Ausgabe 
21.10.1914
 
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Die hundert Tage.

Nonian aus dem Jahre 1815 von M. von Witten.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Verräter!" In zähneknirschendem Grimm zerknüllte er bas Blatt zwischen den Fingern.Eure Treulosigkeit wird von neuem einen Weltbrand entfachen, wenn des Korsen Adler wirklich Paris erreichen!" Bei einem Haar hätte er den Brief in das verflackernde Kaminfeucr geworfen, das Toska kurz vor der Mahlzeit nochmals hatte anzünden lassen. Da besann er sich, daß der Brief ja gar nicht für ihn bestimmt sei. lind während er sich mühte, das Schriftstück auf der Tischplatte wieder zu glätten, überlegte er mit dumpfen Sinnen, warum Philipp von Eure eigentlich dies Schreiben auf dem Umwege über seinen Bruder an seine Frau hatte senden wollen. Gewiß war es in der Ueberzeu- jgung geschehen, daß seine Frau Paris bei dem Einzug Lud­wigs XVIII. verlassen habe und jener am ehesten chren Auf­enthalt kennen würde. Dabei glrtten Ottos Augen absichts­los noch einmal über die Worte auf der letzten Seite hin: Küsse unser geliebtes Kind, unsere Toska. Sag ihr, der Vater, den sie so heiß geliebt, er kehrt zurück."

Jetzt erst imirde ihm klar: Der Brief wollte doch ihm, ih-m ganz persönlich, etwas rauben! Ein Abgrund tat sich vor ihm auf. Noch stand Toska an seiner Serie. Aber jen­seits tauchte neben dem Korsen, den sie vergötterte, die Ge­stalt ihres Vaters auf. Ihr Bater war nicht tot. Er, den sie aus tiefstem KiudeSherzen liebte, er lebte!

Ewiger Gott! Was sollte daraus werden?!

Ein Granen kroch Otto zum Herzen. In starrem Schick­ten blickte er vor sich hin. >

Durch die Straßen des kleinen Städtchens Lons ke Sau­nier, die von Militär wimmelten, stürmte ein hochgewachse­ner, etwas nachlässig gekleideter Mann in der goldgestickten französischen Marschallsuniform. Er achtete nicht der ehr­erbietigen Grüße, erwiderte kaum einen. Auf seinem ties- yebräunten, offenen Gesicht lag eine große Erregung: der bartlose energische Mund unter der großen Nase zuckte inimer von neuem und fornite halblaute Worte. Nein! Nein! Nein! Er wollte nichts mehr hören! Wie ein Gewittersturm waren sie über ihn hergefallen diese sinnverwirrenden Nachrichten! Erst die Kunde von der llebergabe Grenobles und von der fluchtartigen Rückreise der bourbonijchen Prinzen aus Lyon, die dem Korsen an der Spitze der Truppen hatten entgegen- Aiehen wollen. Dann die Botschaft, daß Napoleon Bonaparte unter dem Freude» geschrei des Volkes und der Soldaten in dieser schönsten und wichtigsten Stadt Südfrankreichs ein- gczogen sei, daß jeder, auch der kleinste Ort, durch die der Bug seitdem gekommen, die dreifarbige Fahne aufgepflauzt habe. Und jetzt die Ankunft dieses aus Bourg vertriebenen Kräsekteu, der berichtete, daß die ganze Gegend von einem

wahren Freudentaumel über Napoleons Rückkehr ergriffen sei, daß sein bloßes Erscheinen die Truppen zum Abfall ver­leite. Nein! Nein! Nein! Er tvollie nichts mehr hören! Er wollte treu bleiben! Nach Napoleons Abdankung war auch er, wie die meisten der anderen Marschälle in den Dienst König Ludwigs XVIII. getreten. Und er, Michael Ney, den der König ausersehen, mit einem Heere sich Bonaparte ent- egenzuiverfen, er hatte geschworen, diesen Bonaparte, der urch seine Flucht von Elba zum tollen Menteurer herab- gesuuken war, wie einen ausgebrochenen Tiger einzusangen.

Er wollte sein Wort halten! Nicht umsonst hatte er be­gonnen, seine Truppen bei Lons le Saunier zusammenzu­ziehen, um dem Korsen von hier aus in die Flanke oder in den Rücken zu fallen.

Der Marschall hatte die Stadt hinter sich. Aufatmend stieg er in den nahen Weinberg hinan. Bald verschwand der Ort hinter ihren Mauern, bald ward er von neuem durch Gat­tertüren oder von einer Höhe auS sichtbar. Ein leichter Wind hatte sich erhoben: er spielte mit den losen Reben, die schon von zarlem Blattgrün umrahmt waren, und kühlte ihm die hochgewälble Stirn. Da? tat ihm gut. Auf einer Bank unter einem knorrigen Nußbaum, der eine sanfte Höhe krönte, setzte er sick endlich nieder. Ruhiger ließ er den soldatischen Blick über oie Stadt im Talkessel ichweisen. Schon neigte die März­sonne sich golden blinkend gen Abend. Die Glocken klangen leise herauf. Er nahm den Hut vom Haupte, um sich den Schweiß von der Stirne zu trocknen.

Marschall! Bester Marschall!"

Netz ruckte empor wandte sich. Da, den schmalen Weg, den er selber kurz zuvor gegangen, kam jemand herauf. Ein Schrecken durchfuhr ihn. Der blaue Nock die hohe Bären­mütze ein Offizier der alten Garde war's.

Ney! Teurer Marschall! Erkennen Sie mich nicht mehr?"

Keuchend vom schnellen Lauf nahte sich der Ankömmling.

Ney strich sich mit der Hand über die Stirn. Er blinzelte. Wer war das doch nur? Die schlanke vornehme Gestalt. Die seingeschnitteiicn gelbblassen Gesichtszüge mit der edelgeforiw- ten Nase und dem starken schwarzen Schnurrbart über dem schön geschwungenen Munde, dieses sympathische Antlitz, auf das freilich Sorgen und Entbehrungen ihren Stempel gedrückt. Und unter den hochgeschwungenen Brauen diese dunklen Sonnenaugen! Die mußte er doch kennen! Und mit einem Male streckte Michael Ney, einen Frcndenruf aus­stoßend, dem Offizier beide Hände entgegen.

Philipp d'Eure welch ein Wiedersehen!"

Im nächsten Augenblick lagen sich die beiden Männer in den Armen.

Sie wurden nicht müde, einander immer von neuem u betrachten, einander immer von neuem ans Herz zu rücken.

Haben mir denn die paar Jahre so arg mitgespielt," fragte der Oberstedaß Sie mich nicht gleich erkannten?"