Ausgabe 
19.10.1914
 
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Leb wohl, meine teure Bertha, jauchze mit mir. Küsse mrfer geliebtes Kind, unsere Toska. Nag ihr, der Vater, de» sie so beiß geliebt, er kehrt zurück. Sobald mein Kaiser ln Paris elngezogen, seht ihr mich wieder.

Dein getreuer Kalte

Philipp d'Eure."

Otto bteß das Blatt sinken. Ohne auszublicken, fast ohne KU atmen, hatte er gelesen. Zuerst, beit der Anrede, Satte! ein rasender Verdacht sein Herz wie ein glühendes Eisen durchschossen. Dann begriff er, daß diese Zeiwn an eine Tote gerichtet waren, daß sie ihm persönlich nichts rauben woll­ten. Da erst batte sein wie erlöst aufatmendeS Herz die nlüheirde Schilderung von deni Siegeszug des Korsen in sich ausgenommen. Und Zorn und Haß gegen diesen Unter­drücker lvaren von neuem in ihm mit hellodernder Mut Mnporgeslammt. Er sah mit ganz anderen Augen, als Phi­lipp von Eure. Der Uebergang der Regimenter Ihm mar8 nicht ein Beweis von der Gewalt, die Napoleon über die «temüter ausübte nein! Ihm bedeutete es feigen Drcu- bruch gegen Ludwig XVIII., dem sie vor wenigen Wochen den .Eid der Treue geschworen.

lFvrtsetzung folgt.)

wie eine Schlacht von heute aussieht.

Von einem Augenzeugen.

Der bekannte englische Kriegsberichterstatter Hamilwn Fyfe, der die Ereignisse der Riesenschlacht in Nordfrankreich von ihrem Anbeginn an miterlebt und an den verschiedensten Stellen des ungeheuren Kampsseldes in der Feuerliule gewesen ist, entwirft hier ein Mid der modernen Schlacht, dessen Naturtreue einen besonders anschaulichen Eindruck hinterläßt.

Eine Landschaft mit einem kleinen Rauchwölkchen" so hat ein französischer Schlachtenmaler eine Schlacht von heute beschrie­ben. Das ist durchaus nicht nur ein geistreiches Wort. Es ist vielmehr eine Beschreibung, von der alle, die Schlachten beob­achtet haben, zugeben werden, daß sie sehr oft stimmt. Aus der Walstatt von heute kann während des Kampfes das Auge zumeist stichts Ungewöhnliches in der Landschaft wahrnehmen außer jenen steinen weißen Wolkenbällen in der Ferne, die zeigen, wo die Gra- nateu explodieren. Selbst wer ein ausgezeichnetes Fernglas zur Verfügung hat, muß das Schlachtfeld sehr genau studieren, bevor sich ihm irgendwelche weiteren Zeichen des Kampfes enthüllen.

Die Kanonen der Feindes liegen in verdeckter Stellung. Sie sind vielleicht hinten am Abhang jener niedrigen Hüaelreihe auf- äestellt, die da drüben das Gelände unterbricht, oder sie sind viel- Irtcijt geborgen Himer jenen Bauinreihen, die den Fluß umrahmen. Zumeist sind auch die Kanonen auf der Freundesseite nicht sicht- bar oder in ihrer Stellung nur sehr schwer herauszustnden. Die Mannschaften liegen hingeschmiegt in ihren Gräbern und Löchern, tvennhingeschmiegt" das rechte Wort ist für diese häufig so nassen und unwirtlichen Unterschlupse. Dann und wann kann man un­deutliche Linien aus dem Felde hinkrabbeln sehen, die an ein Heer von Ameisen erinnern, oder es erhebt sich eine plötzliche Aufregung an den Hügelhängen, ein Gewimmel und Gewirre von Hunderten von schtvarzeu Punkten, gerade so, wie wenn man mit einem Stock in einen Ameisenhause» herumstocherte und nun alles wüst durch­einander liefe. Das sind so die Eindrücke eines Schlachtfeldes von heute. Aber von dem, was man sich so gewöhnlich unter einer Schlacht vorstellt, wird man nicht die geringste Spur finden.

