Ausgabe 
29.10.1914
 
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Die hundert Tage.

kitoman aus dem Jahre 1815 von M. von Mitten.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Am nächsten Vormittag, nachdem Blücher Koblenz ver­lassen, hatte Erdmuthe noch ein paar kleine Stücke ihrer Nusrüstung eingekauft. Den größten Teil hatte sie sich be­reits in Berlin angeschafft. Nun stand sie in der schmalen Kammer, die sie sich in einer der Straßen der Altstadt für die Nacht von einer biederen deutschen Frau ermietet, welche sie mit ins Geheimnis gezogen, und langte nach der Schere, um sich das Haar abzuschneiden. Sorgfältig ausgebreitet lagen die bunten Uniformstücke auf Sofa, Tisch und Stühlen. Und dazwischen trippelte bewundernd und staunend die kleine dicke Wirtin mit ihrem gutmütigen, ehrlichen Gesicht.

Na, Madamchen, es wird wohl 'n bißchen sauer, das lange Haar runter zu schneiden?"

Dies storre, glatte Stroh?!" machte Erdmuthe fast verächtlich, indem sie der Wirtin eine ihrer beiden Flechten entaegenhielt.Wcnn's noch seidige Locken wie die der Ferdinande von Schmettau wären!"

Wenns, auch man nur storr wie Strohi 's sind doch zwei lange dicke Zöpfe!" meinte die Alte und bewegte den kleinen rundlichen Kopf mit der dicken Haube wägend hin und her.Und langes Haar ist doch nun mal unser schönster Frauenschmuck!"

Mütterchen, Ihr vergeht, daß ich ja ein Junge tverden will!" Und: ritsch ratsch ritsch ratsch! die Zöpfe fielen zu Boden. Frau Mehlhorn bückte sich schwerfällig und hob sie bedauernd auf. Erdmuthe aber ließ sich nicht tveiter stören, und, die Augen unverwandt auf ihr Bild in dem schmalrahmigen Hängespiegel gerichtet, schnitt sie rücksichtslos au ihrem Haupthaar herum, bis sie endlich eine ganz leidliche Frisur zustande gebracht hatte. Nun erst blickte sie sich fragend nach der alten Frau um. Die aber hatte geräuschlos das Zimmer verlassen. SchneU entschlossen verriegelte sie da die Tür, streifte ihre Frauengewänder ab Und griff zu den Unisormteilen. Und während sie das graue, rotgepaspelte Beinkleid, das grüne, bis an die Hüften reichende Kollet mit dem kurzen Rückenschößchen mechanisch, aber mit kundiger Hand anlegte, gingen ihre Gedanken zu Mann und Kind. Das Bübchen war gewiß nun schon tn Königsberg bei der Großmutter eingetroffen. Ä:dmuthe hatte es nur bis Berlin gebracht; dort hatte ihr Baker das Enkelkind in Empfang genommen. In der Ueberzeugung, daß angesichts des drohenden Krieges seine Tochter m,t dem Kinde in aller Kürze nach Haus zuriickkehren würde, war er ihr bis Berlin entgegengereist. Hier hatte er sie im Hause seiner einzigen Schwester erwartet, da er wußte, daß Erdmuthe hier Station machen würde.

Freilich war der fünfzigjährige, noch sehr rüstige Mann anfänglich nicht damit einverstanden gewesen, daß seine Tochter, die er sehr liebte, in die bedrohten Gegenden zurück­kehren wollte. Mer er, der mit seiner Frau selber in sehr glücklicher Ehe lebte, fühlte es ihr nur zu sehr nach, daß sie dem Gatten nahe sein wollte. So sprach sein eigenes Herz wider ihn und gab Erdmuthe recht, die ihm allerdings von ihrem Vorhaben, als Freiwilliger einzuireten, nichts verraten hatte; und schließlich willigte er, wenn auch voll schwerer Besorgnis, in ihre Rückkehr nach Luxemburg ein.

So war es gekommen, daß sie schon jetzt wieder am Rhein sein konnte. Wie würde sich Ulrich freuen, sie schon so bald wieder in seiner Nähe zu wissen! Dessen war sie gewiß in jenem ruh vollen, tiesseligen Bewußtsein des Zueinander- gehörens, in jenem unerschütterlichen Vertrauen, das das Wesen ihrer Ghe aus,nachte. Daß er vor ihrer Rückkehr! erzittern könnte, in dem Gedanken, sie, sein Weib, sein Hei­ligtum auf Erden, vielleicht durch eine unglückliche Kugel zu verlieren, das kam ihr gar nicht in den Sinn.

In sich hineinlächelnd, schloß sie den roten Kragen. Wer gleich darauf glitt ein Schatten über ihr Gesicht. Wie ver­mochte sie nur über eigenem Glück selbstsüchtig des Freun­des zu vergessen, den sre, das sagte ihr das Herz, in gram­vollster Verzweiflung zurückgelassen?

Was war aus Toska geworden?

Bis zu Erdnluthens Abreise war sie nicht wieder in die Wohnung ihres Mannes zurückgekehrt. Und Otto hatte sich in starrem Trotz vor den alten Freunden verschlossen und ihnen seit jener Stunde auszuweichen gewußt. So hatte Erdniuthe ihn vor ihrer Wreise überhaupt nicht mehr ge­sehen. Wie würde sie ihn wiedersinden? Hatte er inzwischen wohl ein Lebenszeichen von Toska erhalten?

Der Säbel, den sie umschnallte, klirrte am Boden. Der harte, helle Klang rief sie zu sich selbst und in die Gegenwart zurück. Ihr Auge traf aufblickend den Spiegel. Erschrocken fuhr sie zusammen. Fast hätte sie sich selbst nicht wieder­erkannt. Das kurze, seitlich gescheitelte Haar die bunte männliche Kleidung!

Mer gleich darauf sah sie mit den tastenden Blicken eines Fremden an sich nieder. Es war ihr plötzlich, als sei sie in dieser Gewandung entblößt. Weibliche Scham durch­flutete sie in heißem Aufstöhnen schlug sie die .Hände vors Gesicht.

Daß sie sich unsichtbar machen und unsichtbar an ihres Mannes Seite für das Vaterland, das heißgeliebte Vater­land, Mur und Leben einsetzen könnte!

Minutenlang währte dieser Kampf mit ihreni Scham­gefühl. Ein trockenes Schluchzen würgte in ihrer Kehle.

Endlich aber strafften sieh alle Sehnen ihres Körpers. Mit geballten Fäusten, mit seuchtschimmeruden Augen blickte sie gen Himmel. '

Vater," flehte sie mit zuckenden Lippen,du, hilf mir! Segne mich! - Du siehst in mein Herz! Es ist nicht Eitelkeit oder Ruhmsucht, was mich treibt. Es ist eine beilige unbe-