Ausgabe 
24.10.1914
 
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Willst nach Spanien, nach Italien auch nach Deutsch­land du hast die Wahl!"

Sehr gütig!" Gallebitter klang's. Er lehnte rittlings gegen die Kante des runden Tisches, der vor dem steifbeinigen Sofa stand. Jählings daun wandte er sich mit einem Ruck gegen sie, ergriff ihre Hand und preßte sie mit einem so schmerzhaften Druck, daß sie liefe ausschrie.Toska! Bist du dir denn des Unsinns gar nicht bewußt, den du da redest? Ich den Abschied nehmen? In eben dem Augenblick, da der Entscheidungskampf wider Napoleon ausgelochtcn werden soll?!"

Otto bedenke, wenn du meinem Vater!" Ein irres Flimmern schlug aus ihren Augen.Nicht auszudenken wär's!" Sie schlug die Hände vors Gesicht.

Heißes Erschrecken und tiefes Mitleid erfaßte ihn.

Armes Kind!" Er zog sie an sich, lehnte ihren blonden Kopf an seine Schulter und strich ein paarmal saust darüber hin.Davor wird mich die Güte Gottes bewahren, daß ich deinem Vater ein Leid zufügen muß! Aber ich bin unschuldig daran, daß das Schicksal uns einander gegenüberstellt." Ganz unwillkürlich ließ er sie wieder fahren.Wie er zu dem Korsen gehören will, so gehöre ich mit einem tausendmal größeren Rechte zu meinem Könige, zu meinem Volk und Vaterland, das dieser Tyrann geknechtet, verhöhnt und mit Füßen ge­treten! Wir haben seine Ketten in blutigen Schlachten zerr« rissen jetzt naht er, um sie uns von neuem anzulegenc Fluch und Schande über jeden Deutschen, der sich feige aus den Reihen der heiligen Freiheitskämpfer stehlen will! Drei- mal Fluch und Schande über mich, wenn ich den Mut dazu fände!"

Das das ist deine Antwort aus meine Bitte?!" würgte sie hervor.

Ich kann keine andere geben! So wahr mir Gott helfe!"

Auch dann nicht, wenn diese Antwort unser Glück sür alle Ewigkeit einsargen würde?"

Toska blick mich nicht so an! Auch dann nicht! Auch dann nicht!" schrie er ihr in wütender Qual entgegen. Seine Zähne knirschten aufeinander. Die Nägel seiner zur Faust gekrümmten Finger gruben sich mit schmerzhaftem Druck in seine Handflächen ein.Daß du es weißt: Ich bin eins mit meinem Volk, mit meinem Baterlande! Und du, Toska, du bist mein Weib! Du gehörst zu mir!" Wild und drohend umschlang er sie plötzlich.Ich lasse dich keinem andern!"

Laß mich! Laß mich! Um Gottes willen! Erbarmen! Sie stieß ihn von sich.

Ein so tödliches Entsetzen malte sich auf ihrem wachs­weißen Gesicht, daß er bis ins Herz durchkältet, in seinem heiligsten Empfinden verletzt, sich von ihr abwandte.

Verzeih'", sagte er rauh. Wie splitterndes Eis klirrte das eine Wort durch den Raum, lbnd dann mit schwerer Zunge:Bin müde vom Dienst. Muß ruhen. Adio."

Schwerfällig, mit baumelnden Gliedern ging er hinaus.

Ueber die graden Wege des Gärtchens, durch die hell­strahlende Mittagssonne fuhr Erdmuthe Erlen den Kinder­wagen.

Dabei spielte und tändelte sie voll weicher Mütterlich­keit mit ihrem darinsitzenden Kinde, beugte ihren Kops zu ihm hinab und zog ihn lachend wieder zurück, wenn die kleinen drallen Händchen jauchzend danach griffen.

Ein Knabe war's mit Ulrichs schwarzen Haaren und Augen. Und deshalb liebte Erdmuthe es doppelt.

Mami Mami! Noch mal!" rief der Kleine, ein wohl anderthalbjähriges, gewecktes Kind, indem es bittend in die Hände klatschte.

Noch mal! Noch mal!" wiederholte Erdmuthe zärtlich schäkernd.Du Schlaukopf, du wirst das jetzt bald zum letztenmal zu mir gesagt haben." Ein Schatten von Trauer huschte über ihr vom Spielen und von der erfrischenden Märzluft leichtgerötetes Gesicht.Deinen Vater hast nun weidlich kennen gelernt, du Grasaff! Jetzt bring ich dich wieder heim zu Großmama und Großpapa. Würdest Mutt­chen wohl ein bißchen vermissen, wenn? Ach du! Ach du! Werd mir nur gut und brav!" Und in überströmender Liebesfülle, die heimlicher Mutterangst nicht entbehrte, hob sie das Kind aus dem Wagen und drückte es mit inbrünsti­gem Blick gen Himmel einer Betenden gleich an ihre Brust.

Auch das Kindergesichtchen war ganz ernst geworden.

