k
„Nun, jünger sind wir Wohl alle nicht geworden," tröstete Ney. Und dann saßen sie beide Hand in Hand, wie
,wei Knaben, auf der Bant unter dem knospenden Nuw> »aum und blickten, von Erinnerungen durchbebt, schweigend Vor sich hin — .in sich hinein.
Endlich sagte Ney:
„Ich hielt Sie für tot."
„Das will ich wohl glauben I — ES War dicht hinter Wilna, wo der Weg nach KowUo durch einen Hohlweg auf eine Höhe hinanführt — vielleicht erinnern Sie sich! —" „Mer natürlich," bejahte Ney. „Berd .... Hügel das l Der reine Glasberg. Des Kaisers Kriegsgerät und auch die Kriegskasse mußte dort im Stiche gelassen werden."
„Auch meine handvoll Leute, wie alle andern von Hunger und Kalte halb erstarrt, vermochten nicht auf dem Glatteis hinanzuklimmen. Immer von neuem taumelten die zu Tode Erschöpften haltlos herab. Da führte ich sie etwas abseits, in der Hoffnung, vielleicht einen gangbaren Weg um den Hügel herum zu finden. In diesem Mgenblick stürmten Kosaken heran, wir wurden überrannt, umzingelt —i
Ö en genommen! Und dann! Was mußte ich dann :iden! Wahrhaftig, Marschall! Die Zeit meiner Gefangenschaft, die gönne ich meinem ärgsten Feinde nicht!"
Tiefer zeichneten sich die Ringe unter den gesenkten Augenlidern Philipp von Eures. Das ganze Gesicht war in der Erinnerung des Durchlebten fahl geworden wie aschgraue Dämmerung.
„C'est la guerre!" sagte Ney vor sich hin. „Wir haben in Rußland auch nickst gerade wie die Engel gehaust. Mer jetzt," lebhaft die Erinnerung abschüttelnd, wandte er sich gegen den Oberst, „lvo kommen Sie jetzt her?"
Da straffte sich die zusammengesunkene Gestalt, als ob erzene Speise durch ihre Adern flösse.
„Geraden Wegs von Elba!"
„Bon Elba?" Mit heißem Schrecken fuhr Ney auf und blickte in Philipp von Eures fest und leuchtend auf ihn gerichtete Augen. Das verwirrte ihn noch mehr. „Mer — was suchen Sie bei mir?" fügte er stammelnd hinzu.
„Sie! Sie selbst, Marfchall! Mit Ihren Truppen." „Schweigen Sie!" Mit entsetzt abwehrender Geberde war er emporgesprungen. „Soll ich Sie verhaften kaffen?"
Der andere schaute ihn, ruhig sitzen bleibend, mit einem sonnigen Schelmenblick von unten herauf an.
„Noch immer der alte Hitzkopf, lieber Freund? — Kommen Sie, behalten Die neben mir Platz!" Der Marschall gab dem warmen, werbenden Händedruck des alten Waffenbruders nach und ließ sich, wenn auch noch halb widerstrebend, von ihm wieder auf die Bank niederziehen. „Nach einer so langen Trennung hat man sich doch allzuviel gu sagen, um so schnell wieder auseinander zu stieben." Er
f og .die Linke Michael Neys durch seinen Arm und hielt ie dort sanft mit seiner Rechten fest. Wie manchesmal haben nt so aneinander gelehnt am Biwakseuer gesessen in den arbartsch kalten Nachten auf dem Rückzuge in Rußland," hr er mit einer Stimme fort, durch deren sonore Glocken- ;fe das Leid jener Tage klang. „Mer nein! Nicht daran , ollen Wir denken! Sondern an die Tage märchenhaften Glückes — an die glorreichen Siege, die wir unter dem Stern unseres Kaisers erfochten, MarschaU. Was wir sind, sind wir durch ihn, durch sein Genie."
Ney nickte, dessen unbewußt, schweigend vor sich hin. Philipp von Eure lächelte. Ein feines überlegenes Lächeln. Und mit einer Stimme, mit der man Märchen er-
ß lt, begann er: „Wissen Sie noch . . . wissen Sie noch?" > Neys Heldenleben unter Napoleon erstand mit gehetm-
i itövolleni Zauber, aus dem es winkte und lockte, vor Marchall Ney. „Damals bei Elchingen, bei Jena, bei Erfurt lnd Magdeburg! Wissen Sie noch?! Damals bei Eylau und Friedland? . . . Dann, Marschall, bet Smolensk und hei Borodino an der Moskwa — jene blutigste aller Schlachten, wo Ihre unvergeßliche Tapferkeit den Kaiser so entzückt batte, daß er, mit uns über das schaurige Schlachtfeld reitend. Ihnen den Titel eines Fürsten von der Moskwa Verlieh?! — Und wie Sie, Marschall, hat jeder einzelne V»n des Kaiser- Offizieren und Soldaten sein Menschenmög- «tchsteS geleistet. Wir all« sind nichts anderes als Strahlen einer Sonne. Gr ist diese Sonne. Sein Will« wirkte und schafft« in uns allen." Immer mehr hatte sich die Stimme Vhiltfw bvn Eures erhoben. Jetzt erklang sie wie «in Horn- gJj^Wtn er wiederholte: „Was imr sind, sind wir
Der eindringliche Ton dieser Wort« weckle Ney nun doch «tlS allen Erinnerungen.
