Ausgabe 
31.10.1914
 
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Jmti Doggkart bis jatnt soltben Bierwagen mtl Kretdeinschrifil -A Malines et retour 3 francs", darin st« aus dünnen V* nrfril&rm sitzen, immer bereit, bei einer raschen Wendung über b-n fttzmalen Wagenrand flu fallen Vornehme Einspänner mit Damen in Spitzen und Herren im Zylinder, mit Gesichtern diplo­matisch glatt wie Oberkellner und einer Mine, als ginge der grinse Krieg sie nichts mt; aber hinaus müssen sie doch alle, um stch das mal anznsehen, was deutsche Kanonen vollbracht haben. Praktische Geschäftsleute haben fliegende Kantinen errichtet, wo man die köstlichen Brüsseler Trauben kaufen kann und Wern, Vier, Brot, Butter usw. Sie haben regen Zuspruch, denn die Könne meint es noch gut, ehe sie Abschied nehmen will.

So drängt und schiebt sich das neugierige Volk die gold- «ckbe Herbststraße entlang. Andauernd tutend erzwingt sich unser Auto den Weg. Bald sind wir in Eppeghein. Hier sind die ersten «ainpfftätten vor Brüstel Ueberall wimmelt es von Neugierigen; ste kriechen in die »erschossenen Häuser, betasten die Kugelspuren an den Wänden, finden Granat- und Schrapnellsplitter und reden, als ob sie dabei gewesen wären. Mit kleinen Spaten arbeitet man tn den Schützengräben und Unterständen und tut vorsorglich alle Beute alsAndenken" rasch tn den groben Sack. Aber alles, Mas ste finden, gehörte einst den eigenen belgischen Soldaten. Die deutschen Truppen haben nichts fortgeworfen. In großen Mengen liegen in den Gräben noch die schwarzen belgischen Tor- atster und Kopfbedeckungen aller Art, ferner Feldflaschen, rote Leibbinden, Patronentaschen und Patronen. Von letzteren findet Man auch französische und englische überaU. Ste find ein be- kebteS Kinderspielzeug geworden.

In Mecheln war eine Fülle wie Sonntags beim Kirchgang. Drprischen deutsche Insanleite- und Matrosenabteilungen, tzuh» pe.! kl. sonnen und militärische Lastautos. Ein großer Teil der cvölkcrung Mechelns ist zurllckgekehrt. Schon sieht man lang« ätern an den Häusern stehen, Maurer und Glaser sind an der beit, Dachdecker und Zimmerleute schleppen Material herbei, wo sich eine Ausbesserung twch lohnt. Aber manche Steilen *11 Stadl, besonders in der Gegend der Kathedrale, sind nur poch regellose Trümmerhaufen. Hier hilft nur ein Neubau von Grund aus Auch die Kathedrale ist schwer beschädigt, mit ge» paltigen Löchern in den Deilenwänden und tm Dach. Die Be- »chiestung mutzte sein, weil die Belgier auf dem Turme einen loeobachtungSposten hatten.

Mecheln liegt hinter uns. Wir nähern uns der äußeren

r linie. Ueberall sieht man die Spuren deS erbittertsten Kamp- Die Chaufsecbäum» sind «fällt, di« Buschwerke rastert, ganze Waldstücke «kappt, und überall, durch Wiesen und Feld, v^ich Gärten und Parks die Schützengräben mit ihre» Unter- Minden, tn denen die Leute di« ganze Zeit wohnten. Zahlreiche Granatspuren an Bäumen und auf der Straße selbst und tiefe Geschoßtrichter im Acker zeugen von der Heftig keit des Feuers.

Ta liegt die Ueäoute ademin de fer. Der ganze Eingang vi durch eine einzige Granate zertrümmert. Innen liegt alles Müst durcheinander, Geschütze und Wagen, Brückengerät und Mu­nition, ein wildes Chaos erbitterten Kampfes.

