590
zu beiden Seiten von mannshohem Korn umwogt war. Instinktiv hatte Otto diesen Seitcnpsad eingeschlagen, der sie den Blicken der Welt entzog. Die beiden Ulanen folgten in gemessener Entfernung.
Eine sengende Schwüle brütete zwischen dem Korn. Die grelleuchtende Luft schien zu stehen. Otto wähnte zu ersticken. Er hielt sich nicht länger.
„Herr Rittmeister, darf ich erfahren, wie es kommt, daß Sie, gerade Sie mir den Brief — meiner Frau überbrini- gen?" Wie sturmzerfetzte Schreie klangs. Das Auge hing an der weißen Kokarde, um sich dann drohend in den Blick des andern zu bohren.
Ueber das bewegliche Antlitz des Franzosen zuckten Lichter und Schatten in raschem Wechsel. Er fühlte die Gcgner-
f haft, und er suchte sich dem Blicke des Preußen, unter ein ihm heiß und unbehaglich Ivurde, zu entziehen. „Nichts ist einfacher, monsieur man lieutenant!" ent» wortete er auf Ottos deutsche Anrede in deutscher Sprache, die er vollkommen beherrschte, mit einer liebenswürdig harmlosen Miene, indem er, sich etwas niederbeugend, zärtlich den Hals seines prächtigen Pferdes klopfte. „Madame de Jäger ist mir weitläufig verwandt. Mer nicht nur aus diesem Grunde habe ich ältere Anrechte wie Sie, mein Herr." Das schmale Haupt wandte sich ein wenig — ein Seitenblick, gleich einem Pfeile aus dem Hinterhalt geschossen, traf Otto. „Madame war von ihrem Vater — ehe er nach Rußland ging — mir zugesprochen!"
Der Brust des Preußen entrang sich ein Stöhnen. „Damals! Damals, mein Herr!" wehrte er gequält. „Mer jetzt! Jetzt! Wie kommen Sie jetzt zu diesen. Briefe?"
„Den Sie noch nicht eines Blickes gewürdig. haben?" gab der andere mit gut gespielter Entrüstung zurück.
Otto fuhr zusammen, grub die Zähne in die Unterlippe und krampfte die Rechte fester um den Zügel, daß sich ihm die Fingernägel schmerzhaft ins Fleisch gruben.
Es war wahr! Ungelesen stak dieser Brief noch immer unter dem roten Aufschläge seines Bermels. Und dabei hatte seine Seele doch in verzweifelten Nächten nach einem Wort, nach einem einzigen Wort von ihr geradezu gcschrien! Aber nicht um eine Welt hätte er's vermocht, das Schreiben vor den Augen dieses Mannes zu erbrechen.
Graf Duboit aber vermochte von diesem erdfahlen, starren Profil seines Gegners nicht einen einzigen Gedanken abzulesen.
„Wie ich zu dem Briefe komme?" nahm er daher die Frage Ottos wieder auf — lo ganz von obenhin. „Sehr einfach, mein Bester. Bei Madame de Jägers Rückkehr nach Paris erlaubte ich mir natürlich, Madame meine Aufwartung zu machen. Und als ich im Begriffe stand, mich anläßlich meines Abganges zur Armee persönlich bei ihr zu verabschieden, da vertraute sie mir die Besorgung jenes Billetts an, damit es sicher in Ihre Hände käme." Es war das alles. im leichten Plauderton von seinen Lippen geflossen. Ms ginge keinen von ihnen beide» das alles etwas an. Jetzt aber vibrierte ein verstecktes Drohen durch die dunkle, sich etwas hebende Stimme; ein stechender Blick traf Otto. „Ich dächte, einen sichereren Weg, als den eingeschlagenen, hätte ich nicht wählen können. Madame sendet Ihnen ein letztes Abschiedswort, mein Herr! Sie bereut die Verirrung tief, Frankreich, — und sei es auch nür für Tage — untreu geworden zu sein und einem Feinde ihres Vaterlandes ihre Hand gereicht zu haben."
„Einem Feinde ihres Vaterlandes?" Otto war herum- efahren. AuK in Auge maß er sich mit dem Gegner. Aus em Gewittersturm der Gefühle, der seine Brust unter den Erklärungen des Franzose» durchtobte, lösten sich hohnlachend, ihm gellend im Ohre haftend, diese letzten Worte.
„Einem Feinde ihres Vaterlandes?" wiederholte er. „Und was sind Sie?"
„Nicht ein Feind Frankreichs — mein Herr, ich muß sehr bitten!" Graf Duboit elegantes Fiaürchen reckte sich hochfahrend auf. „Nur ein Feind Napoleons!"
„Toska von Jäger vergötterte Napoleon!" Das war ein Schrei, der blitzartig eine abgrundtiefe Qual enthüllte.
Die Regung eines flüchtigen Mitleids spiegele sich in den Zügen des Grafen. Seine graziöse Hand federte über den aufgezwirbelten Schnurrbart hin.