Der Laie, der sichdas Bild einer Schlacht vorstellt und dabei an die Geniälde im Museum oder an die bunten Bilder in den Kriegsgeschichten denkt, sieht die Sache immer noch so an, als ob große Massen von Truppen gegeneinander marschierten, als ob die Kanonen aus beiden Seiten die Reihen der Gegner nieder­mähten, wenn sie herankommen; er glaubt, daß die Reihen gegen­einander unaufhaltsam vorrücken, bis sie im Bereich des Gewehr- seuers aus beiden Seiten sind. Und dann so denkt man sich das wohl wird eben geschossen, bis dem einen Gegner die Munition oder die Geduld ausgeht, und zuletzt geraten die feindlichen Heer­scharen in einem wilden Gemetzel Mann gegen Mann aus der gan-

E Linie aneinander, die Kavallerie galoppiert dazwischen und t ebenfalls drauf los. und das Ende vom Liede ist schließlich, das eine Heer geschlagen zurückkehrt, während der Befehls­haber des andern Heeres feierlich verkündet, daß er gesiegt hat.

Diese Vorstellung, die noch in so vielen Köpfen spukt, muß man von Grund aus aus seiner Phantasie verbannen, tvenn man den Sinn und das Gesicht der Schlacht von heute erfassen will. Der Krieg ist kein Sport mehr und keine Rauferei. Er ist eine Wissenschaft. Er ist ein Gebiet, das schwierige teckmische Studien, komplizierte Berechnungen erfordert und bei dem kostbare, auf das feinste gearbeitete Instrumente verwendet werdeii. Erfolg­reiche Generale sind heute nicht mehr tapfere Draufgänger. Es sind viel eher Leute mit Brillen und professoralem Aussehen, die

an gelehrte Bücherwürmer erinnern, oder es sind Männer, die über ein großes OraanisattvnStalent verfügen, di« Ingenieure, große Finanzleul« oder tüchtige Fabrikanten geworden wären, wenn sie nicht die Laufbahn im Heere vorgezogen hätten.

i»

Diese wissenschaftliche Maschinerie d«S modernen Krieges hängt eng damit zusammen, daß man von einer modernen Schlacht so wenig sehen kann. Der Sieg winkt nicht mehr nur den Tapfersten, sondern denen, die die beste Maschinerie, die vorzüglichste Organisation haben, die sich am besten verstecken und vergraben können. Wenn es zu einem aufregenden Kampf Auge in Auge konrmt, wenn das Bawnett wütet und das Handgemenge einsttzt, dann sind nur die, die miteinander kämpfen, nähe genug, um etwas davon er­zählen zu können. Ich habe mit meinem guten Fernglas viele Teile des ungeheuren Schlachtfeldes durchsucht, daS sich in einer gewaltigen Diagonale durch Frankreich erstreckt. Ich habe bei feuernden Batterien gestanden. Ich habe in den Schützengräben gelegen und bin zu der vordersten Feuerlinie gekrochen. Ich habe sogar deutsche Soldaten gesehen und mich mit ihnen unterhalten, was die Kämpfenden seihst nicht tun können. Aber ich kann wirk­lich keine andere Beschreibung einer Schlachtfront von heute geben, die in kurzen Worten bezeichnender wäre als die des fran­zösischen Malers:Eine Landschaft mit kleinen Rauchwölkchen."

Hinter der eigentlichen Front, hinter den Kämpfenden, da gibt es fteilich sehr viel zu sehen. Hier, gleichsam hinter den Kulissen der Kriegsbühne, auf der sich das Drama der Schlacht abspielt, begreift man erst die ungeheure Kompliziertheit jener Maschinerie, die Schlachten gewinnt, und die Notwendigkeit, daß sie so voll­kommen sei wie möglich. Man kann die besten Kanonen von der Welt haben, und doch sind sie zu nichts nutze, wenn die Pferde fehlen, die sie ziehen. Man kann die tüchtigsten und tapfersten Soldaten besitzen, und sie werden nichts leisten können, wenn man sie nicht regelmäßig und gut ernährt, wenn man ihnen nicht die nötige Ruhe gibt. Und weiter: alle Bewegungen der Truppen müssen genau berechnet werden, alle Wege müssen sorgfälsig frei gemacht sein, denn es geht nicht an, daß zwei Regimenter, eines das vorgeht imd eines das zurückgeht, aus derselben Chaussee marschieren, das würde eine schöne Verwirrung geben.

