Ausgabe 
31.10.1914
 
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Kanonen Vomierten die Karosse hielt. Man War auf dem Marsfelde.

Der weite, wette Platz angesüllt mit unzähligen Men-

( chen. Darüber die grell blendende Sonne. Toska sah und ah doch nichts. Dazu das Chaos der Geräusche sie war einem Schnnndel nahe und atmete erlöst auf, als sie endlich

S ren Platz auf einer der Tribünen einnehmen konnte zur nken der MarschaMn, dicht hinter der greisen Madame Möre. Langsam kam sie zu sich langsam stellten sich ihr Menschen und Gegenstände klar vor die Augen.

Ein halbkreisförmiges Gebäude, eine Art Amphitheater War aufgebaut, in dessen Scheitelpunkt der erhöhte Thron errichtet war, vor dem ein Altar,der Aildar des Baterlan- des" sich erhob, an dem einst Ludwig XVI. mit den Vertre­tern Frankreichs den Eid aus die neue Verfassung geleistet. Ein leiser Schauer durchrann Toska. Ihr Auge glitt weiter über die rechts und links sich anschließenden Galerien, auf denen sich eine vornehme Gesellschaft niedergelassen.

Die staatlichen Körperschaften, die hohe Geistlichkeit, die Abgeordneten der Departements, die Mitglieder der De­putiertenkammer, der gesamte Hofstaat, die Würdenträger Und Beamten der Stadt Paris," erklärte die Marschallin, Und neben den Zivilbehvrden die Vertreter der Armee in ihren blinkenden, goldstrotzenden Uniformen. Jedes Regi­ment hatte fünf seiner Offiziere, Unterosfiziere und Fahnen­träger entsandt es war ein sinnverwirrender Glanz!

Und doch erkannte Toskas Auge den Vater heraus. Lächelnd, aufmunternd grüßte er mit der Hand von der gegenüberliegenden Tribüne zu ihr hinüber.

Sein Gruß tat ihr wohl und tat ihr doch zugleich weh. Sie wandte sich apathisch ab: ließ den tränenverdun­kelten Blick weiterschweifen: am Ende der Galerien hatte die kaiserliche Garde, die Garnison von Paris, die National­paede Ausstellung gesunden. Und dahinter, auf den baum- vepflan^ten, rasenbelegten Erdwällen, die das ungeheure kandfeld umschlossen, hatten Hunderttausende von Zu­schauern ihren Platz eingenommen.

Welch ein Schauspiel!

Vollöl Sehen Sie dort den Kaiser!"

Den Kaiser!

DoSka fuhr sich mit der Hand über die Augen. Ein dumpfes Erstaunen über sich selbst strich schattenhaft durch ihr Hirn. Wie war es nur möglich, daß sie nach dem Kaiser noch nicht ausgeschaut?! Nach ihm, dem Abgott ihrer Kind­heit?

Dort saß eine Gestalt auf dem Dhron Toska zuckt» laicht zusammen war das der Kaiser?

Nicht mit der Uniform seiner Garde, die er sonst so gern -«tragen, war er, der in aller Kürze zur Armee abgehen und in einen gewaltigen Entscheidungskampf ziehen wollte, angetan, nein, etnem Schauspieler gleich, hatte er sich in ein rotsamtenes Gewand mit weißseidenen Beinkleidern gewor-

E t. Die Schuhe mit Troddeln, die weiße Samtmütze auf m Kopf verschärften noch das Peinliche der theatralischen Erscheinung.

Durch Toskas Seele zog ein heimliches Frösteln, zog die

I sühnende Oede eines großen Enttäuschtseins. Hatte er sich o verändert? Oder oder war es ihr Herz, das sich »«rändert hatte und mit andern Augen sah?

Wieder versank sie in dumpfes, gramvolles Brüten.

Der Erzbischof von Tours mit einer großen Anzahl von geistlichen in wetßseidenen Chorkleidern zelebriert« die Messe. Sie nahm es kaum wahr. Ihr Auge blickte nur immer und immer wieder nach der aufaeputzten Gestalt auf dem throne hin. Als müsse die endlich sich wieder verwandeln. Aber sie verschwand nicht. Rede aus Rede folgte, deren Sinn ihrem verträumten Geiste verschlossen blieb.

Endlich erhob sich der Kaiser mit großer Geste. Er ergriff das Wort. Hündend floß seine Riede. Er sei zurückgekehrt» um Frankreich den wahren Frieden zu schenken. Aber die <He glaubten seinen Versicherungen nicht sie drohten mit Krieg. So beteure er seinem Volke, dag er Frankreichs Grenzen, Frankreichs Ehre bis zum Aeußersten verteidigen werde. Und um ihm die Bürgschaft von der Aufrichtigkeit keiner Gesinnungen zu geben, habe er sich freiwillig der ab- wluten Gewalt entkleidet und sei entschlossen, Frankreich eine Konstitution zu verleihen!