,,^la foi!“ Ein liebenswürdig gewinnendes Lächeln, dem sich ein Schimmer von Verlegenheit beimischte, umspielte seine Lippen. „Das habe ich ja auch bis vor wenigen Tagen {«tan! Da müßte man ja ein Stock sein, wenn man diesen
Menschen, nicht halte anbeten wollen, diesen Menscqea, der Frankreich zu so unerhörtem Glanz und Ruhm geführt. Aber, aber" — er pfiff durch die Zähne — „alles in bet) Welt hat seine Zeck Und dieses Mannes Zeit ist zu Endel Ich bitte. Sie! Er der sich zum Herrn Europas geuiacht, weil zw Europa unter die Gewalt seines HalbgottivilleuS zwang, — er begibt sich selbst dieses seines vornehmsten, Machtmittels und erklärt in Frankreich die konstitutionelle Monarchie! Damit hat er sich selber die Schlinge über den Köpf geworfen. Die Frage ist nur noch, leer sie zuzieht. Das ist uns fern von seinem Einfluß, aus unsere»: Ritt zur Armee t'.ar geworden. Und darum ziehen wir — mein Chef Generalleutnant Bourmont und sein ganzer Stab — es vor, zu den Fahnen des rechtmäßigen Königs von Frankreich zurückzukehren. Und seien Sie gewiß," — einen Ausdruck von Leichtsinn und lächelnder Zuversicht im Gesicht, zwinkerte er zu Otto hinüber, — „auch Toska wird ihren Abgott vergessen, sobald er gestürzt ist, und wird den Bourbonen huldigen lernen, wenn erst — wenn erst" — er tat verlegen, errötete und schlug die Augen verschämt wie ein junges Mädchen nieder, —, „ich darf es wohl sagen, daß sie mir Avancen gemacht--!"
„Hahaha!" Ein Lachen wie das Gurgeln und Tosen eines eingedämmten Bergstromes.
„Mer Monsieur," — mit einem Ausdruck gekränkter Eitelkeit hob sich der Franzose im Sattel — „was ist da zu lachen?!"
„Hahaha!" In Ottos Brust quirlte und wirbelte alles wie in einem Hexenkessel durcheinander. „Das wäre allerdings zum Lachen, wenn es nicht — wenn es nicht--!"
Mit einem Ruck^brach Otto ab. Das also war des Pudels wahrer Kern! >L-ein Weib hatte ihn verlassen — nickst ans dem unüberbrückbaren Zwiespalt heiligster Gefühle heraus, — verlassen, nicht um des hehren Glaubens willen an diesen Mann, der dem einen ein Gott, dem ander» ein Teufel war — nein! Nein! Sie war von ihm gegangen um einer simplen Liebschaft willen! Zu dem da! — Zu dcni daTen er hätte nicderknallen mögen, wie einen tollen Hund! Sollte der etwa noch die Genugtuung haben, daß er ihm eben den Todesstoß versetzt? Daß er ihm sein Heiligenbild in Trümmer geschlagen?
Lieber tot!
Mit unheimlicher Ruhe, kerzengerade auf seinem Pferde sitzend, zog Otto den Brief unter dem Acrmelausschlag vor. Im nächsten Augenblick zischle ein Streichholz auf Er hielt den Brief darunter. Seine Hände zitterten nicht.
„Sagen Sie Madame—." Der Brief fing Feuer. Gierig leckte die Flamme daran auf. „Sagen Sie Madame, daß — Das Papier wurde braun, cs wurde schwarz — kräuselte sich und sank knisternd aus den Sattelknopf. Er drückte es, jeden Funken vernichtend, mit sicheren Fingern in sich zusammen. „Sagen Sie ihr, daß ich, sobald der Krieg mir Zeit zu Privatangelegenheiten läßt, — ihrem Wunsche gemäß die Scheidung einlciten werde." Seine Hand öffnete sich. Die verkohlten Fetzen taumelten zur Erde.
(Fortsetzung solgt.)
Der „Zporrassele".
Skizze von Th. Ebner llllm).
Vor ein paar Tagen haben wir ihn begraben. Mit allen militärischen Ehren, wie er es gewünscht hatte.
Wir haben nicht lange untersucht, ob er auch wirklich ein Anrecht daraus hatte. Dazu hatte man in diesen heißen und bewegten Tagen weder Zeit noch Lust. Wir wußten, daß cs die Sehnsucht seines langen und armen Lebens gewesen war, und das genügte.
Der „Liederkranz" sang ihm ein Soldatenlied am Grabe, der Kriegervereiu schwenkte seine schwarzumslorte Fahne darüber. So hatte er die Erfüllung seines Wunsches und stine Ruhe.
Wer? fragt der geneigte Leser. Ich bitte um Verzeihung. Wir nannten den Helden dieser kurzen, aber auch sehr wahren Geschichte nur den „Sporrasselc". Wi' er, der ehrsame Schneidergeselle Nepomuk Wehrlein zu diesem kriegerischen Namen kam?
Die Sache ist höchst einfach. Als er vor 44 Jahren, gerade nach dein großen Krieg, in unser Städtchen gewandert kam, bestand seine ganze Habseligkeit aus dem Kävvi und den gewaltigen Sporen eines Franzosen. Das eine trug er keck und schief auf dem Haupte und die anderen an den Stiefeln. Die aber nur an Sonn- und patriotischen Festtagen.
Natürlich, als er sich zum ersten Male in diesem Schmuck zeigte, was war das für ein Fragen und Staunen.
Der Nepomuk Wehrlein hielt zu dem allen, sonderlich, wenn inan ihm einen Schoppen zahlte, mannhaft stand.


