Ausgabe 
2.11.1914
 
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Die hundert Tage.

ittoman aus dem Jahre 1815 von M. von Witten.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Plötzlich kam ein aushorchender Ausdruck in ihr Gesicht. Lauschend drückte sie sich unwillkürlich dichter gegen die Fensteröffnung.

Leute, die mit dem langsam fahrenden Wagen Schritt hielten, unterhielten sich, wenn auch mit etwas gcdümpfter Stimme, so doch ganz ungeniert.

Nu foi! Eigentlich hätte ich etwas ganz anderes er­wartet!"

Ich hätte darauf geschworen, daß er die Republik pro- klainieren würde!" >.

Wenn auch das nicht! Aber daß er zugunsten seines Sohnes abdauken würde!"

Mais non! Den armen kleinen König von Rom, den geben sie ja in Wien nicht heraus!"

Wenn ich die Kaiserin Marie-Luise wäre, ich hätte mich nicht halten lassen!" meinte eine jugendliche Frauenstimme.

Einfaltspinsel! Bielleicht glaubt sie nicht mehr an sein Glück! Und will sich die Sache aus der Ferne begucken. Es sieht doch man brenzlich aus!"

Om! Oui! Das tut es! Es geht mit den Rüstungen nicht halb so rasch voran, als man zuerst geglaubt. Es fehlt an Geld es fehlt an Menschen! Freiwillig will keiner mehr so recht heran. Jeder hat den Krieg satt! Uebersattl Warum schreitet er nicht wieder zur Konskription?"

Weil er diesen letzten Ausweg fürchtet. Wieviel Feind­schaft hat der ihm schon 1812 und 13 eingetragen. Zudem noch tobt der Ausstand in der Vendee"

'Es wäre doch aber das einzig wirksame Mittel"

Gleichviel! Es würde die gute Wirkung, die er beim Volke durch die freiwillig gegebene Konstitution erreicht zu haben hofft, zweifelsohne zerstören!"

Ach diese Konstitution! Wen wird sie befriedigen?!"

Und doch mußte er sie erteilen, da Ludwig XVIII. sich zur konstitutionellen Monarchie bekannte!"

Er ist nicht mehr derselbe!"

(Sage: Er kann nicht mehr wie er will!"

Non visu! Ob er sich überhaupt wird halten können?!"

Die Karosse ruckte zu die Stimmen gingen unter. Jetzt sank auch Toska tief in den Sitz des Wagens zurück.

Nur nichts mehr sehen nichts mehr hören müssen!

Als sie endlich, endlich sich in das ihr zugewicsene Zim­mer in den Tuilerien zurückziehen durfte, da verschloß sie die Tür, fiel vor ihrem Beide nieder und vergrub den Kopf zwischen den Kissen wie ein todwundes Reh, das sich einen Schlupfwinkel sucht, um verenden zu können.

*

Ein paar Tage waren vergangen.

Toska durchwanderte in krankhafter Ruhelosigkeit die Zimmerflucht im ersten Stockwerk ihres Schlößchens. Es war ein hübsches gediegenes Gebäude im Renaissance-Stil an der.Seine gelegen. Die Familie von Eure gehörte dem alten Adel Frankreichs an. Im Jahre 1791 waren die beiden Brüder vor der Revolution nach Belgien geflohen, wo der be­deutend ältere Eugen sich bei Genappe ein Anwesen gekauft. Philipp dagegen, der damals erst wenige Monate als Offi­zier in der Armee gedient, hatte es nach dem Rheine, nach Koblenz getrieben Dort hatte er seine Frau kennen gelernt, und da er einen kleinen Teil seiivcs Vermögens gerettet, einen behaglichen Hausstand gegründet. Heig und immer heißer aber brannte in ihm die Sehnsucht nach der Heimat und seine junge glühende Seele sog sich, wenn anfänglich auch erst widerstrebend, an dem Brlde des Mannes fest, der, eine ausgehende Sonne, Frankreich zu neuem Glanz und Ruhm geführt. Und als dann um die Wende des Jahrhun­derts dieser Erste Konsul eine allgemeine Amnestie bewil­ligte, da war Philipp, von Heimweh getrieben, nach Paris zurückgekehrt und hatte schließlich im Heere des Kaisers Dienste genommen.

'Das ungefähr .waren die Gedanken, di« Toskas Hirn flüchtig bei ihrer Wanderung durchzog».

Gott sei Dank, daß sie wenigstens wieder daheim, zwi­schen ihren .vier Pfählen war.

Am Morgen nach jenem Festtage auf dem Marsfelde war sie, infolge einer schlaflosen Nacht völlig erschöpft, im Vor­zimmer von Madame Mere ohnmächtig zusammcngesunken. Als sie sich etwas erholt, hattje sie die Kaiserin-Mutter ge­beten, sie noch für einige Zeit vom Dienst zu dispensieren und ihr zu gestatten, bis zur völligen Kräftigung! ihrer an­gegriffenen Gesundheit nach Haus zurüctzukehren. Die Kai­serin-Mutter hatte ihr diese Bitte gnädigst gewährt.

Todmüde ließ sich die junge Frau endlich in einen der taubengraublauen Gobelinsessel fallen, die im Rokokosalon, dem letzten Raum der Zimmerrcihe, den länglich-viereckigen Tisch umstanden und legte den Kopf in die aufgestützte Hand. Wie mit schmerzlicher Liebkosung glitt ihr Blick über die lieben alten Möbel, über die kostbaren, halb verblichenen Polster, über die edlen Schnitzereien des Nußbaumholzes, über die schweren gelbseidenen Damastvorhänge.

Einen heimlich süßen Duft schienen all die teuren Gegen­stände dieses Zimmers auszuatmen. Das Odeur, das die Mutter gebraucht, es hing gleichsam noch im Raum'.

Toska schloß die Auge». Wenn dieser Dust an ihre Seele rührte, dann wurde ihr die tote Mutter lebendig sie ver­nahm ihre weiche zärtliche Stimme, sie spürte ihre Nähe ihren Atem!

Und mit einem Male sah sie die Mutter dort am Schreib­tisch sitzen, wie sie mit ihren schönen blinden Augen, den! Ausdruck eines strahlenden Kindes in dem feinen Gesicht, zu Otto von Jäger anfblickte und ihm, seine Rechte mit ihren beiden Hände» umschlossen holend, mit rührender Jnnigkei'