Die Hand auf das vom Erzbischof voraebalten« Evange­lium legend, beschwor er di« Konstitution. Militär- und Zivil- pehörden taten das Gleiche Herold« verkündeten die Ab­

nahme der neuen Verfassung und ein Tedeum rauschte über das weite, weit« Feld.

Jetzt erst erlvachte Toska aus chrem Traumzustande.

Und die dumpfe, verständnislose Trauer ihres Herzens verwandelte sich in schwaches, bitterschmerzliches Mitleid, in bitterschmerzliches Mitleid mit dem, zu dem ihre Seele einst gebetet. Mitleid tötet alle Anbetung. Mitleid zerstört allen Götterglauben wie glühendes Wachs schmolz er da­hin in Toskas Seele. Sie erzitterte vor der Tragik im Leben dieses Mannes, der dort sich selber zunichte machte, ehe ach, dere ihm nahten um ihn zu vernichten.

Unglücklicher Napoleon!

Titane du! Durch die Gewalt des eigenen, unumschränk­ten Willens groß und übermächtig geworden, begibst dich selber freiwillig dieser Gewalt, die dich allein zu retten ver­mag. Begibst dich ihrer in dem Augenblick, da die ganze Welt dich in die Acht erklärt und im Begriff steht auf dich loH> zustürmen!

So schrie es in Toskas Seele.

Was hatte ihn so verblendet?

Tat er es, um damit das Volk, dessen Mithilfe für den bevorstehenden Kampf er nur zu sehr bedurfte, zu hellster Begeisterung, zu schrankenloser Opferwilligkeit sür den groß­mütigen Geber zu entflammen? Tat er es, mußte er es tun» von einer heimlich anwachsenden Gegnerschaft, von Verhält­nissen gezwungen, die stärker waren als er?

Stärker als er als Napoleon?!

Dann war Napoleon eben Napoleon nicht mehr, der Gigant, der Himmel und Erde getrotzt!

Toskas Herz klopfte in wilden Schlägen.

Gewaltsam klammerte sie sich an dasVivo I'em» psrsur!"Vivo I'smpsreur!" das nun immer von neuem aus den Reiben der Truppen und der zuschaucnden Meng« ertönte, als der Kaiser an die vorbeiziehenden Regimenter die Feldzeichen für den bevorstehenden Krieg erteilte.

Gewaltsam zwang sie sich, an den Jubel zu glauben, dev das Militär und die Masse des Volkes letzten Endes wie ein Sturm erfaßte und die Begeisterung sür den Heimgekehrlen noch einmal zu hellodernder Flamme entfachte.

Es mußte, m u ß t« ja noch derselbe Napoleon sein! De» Napoleon ihrer Kindheit der Napoleon, um dessentwillen sie von dem Gatten gegangen!

Wie hätte sie sonst leben sollen?

»

Als der Festakt endlich beendet, war eS schon sehr spät geworden. Es dämmerte bereits.

Durch einen unglücklichen Zufall die Pferde hatten gescheut, der Kutscher hatte das Marsfeld verlassen müssen und war nicht wieder zurückgekehrt war Madame Ney mit Toska und den beiden anderen Hofdamen gezwungen gewesen, die erstbeste Mietskutsch« zu besteigen, die man end­lich bei der Brücke von Jena für sie hatte auflreiben können. So fuhren sie nun, weit hinter dem heunkehrendcu glänzen­den Zuge, mitten zwischen der zurückslutenden Menge di« Quais der Seine entlang in die Tuilerien zurück.

Eine große Abspannung, eine graue Ernüchterung lag auf allen Gesichtern der Heimströmenden. Selbst die Mav« schallin saß tief in die Polster des Wagens zurückgelehnt> mit geschlossenen Augen. Und auch die beiden anderen Palast­damen schienen leicht zu schlummern. Toska aber saß etwa- vorgeneigk, die linke Schläfe gegen den Rahmen des ge­öffneten Wagenfensters gelehnt, mit geblähten Nüstern, als sei ihr die Luft in der Karosse zu eng, mit angstvoll umhcrs- irrenden Augen. Suchten diese Augen nach etwas? Ode» drang daS, was sich auf ihrer Netzhaut spiegelte, gar nicht bis in das Innere ihrer Seele?

(Fortsetzung solgt.)

Zwischen Brüssel und Antwerpen.

Von unserem müitärischen Mitarbeiter.

Warmier Herbstsonnenschein lieat nach schweren Regentag«! über Brabant und Flandern. Das Laub ist rasch gelb und brau» geworden in den letzten Wochen, und Nebelschleier huschen flüch­tig über Wald und Feld.

Im flinken Auw verlaßen wir da» nervös« Brüssel, das vo» Krwasnot wenig erfahren hat, sonst wäre es weicher geworden, Hunderte, Tausende strönrcn au» den Toren in Richtung nach Mecheln. Wie Sonntag» tm Grunewald, so sehen di« Straße» nördlich Brüssel ans: Pferd«, zu Fuß, Hu Auto, zu Wage»