Ausgabe 
22.10.1914
 
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Er hielt sie umschlungen. Er drückte sie anseine Brust

Mein Kind! Mein Augapfel! Mein Herzens- trost!" Eine Träne schimmerte in seinem Auge.

Da fühlte sie, daß er um den Heimgang der Mutter wisse, daß die Trauer um sie, einem Schatten gleich, sich auf daA Glück des Wiedersehens legte, sühlte in aufquellendem Weh, was er und sie in ihr verloren.

Vater! Vater!" schluchzte sie auf, ihr Gesicht an seinem Halse vergrabend.

Er verstand sie und streichelte sanft ihre Wangen, ihr Haar.

Ja! Ja, du bist nun mein Einziges, Toska."

Wie seine lang entbehrte Stimme sie erbeben machte! Lang versiegte Brunnen brachen in ihrem Herzen auf> durchstsömten sie mit reichem, lang versunkenem Leben. Wie mit Zauberschlag stieg da an der Brust des Vaters ihre Ju­gendzeit herauf, die sie hatte vergessen wollen, um jeden Preis, die unter Ottos Küssen wie unter Lavaglut verschüttet worden. Und sie ward sich jählings mit unabweisbarer Ge­wißheit bewüßt, wie ihr ganzes Wesen verwurzelt war in des Vaters Wesen. Er und sie hatten zusammengehört wie Erd­reich und Pflanz« wie Acker und Weizen. Die Mutter sie war der fanstglänzende Sonnenschein gewesen, der mild Wehende Wind. Und plötzlich schien es ihr, als habe ihr Herz in unaufhörlichem Bangen nur seine Heimkehr ersehnt; als sei er allein die ruhvolle Heimat ihrer Seele.

Vater! Mein Vater!"

Im nächsten Augenblick aber brach's über sie herein mit Sturm und Drang, daß ja ein anderer von ihrer Seele Besitz ergriffen ein Fremder, dem sie nie Gewalt über sich hätte geben sollen, und dem ihr ganzes Wesen doch zuslammte wie die leuchtende Blütenkrone des Rosenbaums dem Sommer-

! »tmm«l. Wem gehörte sie zu? Keinem! Keinem! Nein beiden! chrie es in ihrer Brust. Und erschauernd in tiefster Herzens­angst, einen von beiden hingeben zu müssen und doch keinen von beiden entbehren zu können, umschlang sie den Heim­gekehrten noch einmal mit leidenschaftlicher Inbrunst. Vater! Liebster Vater!"

Kind! Beruhige dich doch! Ich hätte dir noch einmal schreiben dich nicht so überfallen sollen. Aber ich glaubte dich durch meinen Brief an Mutter, den dir Onkel Eugen gesandt, hinlänglich aus mein Kommen vorbereitet" Ich habe keinen Brief erhalten," sagte Toska mit müder Gleichgültigkeit, immer noch ihr Gesicht an seiner Schulter bergend. Das war ja alles so egal!

Nicht? Keinen Brief erhalten? Dann allerdings! Frei­lich ich hätte das vernünftigerweise mit in Berechnung

ß tt sollen in diesen unruhigen Zeiten!" Und mit weicher kosung drückte er sie von neuem an seine Brust.Aber glaube mir, als ich durch meinen Bruder erfuhr, daß Mut­ter nicht mehr am Leben, und daß du hier im Luxem­burgischen leben solltest, da war alle Ueberleaung zum Teufel! Es hielt mich nicht länger. Ich verschaffte mir durch Eugen einen Paß. und reiste schnurstracks nach Schen­gen, und als ich dich dort nicht mehr fand, hierher nach Bettembura. Ich mußte dich erst einmal Wiedersehen r' Fast andächtig düickte er einen Kuß auf ihr duftiges Haar.

Mußte einmal selber von dir hören--" er schob sie

von sich mit liebevollsanftem Druck und doch war dabei ein sich aufrichtendes Drohen in Stimme und Gebärde was Wahrheit von diesem unsinnigen Gerede"

Da reckte sich Toska mit einem fast wilden Entschlüsse auf. Mitten im Zimmer stehend, blickte sie ihm hart ins Auge.

Alles ist Wahrheit! Ich bin das Weib eines preußi­schen Offiziers. Dein Bruder hat deshalb zwischen sich und mir das Tischtuch zerschnitten."

Ihre Worte waren verklungen. Wie Hammerschläge dröhnten sie ihr im Hirn. Philipp von Eure aber schwieg. Tiefer und tiefer senkte sich das schmalgeschnittene Haupt auf seine Brust.

Da verglomm der stahlharte Schimmer in Tvskas Augen. Verzweifeltes Flehen tauchte darin auf.

Vater Vater und du?"

Ich?" Ein ächtender Atemzug. Philipp von Eures Rechte tastete nach der hohen Lehne des Stuhles, der dicht am Tische stand.Ich Habs nicht glauben können! Nicht

glauben wollen!, Aber wenn du selber--1 Leb

wohl! Dann Hab« ich hier nichts mehr zu suchen." Vater!"

