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Hang halb herabgeglitten war, ließ die unschöne Eckigkeit der
Glieder noch hartkantiger erscheinen. Der schmucklose Schu- tenhut umrahmte ein graublasses, scharfzügiges Gesicht mit gescheiteltem, straffblondem Haar — und doch war ein Etwas in diesen an und für sich reizlosen Zügen — ein seltsam anziehendes tiefinuerliches Leuchten und Leben, das ihn an ver°> gangene Tage erinnerte.
Wo hatte er diese Frau schon einmal gesehen? Feldmarschall Blücher runzelte die starkbuschigen Brauen.
Da! Jetzt hatte er'sl
„Erdmuthe Schneider! — Mädchen — bist du's! Bist
du's nicht?"
„Ich bin's, Herr Feldmarschall und bin's auch nicht!" gab die Angerufene errötend zur Antwort, indem sie von ihrem Standort aus herzhaft in Blüchers ausgestreckte Rechte einschlug. „Die Erdmuthe Schneider hat sich seit Jahr und Tag in eine Erdmuthe Erlen verwandelt. Melde ganz gehor-
I amst —", von neuem errötend, wie mit frauenhafter Scheu ämpfend, aber doch mit einem Schelmenlächeln, fügte sie, militärisch die Rechte an den Hut legend hinzu — „daß ich zum brandenburaischen Ulanenregiment als Gattin des Rittmeisters Erlen kommandiert bin!"
„Erlen? — Erlen? — Ach richtig! Der! Gratuliere! Braver Kerl! Ganz mein Geschmack", schmunzelte Blücher. „War ja auch an der Katzbach und bei Möckern dabei!" Und indem er Erdmuthens Hand fahren ließ, zu den Zunächststehenden: „Kinder, was, das waren Tage! Wer da dabei war, der vergißt sie nicht!" Bon neuem antwortete tieftönen-- des Jauchzen dem Alten.
„Nun laßt mich aber einmal durch, Kinder. Und du, Erdmuthe, komm nachmittag aufs Schloß! Werd schon ein Weilchen Zeit für dich finden. Mußt mir doch von dir und
deinem Rittmeister erzählen!"--
Am Nachmittag betrat Erdmuthe wirklich durch den hohen, achtsäuligen Portikus den langgestreckten Bau des stolzen Schlosses. Mit hochklopfendem Herzen stieg sie, von einem Offizier geführt, die breite, elegante Freitreppe zu den oberen Räumen hinan. Lange mutzte fte dann in einem der saalartigen Zimmer warten. Aber sie wartete mit Freuden und ohne Ungeduld, bis der von allen Setten in Anspruch genom- mene, heißgeliebte Feldherr Zeit für sie finden würde.
Und endlich durfte sie sich ihm gegenüber an einem runden Marmortische niederlassen. Durch die Scheiben der hohen Fenster schauten die trotzigen Höhen von Ehrenbrei- tenstetn herüber und Erdmuthe vermeint« durch oen offenen Fensterspalt das Rauschen des Rheines zu Höven.
Eine wundervoll« Begleitmelodie erschien thr's zu den Worten, nein! zu dem ganzen Wesen dieses Mannes, der da im rotfeidenen Armsessel vor ihr saß. Er und der Rheiw, — die beiden gehörten zusammen, so wie der Rhein und Deutschland zusammengehörte — zufammengehören mußte! Diese königliche, jugendlich runde Gestalt, dieses scharf geprägte, prächtige Haupt, auf dessen zurückspringender Stirn der Stempel einer göttlichen Sendung aufgedrückt schien — diese Augen, bald unergründlich tief wie stehende Wasser, bald flammend und lodernd lvie SonnenfeuerI Ein geborener Held und zugleich welch ein warmherziger, zartfühlender Mensch!
Gleich nach der kurzen herzlichen Begrüßung hatte er Erdmuthe eingehend nach ihrem und Ulrichs Ergehen gefragt, und als er gehört, daß sich Erdmuthens Mann gesund und frisch bei der Armee besinde, da hatte er seiner großen Freude, auch diesen alten Kampfgenossen dort wiederzusehen, auss wärmste Ausdruck gegeben.
Und sofort stand Blücher mit beiden Füßen mitten in den neuesten Ereignissen drin.
„Erdmuthe," rief er, mit wuchtiger Faust auf den Marmortisch schlagend, „was das für ein Glück ist! Wahrhaftig! Die Preußen können sich beim lieben Herrgott dafür bedanken, daß er die Engländer mit Blindheit geschlagen und den Napoleon so kreuzfidel wieder in Paris einpassieren ließ!"
„Nur schlimm, daß all das furchtbare Blutvergießen noch einmal beginnt!" wagte Erdmuthe schüchtern zu entgegnen.
