Ausgabe 
26.10.1914
 
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Die hundert Tage.

Roman aus dem Jahre 1815 von M. von Witten.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Ein Blick voll Dankbarkeit, Hochachtung und Verehrung quoll unter einer Fülle von Licht aus seinen dunklen Augen und umschloß sie wie ein Mantel. Ihr wurde wonnig warm ind glückselig stolz zumute unter diesem Blick. Und wie eine ornschwere Aehre neigte sie in Demut das blonde Haupt.

Im Banne des Ausdrucks, der ihr Gesicht dabei ver­klärte, erschien sie ihm schön in diesem Augenblick all ihrer Reizlosigkeit zuni Trotz. Sie aber vermochte kein Wort mehr zu sage». Wohl hatte er rechtl Leicht hatte sie's nicht gehabt. Wie wenige Wochen hatten sie in ihrer dreijährigen Ehe doch miteinander verlebt. 1811 auf dem Gute ihres Onkels, eines Bruders ihres Vaters, in Pommern zu Besuch weilend, hatte sie den damaligen Ulanenwutnant Ulrich Erleir kennen gelernt, der mit seinen! Regiment eine Weile imPoin- merschen in Quartier gelegen. Ihre Herzen halten sich in jener schweren Zeit des härtesten französischen Druckes nur u bald gesunden. Als er dann ein Jahr später durch Königs- erg zog, nun unter dem Zwange der Rot den Fahnen Na>- poleons nach Rußland zu folgen, da hatte sie wenige Stunden vor dem Aufbruch sich ihm am Altäre angelobt. Einsame, totbange Monate folgten im Gutshaus ihrer Eltern, nahe bet Königsberg. Totbang in ihrer Angst um den geliebten Gat­ten, totbang in der Erwartung de? endlichen Ausgangs dieses Krieges. Und dann war er eines Tages kurz vor Weih­nackten war's mit dem kläglichen Rest seines Regiments wieder in Königsberg eingezogen, halbtot vor Hunger und Frost. Die entsetzlichen Entbehrungen der verslossenen Mo­nate warfen ihn, kaum, daß sein Fuß den heißersehnten Heimatboden berührt, aufs Krankenlager. Wochenlang rang er mit dem Tode. Endlich gelang es ihrer hingebenden Pflege, thn dem Leben zurückzuretten. Aber kaum notdürftig genesen, drängte es ihn auch schon wieder den Waffengefährten nach, die Königsberg längst verlassen hatten. Preußen hatte Napo­leon noch einmal den Krieg erklärt. Und Erdmuthe brachte es nicht über sich, den Gatten länger zurückzuhallen. Ihr ganzes Wesen drängte mit ihm von dannen. Ain liebsten wäre sie mit ihm in den Kampf wider den Unterdrücker gezogen, Ivie so viele andere deutsche Frauen und Mädchen. Aber sie trug ein süßes Geheimnis unter dem Herzen. So mußte sie daheim bleiben. Allein auf den Schwingen der Liebe und der edelsten Begeisterung folgte ihre Seele dem Davonziehenden ihm, den ihr Herz glücklich pries, Schulter an Schulter mit den Brüdern zu fechten, ihm, den ihre Hand zum heiligen Kampfe gesegnet. Und die herrlichen Siege des BefrciungK- jahres lösten auch in ihrer Brust ein Echo leidenschaftlichen Glückes und tiefster Dankbarkeit aus. Dann war das Aihn- chen mitten in den Jubel des Völkerscklacktsieges von Leipzig hincinaeboren: die Armeen waren über den Rhein gezogen,

im eigenen Lande wurde der Korse endlich völlig besiegt undi zur Abdankung gezwungen.

Langsam, langsam erst legten sich auch in Erdmuthens Herzen die Wogen der heiligen Freude über diese Erlösung von dem unerträglichen Joch. Doch als nach dem Pariser! Frieden die Armeen noch immer auf Kriegsfuß und ferne der Heimat verbleiben mußten, da der in Wien tagende Kongreß eine endgültige Regelung der zurückerlangten Ländergebiets immer und immer wieder nicht finden konnte, da stieg und! schwoll in Erdmuthens Herzen die Sehnsucht wie eine Flut, der sie letzten Endes ohnmächtig gegenüberstand, und die sie im Dezember des verflossenen Jahres mit ihrem Kinde vom Pregel bis an die Mosel getrieben hatte.

In diesen Bildern der Vergangenheit verwren, die nicht nur an Erdmuthens innerem Auge vorübergezogen, sondern anz ähnlich auch Ulrichs Herz bewegten, obwohl er sich da- ei doch zärtlich mit dem Kinde auf seinem Arm zu beschäsi- Ligen wußte, batten sie den Garten verlassen und waren über den daranstoßenden Hof geschritten, in dem Hühner und Enten gackernd und schnatternd umherliefen. Dann waren sie im Hause die schmale Holztreppe emporaestiegen und in die einfache, aber blendend saubere Wohnstube ihrer bescheidenen Wohnung getreten.

Erdinuthe! Welche Wochen tiefen reinen Glückes haben wir drei hier doch verlebt!" Er stellte das Kind auf den run­den Holztisch inmitten der blankgescheuerten Stube nieder, und während er es mit dem rechten Arm umschlungen hielt und sanft an sich drücke, zog er seine Frau um der link«» Hand zu sich heran.Noch einmal: Hab Dank dafür! Würde ich hundert Jahre alt< ich könnte diese Wochen nicht ver­gessen. Und entscheidet Gottes Spruch anders Erd­muthe, ruft er mich bald zu sich dann wisse", ganz leise, ganz heimlich kani's von seinen Lippen, aber die dunklen Augen wiederholten's in leuchtender, jubelnder Sprache du, deine und deines Kindes Liebe haben mich zu einem der glücklichsten Sterblichen gemacht. Das nimm mit dir in einsame Tage und Nächte." Di« innere Bewegung drohte ihn für einen Augenblick zu übermannen.

Da hielt sie sich nicht länger.

Ulrich! Nein, keinen Abschied!" wehrte sie mit einer Stimme, in der über zitternde Tränen ein Helles Jauchzen siegte.Ich trenne mich nicht mehr von dir! Das kannst du nickt mehr verlangen!"

Wie meinst du das?" Betroffen, aber wieder völlig Herr seiner selbst, blickte er seiner Frau ins Auge.

Die richtete sich mit soldatischer Geradheit auf.Herr Rittmeister, melde mich ganz gehorsamst als Kriegsfrei­williger!"

Ulrich fuhr zurück.

Unmöglich, Erdmuthe!"

Da legte sie ihm mit eindringlicher Bestimmtheit die Hand auf die Schulter.

Ist für mich unmöglich, was hundert andere vor mir taten?"