Ein Schrei abgrundtiefer 5zerzensnot.

Er schnitt ihm ins Herz.

Kind" er streckte die Hand gegen sie aus und wichs doch von ihr zurückdaß du mir dass antun konntest I'i

Vater! Verurteile mich nicht zu hart!" rief sie flehend', Gott ist mein Zeuge! Wie hübe ich mit mir gerungen! Ich liebte ihn und du« du loarst fern! Ich hielt dich für tot! Ach! Und dann auch die Mutter war eins Deutsche--"

Von Geburt ja! Aus Ueberzekkgung nie!" rief er ihr mit zornsprühenden Augen entgegen, als hätte sie ihm daA Bild der heißgeliebten Frau durch jene Aeußerung ver­unglimpfen wollen.Sie hat wie ich Napoleon aus tiefster Seele geliebti an ihrer Brust hast du mit der Mutter­milch die Verehrung für diesen Einen, Einzigen einge­sogen !"

Vater das Schicksal hatte ihn gestürzt. Er saß ge­fangen in Elba

Daß du an seiner Wiederkehr zweifeln konntest! Toska! Toska!" Mit einem schluchzenden Aufschrei schlug er plötz­lich beide Hände vors Gesicht. Seine Schultern bebtens der ganze hochgewachsene Körper bebte wie im Krantpsz sekundenlang.

Toska vermochte sich nicht zu rühren. Ihr Blut war wie erstarrt. Ihre Glieder gelähmt. In ihren Augen brannte wilde Qual.

So tanken die Hände des Vaters herab. Er richtete sich auf. Sein Gesicht war gramzerfurcht.

Leb wohl!"

Vater du gehst? I Du darfst nicht gehen!" Si« stürzte zu seinen Füßen nieder, umklammerte seine Kniee«

Toska mir bleibt keine Wahl! Mein Kaiser ruft! In wenigen Wochen werden seine Heere den Feinden gegen­überstehen, die ihm den rechtmäßigen Thron streitig machen wollen. Und unter diesen Feinden kämpft der Mann mei­ner Tochter!--Toska, begreifst du es nun, daß ich diese

Tochter verloren? < Oder" er beugte sich mit einem

Ö nnd Sinn verwirrenden Micke, in dem Zorn uni» e, heißes Flehen und tteffte Todestraurigkeit verschwi- stert waren, zu ihr hinab !1oder wollte sie mit miv gehen?"

GottI" Sie schnellte empor von ihm zurück, Was verlangst du von mir?"

Nichts, wozu dein Herz dich nicht treibt!" sagte er mit dumpfer Ruhe. Hochaufgerichtet stand er wieder.Duj hast entschieden Toska"

Da kamen beflügelte Schritte die Treppe herauf. Dis Tür wurde aufgerissen Otto von dem geüngstigten Mädchen benachrichtigt stürmte herein. Mit einem Blick hatte er alles begriffen.

Hier ging es um Sein und Nichtsein,> um! alles ge­winnen oder alles verlieren.

Mit beinahe übermenschlicher Willenskraft raffte er sich zusammen.

Herr von Eure Vater meiner Toska seien Sie willkommen I" Er streckte dem Gast die Hand entgegen.

Der aber tat, als sähe er sie nicht und schwieg inj eisiger .Ablehnung.

Otto von Jäger, dunkelrotbraun vom hastigen Lauf, wurde jählings aschfahl.Erkennen Sie mich nicht?" Seins Hand sank herab.In Rußland waren wir Kriegskame­raden."

Ja, damals waren wir Kriegskameraden unter dem Szepter Napoleons." Tiefer Schmerz bebte durch dia Stimme des Gardeofftziers. Mit schwerer Zunge sprach ev die Worte.Damals! Und daß ichs nur gestehe Si« waren mir lieb! Sie hatten Ihr letztes Stück Brot mit miv geteilt! Aber heut! Heut sind wir Feinde! Sie Ihn

» es Volk hat sich wider Napoleon erhoben! Napoleon «vischen uns!"

^Da sei Gott vor! Dieser Tyrann! Dieser Abenteurer!* Aus Philipp von Eures Glutaugen schlugen Flammend Hätten Sie erlebt, mein Herr, wie dieser Abenteurer! mit tausend Soldaten den mit allen Mächten verbündetem König Frankreichs, eines Landes von dreißig Millionen Eine wohnern, angreift und stürzt, wie er die ganze bestehend« Ordnung der Dinar nur durch den Zauber seines Wortes, durch die Macht seiner Persönlichkeit umwirft, wie er einer» Kriegszug von 220 Stunden ohne jedes Blutvergießen be­endet und schließlich in Paris einzieht, von dem harrendem Volke auf den Schultern in die Duilerien hi nein getragen< dann sagten Sie: in diesem MMne herrscht ein Gott