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Marschierten, Rauch und Pulverdamm' aussttegen, sieht man heute überhaupt nichts mehr. Das Schlachtfeld macht einen geradezu friedlichen, einen leeren Eindruck die feindlichen Kräfte feuern aus gutgedeckten und nicht sichtbaren Stellungen aufeinander.
Das rauchschwache Pulver ist auf die Erfindung der Schreß- b a u m w o l l e durch den deutschen Chemiker Christian Friedrich Schönbein zurückzusühren, der im Jahre 1845 mitteilte, daß gewöhnliche Baumwolle explosible Eigenschaften erhält, wenn man sie in ein Gemenge von Schwefelsäure mit Salpetersäure eintaucht. Tie Baumwolle sieht nachher genau so aus, wie vorher, sie ist von gewöhnlicher Baumwolle nicht zu unterscheiden, explodiert aber sehr hestig. Im Jahre darauf erkannte Schönbein, daß sich solche Schießbaumwolle in Aether sehr leicht auslöst. Deute noch verwenden wir diese Lösung in Aether in der Medizin. Es ist die bekannte, „Kollodium" genannte Flüssigkeit, die man auf Wunden aufstreicht. Der Aether verdunstet rasch, während ein seines Häutchen von Schießbaumwolle zurückbleibt, die Wunde bedeckt und sie verschließt. Auch das bekannte Zelluloid ist wefter nichts als eine Mischung von Kampfer mit Schießbaumwolle, der man noch etwas Zinkweiß zugesetzt hat. Aus der Schießbaumwolle werden nun die rauchschwachcn Pulver hergestellt, die geivöhnlich die Form dünner, zelluloidähnlicher Blättchen von rhombischer Gestalt haben. Es ist nun eine merkwürdige Eigenschaft der Schießbaumwolle, daß sie sich nur durch Stoß entzündet. Hält man sie in eine Flamme, so brennt sie wie gewöhnliche Baumwolle ab. Man muß daher, um sie zur Entzündung z» bringen, einen Stoß auf sie wirken lassen. Tieser Stoß wird durch ein anderes Mittel des modernen Krieges, durch das Knallquecksilber, hervorgebracht. Das Knall« auecksilber wurde bereits im Jahre 1799 von Howard entdeckt. Seine groß« Explosionsfähigkeit ist bekannt, bildet es doch die Füllung der bei Festen so beliebten Spielerei, der Knallbonbons, Bei. diesen ist zwischen zwei Papierblättchen etwas Knallquecksilber angebracht, dem man, um seine Explosionsfähigkeit zu verringern, etwas Schweselantimon zugesetzt hat. Im Kriege wird das Knall- aucckjilber zur Füllung der Zündhütchen verwendet, di« in die Rückseite der Patronen eingesetzt sind. Trifft der durch die Feder des Gewehrs nach vorir geschleuderte Schlagbolzen auf das Zündhütchen, so explodiert das darin befindliche Knallquecksilber. Der bei seiner Explosion auftressende starke Stoß bringt das rauchschwache Pulver zur Entzündung, das beim Explodieren ungeheure Mengen erhitzter und deshalb rasch sich ausdehneirder Gase entwickelt, durch die das Geschoß aus dem Lauf getrieben wird.
Trotz der Rolle, die die rauchschwachen Pulver in den Kriegen der Jetztzeit spielen, ftndet doch auch das alte Schwarzpulver poch Verwendung. Würde man nämlich eine Bombe oder Granate tnit rauchschwachem Pulver füllen, so würde man infolge der geringen Rauchentwicklung nicht zu beurteilen imstande sein, ob sie vir Ziel auch richttg getroffen hat. Deshalb verwendet man das Schwarzpulver überall da, wo der Rauch Kunde davon geben soll, Pb der Schuß auch an der gewünschten Stelle saß. Sieht man am Ziel die starke iveiße Wolke des Schwarzpulvers aussteigen, so ist dies ein Beweis, daß es getroffen ist.
