Samstag, den 81- Oktober
Die hundert Tage.
kkoman ans dem Jahre 1818 von M. von Witten.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Paris lag im prächtigsten Junisonnenschein. Eine ungeheure, freudig erregte Menschenmenge wogte durch die Straßen. So weil das Auge reichte — Kopf an Kopf. Bon den Tuilerien bis hinaus nach dein Marsfelde. Die Erwartung von etwas absonderlich Großem, von etwas unerhört Märchenhaftem, da-Z der steigende Tag, daS schon der nächste Augenblick zur Wirklichkeit gestalten ivürde, lag in der Lust. Sie zuckte in jeder Muskel, in jedem Gesichtszuge der tausend und abertausend Harrenden,
Da verkündeten die Glocken von allen Türmen der Stadt die elfte Stunde.
Kanonensalven dröhnten aus sechs Batterien von den Höhen herab.
Die Tore der Tuilerien öffneten sich weit — eine Slb- teilung Gardekavallerie sprengte heraus — die stolzen, goldverzierten Unifornien von tausend Sonnenlichtern um« sprüht und uni funkelt. Wagen auf Wagen reihte sich an, ein jeder mit sechs der edelsten, aufs prächtigste aufgezäumten Rosse bespannt, einer immer schöner als der ander«, einer immer erhöhteres Staunen auslösend als der ander«! Und dann! Dann die von acht Falben gezogene Staatskarosse, die den Kaiser Napoleon barg! Auf beiden Seiten von vier Marschällen begleitet, von einer glänzenden Schar von Adjutanten, Ordonnanzoffizieren, Pagen, Gendarmen gefolgt, rollte sie langsam durch die Straßen.
Die leicht erregten Pariser jauchzen wie Kinder, denen ein feenhaftes Schauspiel geboten. Mit dunkelglünzenden Augen, mit feurigen Wangen schauten sie und harrten des Kommenden.
„Vive I'empereur! Vive I'empereur!" tönte es von Mund zu Munde.
Was hat der Kaiser vor?
Mit Bestimmtheit wußte es keiner zu sagen. —
In einem der neunzehn sechsspännigen Wagen sah Toska von Jäger. Trotz ihres Festkleides von rosa Seide sah sie nicht festlich aus. Ihre Wangen waren bleich. Ihre Augen brannten trübe, als Hütten sie heimlich nachts geweint. Die ganze Gestalt hatte an jugendlich-warmer Rundung eingebüßt. Halb schmerzlich, Halo gleichgültig, ruhten chre Blicke auf den Bildern, die hinter dem Ausschnitt des WagenfensterS an ihr vorüberglitten.
Daß rhr Vater sie zu Haus gelassen hätte — zu Hau« in ihrem stillen Schlößchen, wo die verblaßten Rokokomöbel ihr von ach! so schönen vergangenen Ta^en erzählten und ihrer todtvunden Seele «ine Heimat vortauschten!
Warum hatte er sie so inständig bitten müssen, bei der foeben nach Paris zuruckgekchrten Madame Märe die Stelle
einer Palastdame zu übernehmen, die der Kaiser ihr gestern hatte anbieten lassen?
War es denn damit nicht genug gewesen, daß sie den Gatten verlassen und zum Vater zurückgekehrt war?
„Eh bien, ma petite, Sie sehen elend auch" erklang da eine freundliche, wenn auch etwas derbe Stimme. Die Marschallin Ney, die Toska im Vordersitz des Wagens gegenubersaß^ beugte sich zu ihr und streichelte gütig ihr« matt im Schoß liegenden Hände. „Ist Ihnen nicht gut? Da, nehmen Sie mein Flacon!"
„Tausend Dank! Tausend Dank!" wehrte Toska, nahm aber wohl oder übel doch das Riechfläschchen und führte es an die Nase. Der Geruch des seinen Odeurs belebte sie. Ein zartes Rot stieg für einen Augenblick in ihre Wangen. „Diese quälenden Kopfschmerzen!" entschuldigte sie sich. „Ich hätte nicht mitfahren sollen!"
„Aber Kind! Kindl" drohte die Marschallin freundlich, während die beiden anderen Damen, die noch mit im Wagen saßen, ihr einen großen, verwunderten Blick zuwarfen, um sich dann sogleich wieder in ein halblaut geführtes Gespräch zu vertiefen. „Lassen Sie daS den Kaiser nicht hören. Wieviele Tausend« und Abertausende würden sich glücklich preisen, jetzt an Ihrer Stelle zu sein!"
Verzeihung!" Toska raffte sich gewaltsam zusammen und zwang sich zu einem Lächeln. „So war es ja doch nicht gemeint!"
„Ich verstehe! Ich verstehe, ma petite!“ begütigte di« Marschallin, indem sie Toska aus die Wanae klopfte. Sie war eine gute und warmherzige, wenn auch keine vornehme
t rau, die ihrer einfachen Herkunft wegen am Hofe Ludwigs VIII. manches auszustehen gehabt. „Der Gram zehrt noch immer an Ihnen," flüsterte fie. Und als Toska sie erschrocken anblickte, fuhr sie rasch erklärend im gleichen Töne fort! „Ihr Vater hat mir erzählt . . .!" — Rehmen Sie sich ein Beispiel am Kaiser, Kleine! Sein Herz verlangt gewiß nach seiner Frau — nach seinem Sohn! Im Vertrauen: ich überraschte ihn gestern — weinend vor dem Bild des Königs von Rom! Mer vor der Welt zuckt er mit keiner Wimper." Und als Toska mit gesenkten Lidern, und ohne einen Blutstropfen im Gesicht, beharrlich weiter schwieg, fügte sie fragend hinzui „Wann haben Sie ihn denn zuletzt gesehen?"
„Ich sah den Kaiser zum letzten Male, als er nach Rußland abfuhr. Seitdem nicht wieder," würgte Toska hervor.
„Seitdem tzicht wieder?" überlegte die Marschallin. „Freilich der Kaiser ivar in diesen Wochen unglaublich beschäftigt. Seine Arbeitskraft grenzt ans Wunderbare. Dennoch hatte ich geglaubt —"
„Ich sollte von meinem Vater vorgestellt werden," be- antivortete Toska müde die unausgesprochene Frage. „Zwei oder drei Mal. Wer ich lag krank zu Bett."
„So schlimm war's? Armes Herzchen. . .!"
? anfaren ertönten. Ein ungeheurer Jubelsturm draußen jedes loeitere Gespräch. Musikkapellen setzten ein —


