Die hundert Tage.
Noman aus dem Jahre 181.5 von M. von Witten.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Mit zitterndem Herzen, mit ««strafften Sehnen und Muskeln bauschte indessen alles, was deutsch empfand, nach Frankreich hinüber. Und ganz besonders die Offiziere des brandenburgischen Ulanenrogiments, so nahe der französischen Grenze, hatten das Gefühl, als lebten ste auf einem Vulkan, dessen Ausbruch täglich, stündlich zu erwarten stand. Kunde auf Kunde jagte sich. Nicht mir Grenoble und Lyon hatten dem Verbannten von Elba unter Stürmen der Begeisterung ihre Dore geöffnet, nein! Unglaublich, unausdenkbar für ein Preußenherz: Neys, der den König Ludwig mit heiligstem Eide seiner Treue versichert, Ney, der diesem zu Dal fahrende», alles mit sich reißenden Berastrom einen Damm entgegensetzen sollte — Ney war mit den ihm von Ludwig XVIII. anvertrauten Truppen zu Napoleon über- tzegangen!
In diesem Wirrwarr von Geschehnissen, in diesem Auf- vuhr von Gefühlen hatte Otto von Jager eS um alles in der Welt nicht übers Herz gebracht, seiner Frau den Brief jthre^ Vaters auszuhändtgen. Seit jenem Abend, da ste ihn
( einen Gedanken allein überlassen, war mit ihr eine Wandung voogogangen Es war, als hätte sie in den einsamen Stunden der Nacht den Schatten, der ihr Glück gefährden wollt«, >nit starker Haird für immer niederaezwungen. Ihr aanzes Wesen war seitdem durchhaucht von stetiger wundersamer Glut; mit quekltiefer Leidenschaftlichkeit gab sie sich Ihrem Manne hin. Und die wenigen Stunden, die der Dienst ihnen ließ, wurden zu Stunden heiligster Erdenwonnen, die vielleicht gerade deshalb so unerschöpflich tief, so beseligend leuchtend und rein, iveil die Gewißheit eines baldigen Endes über ihnen lauerte, — zu Erdenwonnen, die selbst mit dem Tode nicht zu teuer erkauft erschienen!
Nein! Nein! In dieses Paradies nicht mit der Hand
e vler Zerstörung greifen! Seine fast überirdischen Selig- tcn auskosten, bis zum letzten Augenblick! Die Stunde, des Scheidens kam ja früh genug — allzu früh! In ihr wollte er Toska den Brief ihres Vaters geben. —
Und dann —! Dann lief die Nachricht ein von der
E lucht König Ludwigs aus Paris — und zwölf Stunden äter trugen die Frendensalven der nahen Festung Thion^ ville die märchenhafte Botschaft zu den aufhorchenden Preu--
t en hinüber, daß der Verbannte von Elba wieder in die milerien cingezogen sei und von neuem die Zügel der Rex gierung ergriffen habe. —
Otto von Jäger lauschte den Salutschüssen mit zusam- mengebissenen Zähnen, mit heimlich geballten Fäusten.
Dabei blickte er mit mißtrauischem Auge auf sein Weib, das mit leicht gesenktem Hauvte neben ihm am offenen Fen
ster lehnte. Was ging in ihr vor? Warf der dröhnende Schall der Kanonen nicht kalte Schauer über ihren Leib?
Da — fühlte sie seinen Blick? Sie hob die Lider —^ Jie schaute ihn an —! Diese tiefen, glutvollen Augen, dieser weiche, kirschrote Mund, diese brennenden Wangen, — es war, als flammten Feuer todesahnender, alles vergessender Liebe in ihr — und diese Flammen loderten ihm — ihm entgegen!
Er riß sein schönes Weib an sich und tiefer ins Zimmer hinein. Noch waren Augenblicke des himmlichsten Glückes sein!--
In den beiden nächsten Nächten blieben die brandenbur- gische» Ulanen bei ihren gesattelten Pferden in den Ställen.
Otto hatte bereits von Toska Abschied genommen und sich zum Dienst begeben.
Ruhelos schritt sie im Dienstzimmer hin und her — noch umflammt von der Glut seiner letzten Küsse. Ihr Blick, in dem das Märchenleuchten des Glückes lag, schweifte hinaus über die knospende, von einem violettfarbenen Abendhimmel überspannte Landschaft, ohne doch die duftige Schönheit zu erfassen. Bon Träumen umsponnen, ruhten noch all ihre Sinne. Sic hätte nicht zu denken vermocht. In seinen Küssen lebte und atmete noch ihr ganzes Wesen. —
Da trat die Dienstmagd herein. Toska beachtete sie nicht. Gewiß! Sie wollte das Nachtmahl bringen.
„Madame —"
„Setz' nur die Schüssel hin und geh."
„Madame — ich habe den Tisch noch nicht gedeckt — da ist ein fremder Herr —"
„Mein Mann ist nicht zu Haus. Er soll morgen wiederkommen."
„Das habe ich dem Herrn schon gesagt. Er aber will durchaus die Madame selber sprechen — oder wie er sagt, das Fräulein von Eure."
„Mich? Unmöglich. Ich empfange keinen fremden Herrn!" fagte sie streng und lyandte sich ab.
Die Dienstmagd aber druckste und bewegte sich nicht von der Tür.
„Nun, —- hast du nicht gehört?" rief Toska ärgerlich über die Schulter zurück.
„Madame, der Herr will sich doch nicht abweisen lassen", kam es weinerlich. „All ihr Heiligen! Madame, da ist er schon!"
Fluchtartig entschlüpfte das halbwüchsige, flachsblonde Ding und gab den Eingang frei. Vom Flur her aber warf sie aus ihren wasserblauen Augen noch einen Blick auf deck Herrn, der in seinem grauen Reiseanzug, in dem langen Rock mit dem hohen Kragen, und den langen engen Pantalons so vornehm aussah. Der aber zog die Tür hinter sich zu.
Toska starrte ihm, von Entsetzen gebannt, ins Gesicht.
Und plötzlich stürzte sie mit einem Schrei, der das ganze EhaoS der Gefühle offenbarte, die ihr Herz durchbebten, in seine Arme.
„Vater! Mein Vater!"