„Meinst du vielleicht, daß das mir eine Freude wäre?" donnerte Blücher aufspringend. „Aber es kann nicht anders kein — um Preußen, um Deutschlands Ivillen! Was haben die Federfuchser in Wien auf dem Kongreß für Dummheiten gemacht! Um all die Früchte, dt« unser Schwert errungeiü wären wir durch sie beinah betrogen! Mel fehlte nicht, und
die noch bis vor kurzem Verbündeten Mächte wären sich wi« Hunde um den besten Knochen, um Polen oder Sachsen, ist die Haare gefahren! Da ließ der Herr der Welten das Schreckgespenst noch einmal aus seiner Versenkung einpor- fahren — sein Erscheinen hat sie alle mit einem Schlage! wieder einig gemacht. Noch einmal ist das Schicksal in unsere Hand gegeben! Und was bei mir steht — ich will eS schmieden!"
Mit swlzen, zielsicheren Schritten war er, während ihnt die Rede einem Feuerstrom gleicht von den Lippen floß, inj dem weiten Raume auf und ab geschnitten. Jetzt stand ep still— die in tiefer Erregung funkecnoen Augen hinaus in die Landschaft gerichtet.
',sJch fühl's! Zu seiner Vernichtung bin ich geborenl Und ich lasse nicht ab, bis er überwunden am Booen liegt!" Aus seiner dunklen, vibrierenden Stimme klang mit Elementargewalt die Ueberzeugung dieser seiner Bestimmung auf Erden und ein feierliches Gelöbnis zugleich.
Erdmuthe erschauerte heimlich.
Ein paar Augenblicke schwiegen sie beide.
Dann sagte sie leise:
„Diesem einen großen Gedanken haben Durchlaucht ja schon damals in Pommern gelebt —"
Er fuhr zu ihr herum. Flammen schienen aus ihm zu schlagen.
„Hjkitt' ich's nicht, —< wir wären heute nicht so weitf Er war mein Morgen- und Abenldgebet, meine täglich» Speise."
„Wer wüßte das nicht, Marschall Vorwärts?!"
Bei dieser Anrede ging ein Lächeln über Blüchers Züg« — die Spannung ließ nach.
„Möglich, daß es manche wissen, möglich, daß dn zu ihnen gehörst! — Ach, Erdmuthe, was war oas doch damals für eine Zeit!" Er ließ sich, gleichsam mit gelösten Gliedern^ wieder tn einen der Lehnsttljhle fallen, bis den schweren! runden Tisch umstanden, und griff zur Pfeife, die sein Jäger ihm vorhin gestopft und bereit gelegt, und begann zu paffen.
Vor Erdmuthe aber war mit einem Schlage jene Zeih heraiifgestiegen, jener Sommer 1811, da Blücher die in Pommern stehenden Truppen befehligte und auf dem Gut» ihres Oheims «in häufiger, ach! so gern gesehener Stamin- gast war, — jener Sommer, wo Blücher auch den junges Leutnant Ulrich Erlen kennen lernte.
Des greisen Helden Gedanken inußten den gleichen Weg gegangen sein.
„Damals bin ich fast zum Narren geworden übe« Deutschlands Schmach!"
Erdmuthe blickte auf. Blücher war hinter einer weißen Rauchwand verschwunden. Aber dahinter hervor war di» Stimme so voll von heißem, qualvollem Erleben gckonnnech, daß sie ergriffen die rechte Antwort nicht sogleich fastd. Ev aber schien auch keine zu erwarten. Langsam, wie aus W- gründen herauf, anollen nun seine Worte: wie jene Zeit in Pommern, so schlimm sie auch für sein haßflammendes Gemüt gewesen, doch noch eine Steigerung in ihrer Qual erfahren, als ihm im Februar 1812 das Bündnis zwischen Preußen und Frankreich bekannt geworden — dieses Bündnis, das auch die preußischen Truppeic gezwungen, im Dienste ihres Todfeindes Napoleon die Waffen zu ergreifen. Wie er um seines Fluchens und Wetterns willen seines Postens enthoben, im einsamen Schlößchen Scheitnig elend seine Tage verbracht und, einem sprungbereiten Löwen gleich, auf elne Wendung des Schicksals gelauert habe, bis Die Kund« von der gänzlichen Vernichtung der Großen Armee an sein Ohr gedrungen und sein König — sein angebeteter König —z ihn an die Spitze der schlesischen Armee berufen habe.
Erdmuthe lauschte — lauschte atemlos.
Lichter und wärmer war ine Stimme geworden hinter; der grauen Wand. Und nun rauschte wie auf Schwingest des Sturmwinds die jüngste Vergangenheit an Erdmuth» vorüber unter seinen Worten, die mit knappen, leuchtendest Strichen die Heldenschlachten malten, tn denen der Welleroberer endlich niederg.«pvungen worden von einer Schap von Helden. Und plötzlich fuhr Blücher wie ein Wettergott aus seiner Wolke hervor und blickte Erdmuthe mit großen Üllutangen an.
„Und morgen geht's nach Lüttich — in mein Hanoi« quartier I Mein guter Gneisenau ist schon vorauf. Da wollest wir zusancmen dem Napoleon das Fell über die Ohren »tehen, daß er das Anffteh«n für immer vergißt! Schab», das Du kein Jusge bist, um mittun zu können.."


