Ausgabe 
26.10.1914
 
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Aber das Kind das Kind1"

Wir, Söhnchen, sind einig, nicht wahr?!" Sie strich dem Kleinen, der an Vüters Hand auf dem Tische Spring­versuche machte, liebkosend über das schwarze Lockenhaar. Wir reisen noch morgen zu O'mama und O'papa."

Mit Papa mit Papa!" warf das Bübchen hopsend dazwischen.

Dort ist er in bester Hut", wandte sich Erdmuthe wieder mit festem, treuem Blicke ihrem Manne zu. Und fuhr dann um des Kindes willen in französischer Sprache fort:Ich aber kehre als freiwilliger Jäger zurück." f

Erdmuthe, wenn dir ein Unglück zustieße! Steh davon ab, um Gottfrieds willen!" rief er in so verzweifeltem Ton, ihres Beispiels nichtachtend auf Deutsch, daß der Knabe plötz­lich laut zu weinen anfing.

Da nahm ihn Erdmuthe sanft auf den Arm und trug ihn in die Küche zur Magd hinaus, die sie mit dem Kinde, das sich unter ihren sanft zuredenden Worten schon halb und halb wieder beruhigt, in den Hof hinabschickte.

Als sie gleich darauf ins Wohnzimmer zurückkehrte, fand

I ie Ulrich noch immer in gedankenschwerem Sinnen versun- en, am Fenster stehend. Sie trat hinter ihn, legte von rück­wärts her beide Hände um seinen Hals und schmierte ihre Wangch seinen Kopf leicht zurückbiegend, bittend an die seine.

Sieb ab! Steh ab!" murmelte er dumpf, ohne sich um- »usehen.Um des Kindes willen."

Da löste es sich in heimlich vibrierendem Tone von ihren Lippen, indem sie tief, lies hinein in die sonnige Land­schaft blickte:

Ulrich, ich kann es nicht! Ich kann es nicht! Es ist mächtiger als ich. Mir ist, als könnte ich eine Trennung von dir, solange du noch unter der Sonne lebst, nicht mehr er­tragen. Allzu glückdurchströmt waren diese Wochen, allzu tief ist meine Seele hineingewachsen in die deine. Aber daneben nt auch noch etwas anderes in mir. J!ch kann daheim die Hände nicht feierild in den Schoß legen, wenn ich euch um die Freiheit unseres Vaterlandes im blutigsten Kampfe weiß. Ein großes, heiliges übermächtiges Muß treibt mich hinein in Eure Mitte Sette an Seite mit dir um das herrlichste Gut der Erde zu ringen! Du darfst mich nicht znrüekwetsen du nicht du nicht1"

Er war entwaffnet durch den Inneren Glutstrom der Be-

f Meisterung, der durch ihre Worte rauschte, und durch den er ich ihr nur noch wesensverwandter fühlte als zuvor, und eise mahnend wiederholte er nur noch einmal:

Aber dein Kind -?"

Mein Kind wird dereinst die Mutter verstehen lernen! Mein, unser Kind wird denken und empfinden wie du und ich! Es wird den Eltern Dank wissen, die Leib und Leben «insetzten, um ihm ein freies Vaterland zu hinterlassen."

Er schwieg noch mit sich ringend und doch schon be­siegt. Sie wußte, was in ihm vorging und rührte sich nicht.

Da wurde die Dur aufgerissen. Jemand stürzte herein. Die Gatten fuhren herum.

Mit einem beinahe entgeisterten Gesicht starrte Otto von Jäger, sich am Tisch haltend, in der Stube umher.

Wo ist Toska?"

Nicht hier!"

Nicht nicht hier? Aber wo denn sonst?"

Ja, Junge, wie sollen wir denn das wissen?" gab Ulrich, noch mit sich selbst beschäftigt, beinahe grob zurück. Erdmuthe aber begriff mit schauendem Frauengemüt sofort die ganze Tragweite dessen, was dem Freunde geschehen.

Aber Ulrich," lenkte sie ein, indem sie ihrem Manne «inen vielsagenden Blick zuwarf, ,,wer wird denn gleich so deftig sein!" Und sie trat zu Ulrichs Freunde, der ja auch der ihre geworden war und strich mit einer mütterlich trö­stenden Art über seine Hand, die noch immer die Dischkanto umklammerte. Sie fühlte, wie diese Hand leise bebte. Bester Herr von Jager, fassen Sie sich doch! Beruhigen Die sich! Wer wird sich gleich das Schlimmste ausmalen?! Das steht Ihnen doch gar nicht ähnlich!. Toska ToSka," sie stockte, die Unwahrheit wollte nicht über ihre Lipvent ich meine, Toska liebt die Natur. Sie kann doch einmal «inen größeren AuSgang unternommen haben."