Komm also hinter die Szene! Wir haben eben die Artillerie beobachtet und hinüber gespäht über das weit« stäche Land mit den niedrigen Hügeln in der Entfernung, Nm Hügeln, wo der Feind steht. Wir sind selbst auf einem Plateau. Nun gehen wir den Abhang hinunter und wir haben «in anderes Bild vor uns> das hinter der Schlacht liegt. Mit einem Male sind wir uniep den Mitspielern, die warten, bis die Reibe an sie kommt, die ausruhen, bis das Stichwort fällt, das si« hineinreißt in das Drama von Blut und Eisen.

*

Hier dicht dabei, um damit zu beginnen, ist eine groß« Menge von Artilleriepferden, die alle ruhig dastehen, während ihre Batterien in Tätigkeit sind. Gehen nur weiter, so kommen wir an eine lange Munittonskolvnne, die am Wegrand wartet, Wagen aus Wagen, alle mit Granaten bepackt; die Reihe scheint endlos. Tann ein Dorf, voll von Soldaten. Soldaten überall, in den Gassen hernmgehend, an der: Haustüren, hier welche, die Aepsel pflücken, dort eine ganze Schar in tiefem Schlaf. Da hat sich einer auf einem flachen Stein einen Schreibtisch einge­richtet, aus dem er einen Brief kritzelt. Wieder andere wasche» ihre Kleidung im Bach, und in einer Ecke siben drei behaglich zusammen und spielen Karten. IM Schatten einer hohen Mauer rasiert ein Mann einen andern, während ein dritter, der eher« rasiert ist, sich das Gesicht in einem Eimer wäscht. Zwei oder drei sitze» und angeln. Solche ftanzösischen Soldaten, die in den Zwischenpause» einer Schlacht die stets mttgeführte Angel­rute ms Wasser Wersen, findet man immer. Es ist die Haupt- Passion der Franzosen, und ich glaube, wenn um 10 Uhr die letzte Posaune ertönt und das letzte Gericht für 12 Uhr ange­kündigt wird, dann würden noch viele von ihnen die Zwischenzeit dazu benutzeit, um im nächsten Bach zu angeln. Nun sind wir durchs Dorf, und nachdem wir am Ausgang unser» Paß gezecgt haben. denn ohne diesen kommt man überhaupt nicht weit, und solch ein Ausweis ist schwer zu erlangen stehen mir tn einem steinen Tal zwischen zwei Hügeln, und als wir da hindurch sind, stehen wir aus einer großen Wiese, die aussieht, als ob hier Pferdemarkt wäre. Hunderte von Pferden weiden hier und ttinken aus dem Bach. Die Reserve der Artillerie lagert hier. Noch weiter hinten sind neue Dörfer, die von Jnfaitteriereserven besetzt sind, und noch wefter himen stoßen wir auf Kavallerie, die auf dieser Kriegsbühne nichts zu tun bat. Da sie dazu da sind, aufzustären und Fühlung mit dem Feind zu suchen oder nach Beendigung des Kampfes den fliehenden Feind zu verfolgen oder einen Rückzug zu schüfen, so bleibt für sie während der eigentlichen Schlacht wenig oder nichts zu tun.

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Nun begegnen wir einer andern sehr langen Wagenreihe; alle? Automobile. An einer besttmmten Stelle machen sie Halt und fahren auseinander. Aus vielen liegen geschlachtete Ochsen ». Schafe, Fleisch in Massen. Andere sind mit runden flachen Broten bepackt. Hier ist die Speisekammer der Truppen, von hier aus werden die Rationen an die einzelnen Regimenter verteilt, und bald wird