Die reine Schießbaumwolle wird gleichfalls als Explosions- mittel verwendet. Ihre Hauptrolle spielt sie im Seekrieg, wo man Minen damit füllt. Infolge ihrer großen Explosionskraft genügt «ine verhältnismäßrg kleine Mine, um ein starkes großes Panzerschrp hum Sinken zu bringen. Außer der Schießbaumwolle verwendet man Jur Füllung der Minen in manchen Staaten aber auch noch Dynamit, das ebenso wie die Schießbaumwolle auch bei der Herstellung d« TorpedooS eine wichtige Rolle spielt. Das Dynamit wird aus dem Nitroglyzerin gewonnen, das fast gleichzeitig feit der Schießbaumwolle, nämlich int Jahre 1846, durch Behandlung von Glyzerin mit Salpetersäure und Schwefelsäure zum ersten- tnal dargestellt wurde. Merkwürdigerweise erkannte man damals die explosiblen Eigenschaften des Nitroglvzerins nicht, man verwen- »ete es in einer anderen, sehr merkwürdigen Form: es wurde unter »ein Namen „Glonoin" in den Apotheken als Mittel gegen Kopf- chnicrz verkauft. Ter Zufall lernte seine Explosionskraft erken- len, me so groß ist, daß man zunächst überhaupt nichts damit anzufangen wußte. Erst dein berühmten Chemiker Alfred Nobel gelang «S im Jahre 1866, die Explosionskraft des Nitroglyzerins dadurch zu dämpfen, daß er es von einem zweiten Körper aufsaugen ließ, der sich gewissermaßen zwischen seine einzelnen Teile hineinschob, so dah die Explosion von einem Teilchen zum anderen nur langsam fortschreiten konnte. So entstand das Dynamit, das weiter Wichts ist, als von einer bestimmten Erdart, dem Kieselgur, auf- hesaugtes Nitroglyzerin. Ter Kieselgur, auch „Infusorienerde" genannt, besteht ans dem Kieselsäurepanzern abgestorbener, unendlich kleiner Lebetvesen, und bildet mächttge Lager. So ist z. B. »in Teil von Berlin auf Infusorienerde erbaut. Das Dynamit ist bedeutend ungefährlicher als das reine Nitroglyzerin, und explodiert gleichfalls durch Stoß. Es ist also, um es zur Explosion zu bringen, immer noch ein zweites Explosionsmittcl zu verwenden, dessen Stoß die Explosion des Dynamits auslöst.
In Frankreich spielt das „M e l i n i t" eine große Rolle, ein Explosionsmittel, von dem außerordentlich viel Aufhebens gemacht Wurde. Es ist weiter nichts als die sogenannte „Pikrinsäure", die
E on seit langer Zeit als — Farbstoff im Gebrauch stand. Sie gleichfalls ein mit Hilfe von Salveterfäure gewonnenes Pro- kt, das die Eigenschaft bat, die verschiedenartigsten Stoffe schön gelb zu färben. Walt stellt s« du rch Behandlung von Karbolsäure
mit einem Gemenge von Schwefelsäure und Salpetersäure her. Sie bildet ein gelbliches Pulver, das in hohem Grade explosiv ist. Ilm daraus das Melinit zu gewinnen, wird sie geschmolzen. Aher auch hier ist die Explosion zu stark, und man muß deshalb noch besondere Zusätze machen, durch die sie verringert und verzögert wird. So sehr man auch das Melinik rühmte, so zeigte es sich doch, daß es verschiedene unangenehme Eigenschaften hat. Auch das hei des englischen Marine in Verwendung stehende Explosionsmittel, bat „Lyddi t", ist weiter nichts als gMchmolzenc Pikrinsäure, also so ziemlich genau dasselbe wie das Melinit. Es hat seinen Namen von dem Orte Lydd, wo die ersten Versuche damit gemacht wurden.
Der genwärtige Krieg wird hinreichend Gelegenheit geben, neue Ersahrungen über die verschiedenen in ihm verwendeten Sprengstoffe zu sammeln. Der Erfolg wird ja lehren, welche von den kriegführenden Mächten die besten besitzt.
Die eingemauerten Generalstäbler.
Wahres Geschichtchen.
Nacherzählt von W. W. Göttrg.
Südwestlich von L.: seit acht Tagen liegen wir ununter- broch>en in den feuchten Schützengräben. Etwa 1 Kilometer vov unserer Front ein kleines, vvllkommen verlassenes Dorf Unsers Vorhut war schon einigemal drin in dem Nest; ferne Menschenseele.