Glauben Sie? Glauben Sie, Frau Erdmuthe?" Die harte Spannung in Ottos Zügen ließ nach seine Brust Leitete sich in einem tiefen, befreienden Atemzuge.Gott! Sie geben mir das Leben wieder." Er strich sich stöhneuld über das volle Blondhaar, das ihm in die Stirn gefalle ns Da trat auch Ulrich an den Freund heran. In seinan Angen

glomm ein düsterer Schrecken. Sollte denn seine Ahnung so bald, so bald zur Wirklichkeit werden?! Er wehrte sich gegen den Gedanken, der sich zur Ueberzengüng verhärten wollte, mit aller Kraft. Noch wiar ja nichts bewiesen. UNdj solange das nicht war, solange nur den armen Jungen da nicht noch mehr üngssigenl

Aber, MenschenSktnd, so kenne ich dich ja gar nicht," rief er lauter, als es sonst seine Art war, eben weil er den! Sturm in seiner Brust Lugen strafen wollte,Du, die ver»

körperte Kaltblütigkeit und Tollkühnheit im Kriege--1

Wer wird sich durch die Launen einer Frau so ins Boxhorn jagen lassen!" Mit einer Bewegung, die halb ärgerlich, halst! begütigend wirken sollte, aber höchst unglücklich aus siel, legte er ihm die Hand auf die Schübteo. ,Lhr werdet euch eben um Napoleon, um diesen Stein des Anstoßes, etwas brouilliert haben; werdet auch wohl, wie junge Ziegenböcke^, ein wenig mit den Hörnern auseinander los gegangen sein! Das, mein lieber Kleiner, war doch in einer Ehe wie der! Enrigen nicht anders zu erwarten; Zumal jetzt nicht, wd der Korse aus Elba zurückgekehrt ist. Na und da ist sie eben, exzentrisch und unberechenbar wie sie ist, einmal davon­gerannt." Je länger Ulrich redete, um so weniger glaubt«; er an seine Worte, um so hastiger reihten sie sich aneinander^ Und der beabsichtigte Trostsatz:Sie wird schon wiederkom­men!" erstarb ihm fast auf den Lippen. Ehl bitterer Ge- chmack trat ihm auf die Zunge. Er wandte sich ab. Warunt and er den Mut nicht, sich und dem Freunde offen etnzuge- tehen, was ihm innerlich in diesen kurzen Augenblicken zu» Gewißheit geworden?

Otto aber, der erschöpft auf den am Tisch stehenden Stuhl gesunken war, siihlte sich seltsamerweise von oen Wor­ten, die ihn auftnuntern und trösten sollten, tief verletz h< Er sah da seine Ehe, sein Intimstes Leben, von dom Freuitdtz bloßgelegt, und er grollte ihm darum, daß er das ungefragt tat, tun konnte,, und daß er die Fehler seines «ngsebetctenj Weibes, den Abgrund, der zwischen ihm und ihr gähnte, so klar und scharf beleuchtete. Um keinen Preis der Weil hält« er es jetzt über sich vermocht, Ulrich vvn beim Zusammen­treffen mit Doskas Vater zu erzählen, oder gar von ihrem unsinnigen Verlangen, den Abschied nehmen zu sollen. Uno in diesem Groll sank die wahnsinnige Augst um Toska; di« am ftühesten Morgen, bald nachdem er heimgekehrt und sich zur Ruhe begeben hatte, das Haus verlassen haben sollte^ unter wie ein schwerer Stein in einem dunklen Weiher,

. ^Fortsetzung folgt)

Giehener Türmer und Ltadtmusik.

AuS vergilbten Blättern.

In der Lokalgeschlchte unserer Stadt, wie sie Professor Dk, Büchner behandelt hat, findet man über die Einrichtung der Türmer und über die damit in Zusammenhang stehende Giehener Stadt- kapellc nicht ein Wort.

Es ist daher gewiß interessant, unfern Lesern aus vergilbten Blättern, die uns dankenswerterweise der Leiter der Bauerschen Kapelle, Musiker Ferd. Bauer, zur Verfügung gestellt hat, darüber Mitteilung zu machen.

Vor uns liegt ein Privilegium für den derzeitigen Untertanen und Turmmann Albert Conrad Feldhaus zu Gießen von Anno 1806, worin Bezug genommen wird auf ein Privilegium vom 11. August 1696, welches in Abschrift in dem Schriftstück enthalten ist undsiolgenden Wortlaut hat.

Nachdem von Gottes Gnaden Uns Ernst Ludwig Landgrafen zu Hessen, Fürsten zu Hersseld, Grasen zu Catzcnellenbogen, Tietz, Ziegenhatn, Mdda, Schaumburg, Isenburg und Büdmgen Unser Unthan Johann Caspar Faulstich Thurnmann allhier unterthäntgst zu erkennen gegeben welcher gestallt er neben seinem Gesinde, wegen seiner geringelt Besoldung und wringest Accidenzcn, fast kümmerlich leben müßte, weilen bisher fast all« solche Äccidenzen auf den: Lärche und in hiesiger Stadt von anderen Fremden und sonderlich hiesigen Soldaten ihm ent­zogen uird abgeschnitten wurden, mit unterthänigster und in­ständiger Bitte, Wir wollten in Ansehung dessen, gnädigst ver- willigcn. gleich wie vorigen Thurnmann allhier die Aufwartung bet Hochzeiten imd andern Borfallheiten vor Fremden, nur für sich und dt« Seinige und zu desto besseren Haltung nötiger« Gesindes ein Stück Brod zu erwerben, zu gelassen und ver- stattet sei, daß also auch lhin Faulstichen tn hiesiger Stadt und Amte dergleichen vergönnt werden möchte. Nachdem wir dann, gestalten Dingen noch und in Erwägung berührter Motiven, «einer des Thurmnannes unterthänigster Bitte tn Gnaden de­finieret haben, wofern er vorher jid) nicht allein veroblrairei sich jederzeit mit quatistclrten Tüchtigen Leute zur MM