„Was — was wollen Sie damit sagen?" protzte er ans.
„Daß wir kein Recht haben, nnS ihm ln den Weg zu werfen," fuhr Philipp von Eure unbeirrt fort. „Wir, fein« Geschöpfe. Er ist zu groß dazu. — Sein Fuß würde üb«il uns wegschreiten und unS zermalmen!"
„Ich kann nicht! Ich darf nicht!" wehrt« Ney stöhnend der Versuchung. „Der König hat mein Wort!"
„Es ist mchtigl Sie hatten kein Recht mehr, es denk Bourbonen zu verpfänden. Es gehörte dem Kaiser Na-, poleon I"
,-Jch war wie tausend andere überzeugt, daß seine Zeiß zu Ende —"
,Me war nt« größer und glorreicher als in biefeit Tagen!"
„Ganz Frankreich war seines Despotismus, war der endlosen Krieg« übersatt! Wir sehnten uns alle nach Frieden kl
„Marschall! Hören Sie mich! Der Kaiser kehrt zurück —t nickt als Despot. Er wird ein konstitutioneller Kaiser sein- Aus dem MarSfelde wird eine Volksvertretung einberufen werden, die bestimmt ist, alle freiheitlichen Wünsche Frankreichs in gesetzgeberische Formen zu gießen. Und was Frankreichs Friedenssehnsucht anbelangt — die wird von kinem tiefer empfunden, als vom Kaiser selber. Sie aber, Sie, entfesseln den Bruderkrieg, wenn Sic eigensinnig und verblendet der großen Wendung der Dinge sich verschließen!"
mein Gott!" stöhnte Ney. Er schüttelte sich wie int Fieber, vergrub den Kopf in die Hände und stützte die Eilt- bogen auf die Knie.
Einen Augenblick lang schaute Philipp von Eure schweigend auf ihn nieder. Eine Regung des Mitleids mit Ney um seines Seelenkampfes willen durchzog flüchtig sein Herz. Mer wie hatte er eS nur fertig bringen können, einem Napoleon wortbrüchig zu werden?! Wie konnte er nur einen Atemzug lang zweifeln, zu wessen Fahnen, kehrte der Kaiser zurück, er schwören mußte?! Me dem auch sei! Er mußte den Marsckall jetzt gewinnen, um seines Kaisers willen! Mit Bruderblut durste sein Thron nicht befleckt werden! Nein, das nicht!
„Marsckall! Könnten Sie das verantworten, Frankreich gegen Frankreich zu hetzen?" rief er mit zitternder Stimm», glauben Sie mir. Sie würden keinen Augeicklick mehr schwanken, wenn Sie des Kaisers Einzug in Lyon miterlebt! Die Soldaten weigerten sich einfach, gegen ihren Kaiser zu kämpfen. Der Kommandant, die bourbonischen Prinzen mußten flüchten. Ihm aber öffnete man von innen die Tore- Ein Rausch von Wonne und Glückseligkeit hatte Einwohner und Soldaten ersaht, als er, ein wahrer Herrscher, durch die Straßen zog."
„O mein ©ott!" ächzte Ney von neuem.
„Herr Marschall! Herr Marschall!" ertönte da eins eine Stimme durch die Dämmerung, die langsam aus dem Tale heraufgekrochen war, und sich über die Höhen aus- brettete. Denn die Sonne lvar schon eine ganze Weile unter den Horizont gesunken. „Ist denn der Herr Marschall Ney nicht hier? Man will ihn doch hier oben gesehen haben."
„Hier ist er!" antwortete Philipp von Eure. Er erkannt« einen Ordonnanzoffizier.
Ney faßte sich gewaltsam und raffte sich ans.
„WaS wünscht man von mir?" fragte er müde.
„Soeben find ein paar flüchtige Generäle drunten in der Stadt «ingetroffen," berichtete der Offizier in sichtlicher Erregung. „Das 7e. Regiment, zum Armeekorps des Herrn Marschall gehörend, ist zu Napoleon übergegangen."
„Uebergegangen?" Faffungslos starrte der Marschall auf den Ossizier.
„So ist es. Und auch di« Stimmung der übrigen Truppen soll eine sehr bedenkliche sein. Die Bevölkerung der ganzen Gegend soll pch in einem wahren Freudentaumel befinden. Wenn der Herr Marschall! vielleicht selbst —"
„ES ist gut," entgeanete Ney, mühsam seine Haltung bewahrend. „Gehen Die setzt. Ich folge Ihnen sogleich!" —.
Der Offizier hatte sich wieder entfernt. Noch immer starrte Michael Neh, auf die Bank zurückgesunken, in stumpfem Brüten vor sich hin.
„Nun — Marsckall?" forschte der Oberst endlich leise.
Da sprang der wie elektrisiert auf und mit knabenhaftem Ungestüm, noch bin und hevgerissen Von seinen Gefühlen- warf er sich an die Brust des alten Waffen geführten.