Da klapperte rascher Hufschlag die Straße herauf der Knabe ruckte lauschend das Köpfchen enipor.

Ach," sagte Erdmuthe, eine Träne im bellen Auge, iw des der Mund schon wieder lächelte,du Goldfratz! Erkennst schon am Gang des Pserdes, wenn dein Vater kommt?!"

Papa!" Ein Aufjauchzen des Kindes verlangend streckte es die Aermchen aus. Ulrich hielt hoch zu Roß am Gatterzaune des Gärtchens.

Mit tiefer leuchtender Zärtlichkeit, der ein leiser Schim­mer von Wehmut beigemischt war, umfaßte sein Blick Mut­ter und Kind. *>

Dann sprang er vom Pferde, warf dem hinter ihm hal­tenden Burschen die Zügel zu und trat eilends durch bte schmale Gartenpforte, an der die beiden seiner nun schon! ungeduldig harrten. >

Er grüßte Erdmuthe mit liebem Gruß Und hob das »ach ihm zappelnde Kind hoch in die Luft, das; es aufkreischte vor Lust. Die kleinen Händchen haschten nach des Vaters schwar­zem Tschako und als des Vaters Arme wieder herab« sanken und das Bübchen in seinem rechten Arm einen PlaH fand, da tasteten die winzigen Fingerchen über die blau« Uniform, über die goldenen Schnüre, über den roten Kragen unter Ausdrücken höchsten kindlichen Entziickens hin, und die geweiteten Kinderaugen glänzten in einem Meere von Licht und Bewunderung.

Ja, ja, Kerlchen, Papas Rock ist schön!" versuchte er zu scherzen.Beguck ihn dir nur noch einmal recht genauß Den» nun heißt's scheiden!"

Erdmuthe erblaßte.

Wie? Schon so bald?!"

Es ist die höchste Zeit, Erdmuthe," entgegnete Ulrich ernst, den dunklen Blick in ihre Augen tauchend.Der Krieg ist unvermeidlich. Das weißt du ja selbst. Seit Napoleon wieder in Paris isls, heißt's auf t<e>r Hut zu sein. Unsere drei preußischen Korps sollen enger zusammengezogen werden, um einem etwaigen Angriff begegnen zu können. Der Ausmarsch unseres Regiments in den nördlichen Teil des Großherzog­tums Luxemburg steht in aller Kürze bevor." Langsam schlug er den Weg nach dem Hause ein.

Ja, du hast recht, es ist höchste Zeit, daß der Jung«! nach Hause kommt", entgegnete sie, neben ihm herschreilend, ohne ihn anzusehen.

Er faßte, mit dem strahlenden zappelnden Kinde beschäf­tigt, den eigenartigen Ton ihrer Worte nicht auf und fuhp fort:

Wie weiß ich's dir Dank, Erdmuthe, daß du mir mein Kind gebracht! Daß ich es endlich, endlich kennen lernen konnte, und daß sein Bildchen nun in meinem Herzen lebt, auch wenn ihr fern seid! Brrrr! Wie werdet ihr mir fehlen! Noch tausendmal inehr als vorher in der langen Zeit vom Pariser Frieden bis bis ihr kamt!"

Erdmuthe warf einen Seitenblick voll tief-gütiger Liebe und sonnigen Humors zu ihm hinüber.

Glaubst du, Egoist, daß du allein der leidende Teil gewesen?"

Du Liebe!" Er reichte ihr die freie Hand und ergriff, als sie die ihre hineinlegte, diese schlanke klihle Rechte mit festem Druck.Leicht hast du's wahrhaftig nicht gehabt, Erd- muthe! Mein einziger Trost ist: Tragen und Leiden ist ja die Pflicht jeder deutschen Frau in unserer Zeit. Nur meine ich immer so gut wie du, hätt's doch keine andre verstanden!"

(Fortsetzung solgt.)

Die Nartoffelklöhe.

Ein« heitere Einquarüerungsgeschiäst«.

Von E. H a g e n - M ü l l e r.

Tier Klempnermeister und Hausbesitzer Herr Theodor Riedel steigt langsam die Stufen zu seiner Wohnung empor.

Er ist ein wenig schwer geraten, der gute Herr Riedel, und da nimmt man die Stiegen nicht gerade im Sturmlaus. Bedächtig schiebt er de» Drücker in das Schlüsselloch der Vorsaaltllr, aber er braucht sich nick» weiter zu bemühen, denn schon wird di« Tür von iniren geöfsnet, und seine zwe, Sprößlinge, ein Bube von zwölf und ein Mädel von zehn 'Jahren stürzen ihm mit allen Anzeichen höchster vaterländischer Begeisterung entgegen.

Vater, Vater, wir kriegen Einquartierung," brüllt ihm dex Junge entgegen. ' '

Morgen kommenunsere" ^Soldaten," weiß Irma zu berichten und hält dem Vater den gelben Zettel mit der Eiuquartieruilgs- ansage unter die Nase, während Kurt wichtig hinzusügt:Zwei Mann mit Verpflegung ohne Brot."