Dort tn der goldgelben Ecke deS kurzen Buchenbusches liegt «in Massengrab deutscher Soldaten. Ein schlichtes Holzkreuz kenn-

g ct die Stelle und ein preußischer Fnfanteriehelm darauf in der berbstfomre. Dicht dabei liegt eine Gärtnerei. Die tenkultur ist zertreten, aus dem Boden zerstreut liegen Tau­ber roten Früchte. Die Wohn- und Gewächshäuser sind nur «in Schutthaufen. >

Ein neues Schlachtfeld ist wie eine llaffende, blutige Wund«. Erst wenn die äußeren Schäden «heilt sind, bekommt es den ge- paltigen Zauber, mit denen Namen wie Leipzig, Waterloo, Sedan wirken. Dann reden die SOachtfclder die gemilderte Sprache her Geschichte. Ein frischer Kampfsatz schreit und klagt den Schuldigen an mit allen zerschossenen menschlichen Wohnstätten, Mit verwüsteten Gärten und Parks und aufgewühlten Aeckern, und das kann man schon jetzt überall feststellen, sogar unter der Landbevölkerung, daß sie mit dem Finger gen England weist, drohend und an klagend für alles Elend, was dieses Land tn seinem wahnsinnigen EgvrSmus über Belgien «bracht. Die Früchte wird «fl ernten Das Fort St-Cathsrine ist durch diefleißige Berta", unsere 42ztgrrin, vollkommen vernichtet. Panzertürme mit den dicksten Betonmauern sind wie Blechdosen zersprengt und innen Kegen Geschützrohre, Wlnben, Geschosse, Maschinenteile, alles durch- an der. Löcher llasfen fn den Wänden, daß man mit beladenem Heuwogen durchfahren kann. Auch der Ort St.-Cathörine selbst >md Düffel zeigen wenige Häuser unversehrt. Manchmal sehlt die aanze Borberwano und Sonne und Regen dringen in wirre, «rrchetnander geworfene Zimmer ein. Ml der hängen noch an den Wänden, aber »ersetzt. Tische, Kronleuchter und Betten, vermischt znit Geschirr und Büchern oder Leinenzeug sind tn buntem Gemisch Zertrümmert und aus die Straße geschleudert. Und da steht noch »tu weißgestrichenes Kinderbett, eine Pupoe ist tn die Seitenwand eingeklemmt: Wo ist die Kleine, wo die Eltern? Wohl in Holland. Aber auch sie werden drohend die Faust »ach England erheben. Weiter nach Antwerpen zu verläuft sich der Menschenschwarm. Auch in den Vororten kehrt man pirück. Hier sind die Zerstö­rungen geringer, bis unmittelbar vor der inneren Fortlime, wo «e Belgier des Schußfeldes wegen Lanze Häuseroiertel und Parks «rsiert haben.

$n Antwerpen selbst herrscht reges Leben. Mele Läden sind wieder geöffnet, vor allem die Lebensmittelgeschäfte und dann die Lampengeschäfte. Manch Kronleuchter scheint bei der Beschießung den Weg alles Irdischen gegan«n zu sein. Die Antwerpener sind freundlich und gefällig. Drei Ta«, zwei Nächte Bombardement und Kellerluft macht recht gefügig. Ille Schutzleute grüßen und springen vor Diensteifer. Keine belgische Fahne ist mehr zu sehen, aber oben auf der 123 Meter hoben Kathedrale weht stolz die Flagge des Deutschen Reiches. Ein Akrobat muß sie da hinauf gebracht haben. Auch hier sind schon die Arbeiter beschäftigt, die Schäden der Beschießung zu heilen. Elegant gelleidete Damen promenieren wieder, gefolgt von Kinder tragenden Ammen. ..Herrchen" fla­nieren und beschauen ängstlich die großen Granatlöcher in manchen Häusern. Auch die Elektrische ist wieder im Betrieb. Antwerpen ist eine schöne, altertümliche Stadt mit unverkennbarem starkem Einschlag einer Handelsmetropole. Deutscher Fleiß und deutsches Geld steckt viel in der Stadt. Fast alles spricht flämisch. Nur wenige französische Laute bört man. Sehr schön sind die großen Alleen der Boulevards und die weiten Prachtstraßen am Haupt- bahnhofe.

Hier ist die Wut auf die Engländer eine unbeschreibliche, be­sonders in den «bildeten Kreisen, in denen die englischen Ränke und Machenschaften nach und nach bekannt werden. Zu einer großen Halle ftihrte uns ein alter vornehmer Herr:Hier sehen Sie, meine Herren, liegt der ganze Krempel der englischen Hilsstruppen. Erst sind sie schuld, daß die Stadt beschossen wird, und dann stürzen sie hierher, ziehen Zivil an und machen Halfl über Kopf, daß sie sortkommenl Schöne Bundesgenossen das. Was werden wir an Venen noch erleben!" Ter ganze Erdboden lag voll von hun­derten, ja tausenden von Ausrüstungsstücken, Decken, Zeltbahnen, Mänteln, Säcken ufw.