Wieder senkt sich langsam der Abend herunter: nach und nach verschwinden in der Dunkelheit immer mehr tue Umrisse des ftiedlich emporragenden Kirchturmes. Die Wolken jagen am Dnn- met und der Wind summt in den Bäumen sein monotones Leck.
„Die Mannschaften schlafen; jeder zehnte Mann bleibt wach und wird nach zwei Stunden von seinem -Nachbar abgelöst."
Und bald tönt aus dieser, bald aus jener Ecke Schnarchen.
So vergeht Stunde auf Stunde: der Musketter Schneide« wacht; da, was war das; Herrgott, da schon wieder.
„Ja, Himinelhergott—" und er weckt den neben ihm liegenden Unteroffizier — „Herr Unteroffizier, verzeihen Sie, da droben aus dem Kirchturm habe ich eben Licht -gesehen."
Verschlafen gähnt der Unteroffizier „Hä?"
„Ich melde gehorsamst, aus dein Kirchturm brennt Licht."
„Blödsinn, das Kaff ist ja vollkommen leer. Sie werden einen Stern —"
Doch nein, jetzt hat er's auch gesehen, -es ist kein Stern, es ist ein Licht! Er setzt das Fernglas an und äugt hinüber; wahrhaftig; und es bewegt sich; da... jetzt ist's aus... da ist'S wieder. Ter Unteroffizier geht den Schützengraben entlang, weckt den festschlafeichen Hauptmann — der ist ja noch der einzige Offizier, alle anderen sind tot, verwundet. — Erregt flüstert erk
„Herr Hauptmann, auf dem Kirchturm müssen Leute sein. Es brennt da ein Licht; manchmal verschwindet es, manchmal steht man es ganz — sehen Sie, Herr Hauptmann, da ist eS wieder."
Des Hauptinanns scharfes Auge folgt dem auSgestreckten Zeigefinger seines ^Untergebenen.... Er sieht nichts.
„Geben Sie mal das Glas her."
Angestrengt sieht er hinüber nach dein stumm in die Nacht ragenden Turm.
„Donnerwetter ja. Sie haben recht. Mer jetzt mal Ruhe. Wecken Sie etwa zehn Mann, auf die wir uns verlassen können und melden Sie sich- bei mir."
Nach kurzer Zeit stehen zwölf Manu beim Herrn Hauptmann.
„Sre gehen unter Führung des Gefreiten Pemk aus das Tori zu; untersuchen Sie den Kirchturm ganz genau und lehr sorgfältig. Ich und der Unteroffizier Schweden haben auf dein TurM Licht gesehen."
„Zu Befehl, Herr Hauptmann." ;
„Aber Sie wissen, um was es sich handelt. Und jetzt! .Hals- und Beinbruch!"
„Tanke sehr, Herr Hauptmann."
Und ganz behutsam rücken die zwölf« auf das Dvrs UI — unter dem Schutze der Nacht sind sie bis an den Kirchturm heran, Jetzt dämmert der Morgen. Sie öffnen di« unverschlossene Tür und steigen die Ziemlich hohe Treppe ernpor. Nichts, absolut nichts Verdächtiges.
„Ach was, sagt der Gefreite zu dem Einjährigen Meschede. „Hier kann ja gar niemand sein. Hier hört die Treppe auf und die Fenster wären doch die einzigen, von wo man was sehen kann. Sehn Sie mal da runter, Einlähriger, ist das nicht großartig, die Aussicht... Sehn Sie, da hinten die schwarze Linie, das ist unsep Schützengraben. Verdammt noch mal: und da liegt man nun schoß 10 Tage in dem Schlammassel. — Was wollen Sie denn, Musketier Francke?“
„Melde gehorsamst, da hinten, wv der Lenz kloppt, da klingt die Wand so hohl."
„So; Lenz, vermuten Sie da vielleicht ne vermauerte Tür, He," lachte der Gefteit«.
„Jawohl, Herr Gefreiter."
„Na, daun haut sie mal ein."
Und sechs, sieben Gewehrkolben fliegen, von kräftigen Arme« geMrgingen, gegen hie verdä chtig klingende Stelle,


