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für die Ritterdienste dankte, die er ihr und! der Dochter kurz zuvor, bei ihrer Rückkehr ans Courcelles, erwiesen.
Ottos Stimme schlug an ihr Ohr — sie wähnte ihn körperlich greifbar vor sich zu sehen — sie ritz die Äugen auf, —i der Raum war leer — sie war allein.
Mutterseelenallein.
Da quoll der Schmerz wie glühende Lava aus Erdentiefen in ihr herauf. Sie wähnte zu ersticken. .Sie sprang auf; sie breitete beide Arme aus:
„Otto! Otto!"
Dann brach sie auf dem Stuhl am Schreibtisch nieder, Warf, von Schluchzen geschüttelt, die Arme auf oie Watte und barg den Kopf hinein.
Nein! Nein! Er liebte sie nicht! Konnte sie nicht lieben! Sonst hätte er ihr noch ein paar kurze Abschiedsworte gesandt! Sie hatte ihm durch ihren Vater mitteilen lassen, daß sie für immer zu ihm zurückgekehrt sei, und daß Otto die Scheidung einleiten möge. Von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag hatte sie, ohne es sich einzugestehen, auf eine Antwort von ihm gewartet. Auf eine Bitte, auf ein flehendes Beschwören, zuriickzukehren >— auf die Zusicherung, um ihretwillen schließlich doch seines Königs Rock aus- ziehen zu wollen.
Hatte er sie schon vergessen? Oder zürnte er ihr deshalb doppelt, weil sie ohne Abschied von ihm gegangen, weil sie ihm nicht noch einmal die Beweggründe ihres Handelns klargelegt?
Gott! Es wäre ihr damals ganz unmöglich gewesen. Sie wäre eher gestorben. Aber heut, in dieser Stunde — da konnte sie's! Alle Tore ihres Herzens standen weit offen. Alle Gefühle, die drinnen verschüttet gewesen, brachen wie warmquellende Ströme hervor. Wenn sie denn scheiden mußten — so sollte es wenigstens in Frieden sein!
Und ohne sich zu besinnen, griff sie zu Papier und Feder und schrieb und schrieb, als ob sie ihre Seele aus- Iqhretben wollte — einen Brief nach dem andern. Und ein Brief nach dem andern wurde wieder zerrissen —. von ihrem sich heimlich ausbänmenden Frauenstolz zerrissen. Schließlich aber blieben doch ein paar dürftige Zeilen stehen.
„Otto,
abe ich Dir Leid zugefügt, so vergib mir! Ach hätte nie ie Deine werden oiirfen! Daß ich es doch tat, das rächt das Schicksal nun an uns — an mir. Leb wohl! Gott schenke Dir Glück —, unendlich viel Glück! Und gedenke Unsres kurzen Zusammenlebens als eines schönen Traumes, zu schön für diese Erde. Toska."
Roch einmal überflog sie die wenigen Zeilen; dann schloß sie den Brief, siegelte ihn und drückte das Petschaft aus !— alles in einer Hast, als fürchte sie, es könne sie gereuen. Mit fliegender Feder flog die Adresse aufs Papier —, ein zartes Rosa lag auf ihren Wangen, ein feuchter Schimmer glänzte in ihren Augen — sie lächelte fast —
So traf sie der Vater.
„Toska, verzeih, daß ich so hereinbreche! Du hörtest mein Klopfen nicht!" Er hielt die eichene Tür des Salons, die sie vorhin zugeschlagen in der Hand und stand zwischen Tür und Angel in seiner schönen .Gardeuniform vor ihr. „Gestatte! Graf Duboit, der morgen zur Armee abgeht, möchte sich dir persönlich empfehlen!"
Aufspringen und den Brief in die Schreibmappe schieben war eins gewesen. Blutübergossen trat sie dem Vater entgegen.
„Ich lasse bitten!" sagte sie verwirrt.
, . dbilipp von Eure schlug den Türflügel weit zurück und lud den Gast ein, näher zu treten. Es war ein feingliedriger, dunkeläugiger Offizier, einen halben Kopf kleiner als der bochgewachsene Vater, mit schmalem, gelbbraunem Gesicht, in der lichtblauen Uniform der Husaren. Eine chevalereske Liebenswürdigkeit, die sich wie eben jetzt — bis zur gluw vollen Schwärmerei steigern konnte, schien den Grundzug seines Wesens zu bilden.
Mit graziöser Verbeugung ergriff er die Hand der jungen Frau und führte sie an die Lippen.
In Toskas Antlitz ging und kam die Farbe.