Und dann," fuhr der alte Herr fort,bekam ich den Befehl, die Petroleum-Tanks anzuzünden, aber ich weigerte mich, und da schickte man einen Leutnant, und der bat eS dann getan. Na, über­haupt und so!" Er war eine Zettlang in Berlin gewesen.<

Bor der Halle steht daS Volk und bettelt um englische Beklei- dungsstücke. So ein englischer Mantel ist gut, er hält warm. Gut, daß die Bundesgenossen mit dem großen Gewissen sie zurückgelasscn

Di- meisten Hotels sind wieder eröffnet und ganz von deutschen Offizieren der Besatzung eingenommen.

Es ist Nacht geworden für die Rückfahrt nach Brüssel. Hell blitzen die Sterne vom schwarzblauen Sammethimmel, und der helle Schein der Autolaternen fällt auf die Landstraße. Flüchtig huschen Schlösser mtb Parks vorbei, deren Besitzer wohl in London oder an der Revier« find; schaurig grüßen die schwarzverkoblten Ruinen verbrannter Dörfer mit hohlen Fenstern. Hunde und Katzen hu­schen lautlos über die Straße. Alles ist tot, verbrannt, leer, ver­wüstet. Das ist der Krieg! Kalt weht der Herbstwind durch dafl raschelnde Laub und von fern grüßt der helle Lichtschein der Groß­stadt Brüssel. _

vermischte«.

* D i« Scheinbatterie. Unsere Soldaten haben in den Schützengräben viel Zeit, die ste stch auf jede erdenkliche Welse ver­treiben. So kam, wie In einem Feldpoltbrtei geschrieben wird, die Batterie eines Feldartlllerie-RegtmentS auch aus den Einlall, den Franzosen einen Stretch zu spielen. Man baute etwa 200 Meter vor den Schützengräben, an ziemlich auffälliger Stelle, eine täuschend ähnliche Scheinbatterie aus. Alte Zeltbahnen und geplatzte sran» zöstsche Granaten lieferten das Material. Es war ein Meister­werk, das hoch gekrönt wurde durch die aus Strohpuppen ge­schaffene, mlt alten Helmen geschmückte BedtenungSmanntchalt Man war neugierig, welchen Eindruck diese Scheinbatterie aus di« Franzosen machen würde. Einen Tag dauerte es, bis stch ein französischer Flieger zeigte, der anscheinend die Aufgabe batte, die Stellung der Deutschen sestznstellen. Man war tn den Schützen­gräben unsichtbar und ließ deshalb den Flieger ruhig seine Kreise ziehen. Mit welchem Bericht er zurückkehrle, ließ sich leicht aus den folgenden Maßnahmen der Franzosen «rfehen. Eine Schützen» linfe rückte vor, gedeckt von heiligem Feuer mehrerer Iranzöstfcher Batterien. Die Granaten fchosten die deutsche Schelnbalterle sn Grund und Boden. Kein Schuß verfrrte stch bis zu der verdeckten Stellung der deutschen Artillerie. Diele wartete ruhig ab, sah, wie in der Ferne ein Fesselballon aufstieg und den Erfolg der Iranzöstschen Beschießung beobachtete und erhielt dann Meldung, daß die französische Infanterie zum Sturm vorglng». Ma» ließ ste bis auf 800 Meter näher kommen, dann begannen di« deutschen Maschinen­gewehre zu rattern und di« Kanonen di« mit ihrem Erfolge äußerst zufriedene feindliche Artillerie zu beschießen. Bon der stürmenden Jnianterie blieben die meisten toi oder verwundet aus dem Schlachtfeld, die übrigen wurden gesaiigen genommen. Di« französisch« Artillerie erhielt verschiedene Volltreffer und zog stch unter schweren Verlusten zurück. Ein besonderes Vergnügen be­reitete es unseren Soldaten, di« gefangenen Rothosen an der ver­wüsteten Scheinbatterie vorüberzuwhren und ihnen zu zeigen, daß ^fe beausiragt- waren, eine Scheinbatterie zu stürmen, die dem deutschen Arttllerte-Regfment z» einem Ehren­tag verholsen hatte.