Die hundert Tage.
Roman aus dem Jahre 1815 von M. von Witten.
(Nacktdruck verboten.)
(Fortsekung.)
Der Vater loar davongestürmt.
Die Tochter hatte keinen Versuch niehr gemacht, ihn zurückzuhalten. Mit brenneichen Augen starrte sie unentwegt und ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben, ans die Tür, hinter der er verschwunden.
Voll heißer Herzensangst mühte sich Otto, sie ihrer dumpfen Erstarrung zu entreißen. Er kniete neben ihr nieder, überschüttete sie mit Liebkosungen, bat, flehte, schalt — rein Wort der Erwiderung kam von ihren Lippen. Endlich, um ihren Zorn zu reizen, und dadurch vielleicht dem Schmer- »ensstrome, der, sich nach innen ergießen, sie zu ersticken drohte, ein Ventil zu schaffen, gestand er ihr, daß er von der Llbsicht des Vaters, sie aufzusnchen, gewußt, daß er es aber nicht über sich gebracht habe, rhr jenen Brief auszuhändigen. Auch das fruchtete nichts. Mit auseinandergepreßten Lippen, mit gänzlich verständnislosem Blick hatte sie nur einmal das Haupt nach ihm hingewandt, um es dann sofort wieder der Tür, zuzukchren. Da riß ihm die Geduld.
„Zum Wetter noch mal! Kannst du kein Wort für mich finden?! Ich muß wieder zum Dienst! —" Er hatte die Stahluhr unter dem blauen Unisormrock hervorgezoaen und blickte nun ganz erschrocken auf das vergilbte Zifferblatt. „Teufel noch eins! In fünf Minuten muß ich wieder zur Stelle sein!" Er suchte nach seinem Tschako, den er vorhin irgendwohin geworfen. „Toska — sei doch vernünftig! Lege dich schlafen! Morgen früh sieht sich alles ganz anders an." Er rüttelte sie unsanft an der Schulter. Auch jetzt keine Antwort.
„Na — da kann's nichts helfen!" Ein Pfiff durch die Zähne. Er stülpte den Tschako aufs Haupt. „Adieu! — Daß die Frauen so unvernünftig sind!" Zorn heuchelnd ging er zur Tür. Langsam. Bei jedem Tritt hossend, daß sic ihn zurückrusen werde. Als es aber nicht geschah, da warf er in hell ausflackernder Wut die Tür hinter sich zu und sprang, die Treppe hinab. —
Als der Morgen emporstieg, kehrte Otto von Jäger vom Dienst zurück. Noch war jenseits der Grenze alles ruhig geblieben. Er wählte absichtlich einen weiteren Umweg. Lockte ihn etwa die Schönheit des Morgens? Ein märchenhaftes Halblicht lag über der schweigenden Stadt und den nördlichen, waldreichen Höhen. Im Osten der violettene Schimmer des nahende» Tagcsgestirns, der langsam aufblühte toie rosenfarbene Rosen — im Westen das blaue Halbdunkel der sinkenden Nacht mit ihre» verlöschenden Sternen.
Hart klapperte der Hufschlag seines Rosses über das Pflaster. — Ein fremder Mißton in dieser Zauberwelt.
Er pfiff ein keckes Soldatenlied. Er wollte es gegen sich
selber nicht Wort haben, wie sehr Doskas stumme Berznxif- lung ihn die Nacht über heimlich geängstigt — wie diese Angst wuchs, je näher er dem Hause kam.
Wie würde er fie wiedersinden?
Was Ivilrde der Tag bringen?
Endlich hatte er sein Pferd dem Burschen übergeben, der seiner schon vor dem Hause wartete. Mit hochklopseudem Herzen betrat er dann den engen Korridor seiner kleinen! Wohnung. Run öffnete er die Tür des Schlafzimmers. Nein — hier war fie nicht. Die Bette» standen unbenutzt. — Wenn sie etwa —! Ihm schwindelte. Er wußte nicht, wie er ins Wohnzimmer hinübcrgekonimen. Gott sei Dank! Gott sei Dank! Da saß sie — am Fenster. Schwarzblau zeichnete sich ihre herrliche Gestalt gegen den ausleuchtenden Sonnenbalkl ab.
Mit tiefer, beinahe feierlicher Ruhe erhob sie sich. Er sah ihren fahlen, schlaffen Gesichtszügen die durchwachte Nacht nur zu deutlich an. Wer die Augen hatten doch wieder einen Schimmer von Leben.
Sie streckte ihm die Hand entgegen.
Er ergriff sie, von den Gemütsbewegungen der verflos- enen Nacht und besonders der letzten Augenblicke dnrch- chüttert, säst heftig und zog sie voll Leid und Inbrunst an die Lippen.
„Toska! Toska!"
„Vergib, wenn ich dich gestern abend so im Zorn von mir scheiden ließ," sagte sie voll schmerzvoller Sanftmut und mit einer Stimme, die in ihrer spröden Tonlosigkeit an eine zersprungene Glocke gemahnte. „Das Erlebte hatte mich wie mit einem Faustschlag niedergeschmettert. Die ersten Stunden dieser Nacht — sie waren die furchtbarsten ineines Lebens. — Endlich, endlich hat mir Gott aus dem Labyrinth meiner Verzweiflung einen Ausweg gezeigt! Otto!" Tiefe, klingende, leuchtende Wärme glomm nun in ihrer Stimme, in ihren Augen auf. Dabei legte sie zaghaft und doch mit zitterndem Flehen die Hände um seinen Hals. „Otto! Du wirst diesen Weg betreten — den einzigen, der zum Wiederaufbau unseres Glückes führt?!"
„Welchen Weg?"
„Du mußt deinen Abschied nehmen!"
„Du bist von Sinnen!"
Er machte sich los — trat von ihr fort.
Sie aber war sofort wieder an seiner Seite. Mit wie zum Gebet ineinandergerungenen Händen, mit feuchten, flehenden, beschwörenden Augen.
„Otto — ich bin reich! Reicher als du glaubst! Wir werden von allem äußeren Zwang befreit, miteinander ein glückseliges Leben führen —- ein Leben der Liebe!"
„In Frankreich etwa?" höhnte er.
„Nein! Nein! Das werde ich nie von dir verlangen! Nur mit der Waffe in der Hand dürft ihr einander nicht gcgeuübcrtrelen — nie in Vater und du. — Das — das ertrüge ich nicht! — Aber ich will mit dir gehen, wohin du