Mas geheime Werben in diesem Blick, in diesem Handkuß tat ihr weh. Nein! Es empörte sie. Und doch ließ sie sich nn Sofa nieder und lud den Grasen ein, Platz zu nehmen. Ein Gespräch entspann sich — leicht steigenden Raketen gleich, indes der Vater, sich entschuldigend, für ein paar Augenblicke das Zimmer wieder verlassen hatte. Das war ihr peinlich, umsomehr, als ihr gerade in diesem Augenblick
einfiel, daß sie, als sie noch in Courcelles war, ja diesem Manne zur Gattin bestimmt gewesen. Doch desto launiger und sprühender fielen ihre Antworten aus. Dabei dachte fta im Grunde ihres Herzens aber uvhts anderes als: Dev
Brief! Der Brief! Wie fange ich's r.ur «n, daß Otto den! Brief erhält? Mit der Post ihn befördern? Unmöglich! Alt einen preußischen Offizier gerichtet, würde er so nahe vor Ausbruch der Feindseligkeiten gewiß zurückgchalten, mindestens aber vor Weiterbeförderung erbrochen werden. Dann lag ihre Seele offen vor fremden, indiskreten Augen!
Aber, wenn sie den Vater ins Geheimnis zöge?
Das noch weniger! Sie hätte sich ihm gegenüber allzusehr dieser Schwäche wegen — sie fand bei sich selber kein! anderes Wort — geschämt.
Aber wie nur? Wie? Plötzlich kam ihr ein Gedanke.
Und ohne weiter zu bedenken, wie ihre Worte aufgefaßt werden könnten, nur einzig ihr Ziel im Auge haltend, beugte sie sich vor:
„Graf, Sie gehen morgen zur Armee?"
„Ich reise in wenigen Stunden!"
„Wollen Sie mir einen Gefallen tun?"
„Befehlen Sie, Madame! Für Sie hole ich die Sterne vom Himmel!"
„So unbescheiden bin ich nicht! Nur einen Brief bitte ich Sie zu besorgen, einen Brief, den ich der Post nicht anper-i trauen möchte." _ !
„Einen Brief? Etwa an — mich?"
Sprachlose Hoffnung in den lächelnden Augen ergriff der Graf Doskas Hand.
Beinahe heftig stand sie auf.
„An — an —meinen Mann wollte sie sagen und brachte es doch nicht über die Lippen — „an Herrn von Jäger."
Hastig hatte sie sich abgewandt, war wieder zum Schreibtisch getreten und hatte den Brief aus der Mappe gezogen., Jetzt hielt sie ihm bittend das Schreiben entgegen.
Auf seinem langgewordenen Gesicht prägte sich eine große Enttäuschung aus.
Sie sab es wohl, und sah es doch auch nicht. Zu bitter! quoll mit einem Male wieder der Schmerz um das verlorene Glück in ihr herauf. :
„Also — als Postillon ä'amour — ?" machte er gedehnft
„Nein! Nicht als Postillon d’amour — als Uebermittlev eines letzten Abschiedswortes habe ich Sie ausersehen," ent- gegnete sie mit zuckenden Lippe». „Ich sage Herrn von Jäger mir diesen Zeilen für immer Lebewohl. Der Post übergebe», würde ihn der Brief jetzt nicht erreichen. Sie reisen an diq Nordgrenze Frankreichs — Sie werden irgend ein Mittet ausfindig machen, um das Schreiben sicher in seine Hände gelangen zu lassen." ;
Graf Duboits bewegliches Gesicht hatte sich sichtlich erhellt. Ja, es lag das Vorgefühl eines Triumphes darauf« Schon wollte er den Brief ergreifen. Da glitt von neuein ei» Schatten über seine Züge.
„Eh bien — ! Wir sind im Kriege! Wenn Unn der Brief — Aufklärungen enthielte?"
ToSka reckte sich auf. Hoheitsvoll, mit kalten, strafenden; Augen blickte fie ihn an. ' i r
„Mein Herr — um sich mit Spionage abzugeben, dazitz hält sich die Dochter Philipp von Eures für viel zu Hochs. Zweifeln Sie daran, dann lesen Sie den Brief!" Sie machte Miene, ihm das Schreiben fortzunehmen, um es zu erbrechen — vielleicht auch, um es zu zerreitzen.
Er aber fühlte sich beschämt; zugleich freilich auch im tiefsten Herzen beruhigt.
„Verzeihung, Madame! Verzeihung! Kein Wort mehr darüber. Ich werde tnm was in meiner Macht stehil, um Ihren Wunsch zu erftlllen. Und kehre ich heim, ein ruhm- zekrönter Sieger, darf ich dann vor Sie hintreten und Sie! *
a en, ob Sie auch mir zur Belohuung einen Wunsch x.r- n wollen?!" Mit werbenden Augen drang er in sie.
Ihr Blick wich ihm aus. ' 1
,,DaS Wünschen ist zollfrei, mein lieber Gras! Und wer weiß! Vielleicht haben Sie bis dahin Ihre Wünsche vergessen!" ! i“ : ; ,n;
,Flicht in alle Ewigkeit!"
Da trat Herr von Eure wieder ein. Er war vor zwei Tagen zum General befördert. Toska wandte stch ihm zu., Die alte, heiße Kindesliebe durchflutete von neuem strahlend ihr Herz. We schön er war in seiner prächtigen GeneralS- uniforml


