Die hundert Tage.

Bfonrntt aus dem Jahre 1815 von M. von Witten.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Von Charterst a» der französischen Grenze klang Ka­nonendonner pnd Kleingewehrfeuer herüber. Kein Zweifel mehr. Bedeutende französische Druppenmassen waren den preußischen Vorposten gegenüber eiivgetrosfen. Heftig ange­griffen, zogen sich die weitvovgeschobenen Brigaden des ersten preußischen, des Zietenschen Korps, die dort zur Deckung der weit ausgedehnten preußischen Stellung stan­den, ihrem Befehle gemäß vor der großen Uebcrmacht kämp­fend gegen Norden zurück.

Südlich von Fleurus, aus der Chaussee nach Charleroi, hielten die Brandenburgischen Ulanen neben zwei Kurmär­kischen Landwehr-Kavallerie-Regimentern, um die zurück­gehenden Brigaden auszunehmen. Sie mochten zusammen wenig niehr als 806 Pferd« stark sein.

Schon war ein Ordonnanzoffizier vorllbergesprengt, der den Feldmarschall, dessen Hauptquartier sich noch in Namur befand, die Nachricht überbringen sollte, daß Napoleon selber mit seinen Garden jenseits Charleroi eingetroffen sei.

Mit einem Ausdruck glutvollster Spannung blickte Ulrich, an der Spitze seiner Schwadron haltend, in die Ferne, aus der der Geschützlärm herübertönte.

Gott sei Dank! Napoleon loartcte nicht ab, bis Frank­reich durch die langsam herannahenden Heere der Verbün­deten, von denen Oeslerreicher und Russen noch recht weit entfernt standen, umzingelt werden würde, nein! In ver­zweifelter Entschlossenheit nahte er h.'ran, um zunächst über die dicht an seinen Grenzen haltenden Truppen Blüchers und Wellingtons herzusallen.

Endlich sollte dieses qualvolle Hangen und Bangen zwi­schen Krieg und Frieden ein Ende finden! Endlich sollte man sich mit Napoleon messen! Endlich durfte die Glut tödlichen Hasses sich im Kampfe entladen.

Eine weihevolle, totbereite Begeisterung lag auf Ulrichs Zügen. Er wandte den Kopf; sein Auge streifte die kleine handvoll freiwilliger Jäiger, die zur Seite seiner Schwadron hielten war's nicht, als tausche er mit dem einen von ihnen, mit dem Strohblonden, Hageren, Blick um Blick?

Der Blonde lächelte, grüßte mehr mit den Augen, als mit einer Bewegung des Kopfes; durch Ulrichs Glieder zit­terte es wie ein heimliches Erschauern er kehrte sich ab. Suchend glitt sein Auge über die Schär der Reitert derew blaue, goldverschnürte Uniformen, deren blaue Tschakos und schwarzweiße Lanzenfähnchen in der strahlenden Sonne schimmerten und funkelten. Jetzt hatte er den Gesuchten ge­funden. Bei der nächsten Schwadron hielt Otto von Jäger. Die gertenschlanke Gestalt auf dem ferngkiedrigen Braunen Wie aus Stein gemeißelt,

Armer lieber Freund!

Was ist aus dir geworden!

Seit jenen Tagen, da er von Philipp von Eure die Nach­richt empfangen, daß Toska für immer zu ihrem Vater zurückgekehrt fei seit jenem Tage schien Seele und Leben aus Ottos Körper geivichen, und die Glieder verrichtetes nur noch einer Maschine gleich den Dienst.

Daß man ihm hätte helfen können!

Aberder starre Drotz, mit dem er sich dem alten Freunde gegenüber von vornherein gewappnet, hatte sich bis zu einer eisigen Kälte gesteigert, die jedes gütig teilnehmende Wort im Keim erstickte. Ja, er hatte es fertig gebracht, sich in eine andre Schwadron versetzen zu lassen.

Daß sich sein Gram doch in wilden Ausbrüchen Lust ge­macht! Daß er ... . ,

Ulrichs Haupt ruckte herum Pferdegetrappel hatte sein Ohr getrossen. Scharf forschend blickte er gen Süden. Aus der Staubwolke tauchten vier Reiter auf: Zwei westfälische, Landwehrleute mit einem Unterossizier in ihrer Mitte sah er recht?! ein französischer Offizier. Gefangen? Nicht doch! Ein Ueberläufer gewiß. Die weiße Kokarde glänzte am Hute. Näher sprengten sie heran. Vor dem Gene­ral, der mit dem Oberst von Stutterheim und ein paar Herren vom Stabe ganz in der Nähe von Ulrichs Schwadrson hielt, machten sie Halt.

Mit seltsam hochklopfendem Herzen folgte Ulrich dem Vorgang.

Worte wurden gewechselt Ulrich unterschied sie nicht.

Da zog der Franzose, ein zierliches, bewegliches Kerl­chen, einen Brief aus dem Aermel seines Rocks. Oberst von Stutterheim nahm das Schreiben prüfte die Adresse wandte sich mit kurzer Erklärung gegen den General und gab es dann zurück. Im nächsten Augenblick löste sich der Regi­mentsadjutant aus dem Kreise und ritt an der Aufstellung der Ulanen entlang. Jetzt blieb er halten vor Leutnant von Jäger. Der trabte mit dem Adjutanten zum Obersten zurück, der französische Offizier reichte Otto den Brief Otto ergriff ihn erblaßte, schien zu wanken, im näche sten Augenblick saß er wieder wie aus Stahl gegossen im Sattel.

Ulrichs Herz zog sich zusammen in tiefem Schmerz um den geliebten Freund.

Dieser Brief gewi! Er mußte irgendwie mit Toska Zusammenhängen! Aber wie kam dieser französische Offizier dazu, der den Bourbonen, nicht Napoleon diente?!

Da wurde Ulrichs Aufmerksamkeit von neuem gefesselt: Der westfälische Unteroffizier sprengte mit seinen beiden Leuten zurück in der Richtung, aus der er gekommen Otto von Jäger aber trabte an der Seite des französische Offiziers mit zwei Ulanen gegen Norden auf Fleurus zu.

Was ging da vor?

Während Ulrich sinnend und grübetzcd auf seinem Hengste hielt, ritten die beiden, der Franzose und bei; Deutsche, schweigend einen schmalen Feldweg entlang, der