der Sporrasscle!" tönte es von allen Seiten. Zitternd griff er nach dem Krug schäumenden Bieres. Und jetzt — wie sich seine Augen weiteten! Wie hell und klar das sonst so dünne Stimmlein klang!
„Kameraden!" rief er. „Es lebe der Kaiser! Mit Gott für ..."
Er taumelte zurück und sank zusammen.
starr. Noch einmal suchte er den Arm zu heben--- —
Der Kopf sank ihm ans die Brust und die Augen wurden Der „Sporrassele" war eingerückt zur großen Armee.
War er das erste Opfer des großen Krieges? Und wer wollte zu Gericht sitzen über ihn? Da war keiner in diesen Tagen!
So geschah's, daß der „Sporrassele" zur Ruhe kam mit allen Ehren, die er sich gewünscht hatte. II. R.
3 m Heuer der deutschen 42er Mörser.
Ein belgischer Artillerieoffizier, der bei der Verteidigung des Antwerpener Forts Wavre-St. Cathenne schwer verwundet wor- deii und von seinen Kameraden auf holländisches Gebiet geschafft worden ist, hat dem „Allgemeen Handelsblad" (Amsterdams eine lebensvolle Sch lderung der fürchterlichen W i r ku n g der deutschen 42-Ze.ntl metermörser zur Verfügung, gestellt, die er am eigenen Leibe zu spüren bekommen hat: Sie'fugt zu den bisher bekannten Einzelheiten eine Reihe neuer Züge hinzu, die namentlich die Wirkung auf den Menschen betreffen.
„Gegen 1 Uhr mittags" so schildert der Belgier, „läßt sich ein grausiges !Geräusch hören, dem ein gewaltiger Stoß folgt. Das ganze Fort dröhnte: es ist die erste 42-Zentinrcter- Granate, die auf uns niedersällt. Und es war der Beginn einer langsamen grausigen Vernichtung. Nichts, aber auch aar nichts gibt eine Vorstellung von der Wirkung 'dieser Kre'gswässe. Gegen halb drei hören wir einen cntie'ellchen Krach: eine 42-Zcnti- meter-Granate ist durch ein vr'ei 5mer dickes Äetongewölbe gedrungen und hat ein so großes Loch darein geschlagen, daß bequem ein Straßenbahnwagen hindurchsahrcn könnte. Einige Zeit später wird das Fort in der Mitte getroffen. Zwei Mann liegen unter den Trümmern, doch können >vir ihnen nicht helfen. So geht es nun weiter. Jeder Schuh trifft sein Ziel. Nach je acht Minuten bekommen wir mit mathematischer Genauigkeit unser 42-Zentimetergeschoß. Der Kommandant ruft uns zusammen zur Beratung. Es ist für uns der sichere Tod. Einer von uns soll zum Oberst gehen und ihin berichten, was geschieht, Tie Tür schließt sich hinter ihm, und tvir bleiben im Fort ein- geschlossen, das für mehr als einen von uns das Grab werden! soll. Gegen Abend hört das Bombardenient auf. Das Gewölbe ist schon an sieben Stellen durchschlagen, und zahlreiche Geschütze sind außer Gefecht gesetzt. Wir haben zwei Ertrmrkene, vier Tote und eiuigc Vermißte, die wahrscheinlich unter den Trümmern liegen. .. Nachts hält die Feldschlacht an, aber unser Fort wird geschont. Wir benutzen die Zeit, um unsere Vorbereitungen auf den Endangrifs zu machen, der wohl gegen Morgen stattfinden wird. Um 8 Uhr abends war das Postautomobil gekommen — zum letztenmal. Es bringt mir Nachrichten von mmner Familil und von meiner Braut, sowie reine Wäsche. Ich schicke meine Uniform mit nach Hause und behalte nur das allernotwendigste. An alle, die mir teuer sind, schreibe ich ein letztes Lebewohl- Tann bin ich zur Ruhe gegangen und wunderbarerweise glückte es mir, von Mitternacht bis um vier zu fchlafen. Natürlich'war ich ganz angekleidet. Dann habe ich mich, gewissermaßen als letzt« Koketterie, vollständig gewaschen, mich sorgfältig gekämmt und reine Wäsche angezogen: darauf trank ich ein paar Schluck Kaff« und harrte der Tinge, die da konimen sollten.
Um 6 Uhr morgens begann das Bombardement von neuem. Wir waren zur Ohnmacht verurteilt. Alles um uns herum stürzte zusammen, ganze Teile des Forts wurden in den Graben geworfen. Es ist das Ende, das fühlen nur. Da einig« Mann, wahnsinnig vor Angst, zu fliehen verfuchen, stelle ich mich mit dem Revolver in der Hand an den halbeingestürzten Eingang. Tie übrige Garnison und die Offiziere begeben sich nach einem nickt angegriffenen Flügel. So bleibe ich allein. Zehü Meter entfernt, aber durch einen Trümmerhaufen von mir getrennt, steht mein Unteroffizier mit seiner Mannschaft. Bei jedem Schuß, der das Fort erdröhnen läßt, rufe ich ihm meinem Befehl zu: niemanden hinauslassen! Uich jedesmal kommt mit ängstlicker, aber doch ruhiger und bestimmter Stimme die Antwort: „Zu Befehl, Herr Leutnant . . . Gegen 10 Uhr sehe ich eine Granate ankomMen. Ich höre den dumpfen Lärnl und den Stoß, an d«n wir nun schon gewöhnt sind, und sage -umir selbst: ach was, diesmal


