Ausgabe 
19.10.1914
 
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auskeimendes Mißtrauen miteinander stritten, da riß sie sich zusammen.

Otto vergib I ich bin totmüde. Fühle mich nicht ganz Wohl! Ich will mich einmal tüchtig ausschlafen. Dann ist Wieder Mut und Kraft in mir, und ich bin wieder die Alte." Und sie streckte ihm mit einer so rührenden Bitte, mit einer so holdseligen, fraulichen Demut die Hand entgegen, daß er hingerissen sich darüber beugte und sie in heißer Inbrunst küßte. .

O du du Angebetete! Weib meines Herzens!" stammelte er. Und dann:Geh! Ruhe dich aus! Vergib all

meinem Ungestüm!"

Er drängte sie nun geradezu nach der Dür, die ins Schlafzimmer ftihrte.

Auf der Schwelle blieb sie noch einmal stehen. Ein Schelmenblick aus ihren Augen übersonnte ihn.

Du gönnst mir auch meine Ruhe? Gelt, störst mich nicht?!"

Bei den Penaten," rief er beinahe übermütig, von ihrem Zauber wie berauscht.Keine Fliege soll deinen Schlummer stören. Ich selber werde dein Zerberus sein und verbanne mich heute nacht auf dieses Kanapee."

Gut, morgen denn!"

Ja, morgen!"

Sie nickte noch einmal. Dann Satte sich die Dür hinter ihr geschlossen. Er aber blieb wie et» Knabe, dem eben eine Fee erschienen, von Märchenalück umsponnen zurück.

Tor, der er gewesen, sich mit Grübeleien zu plagen! Mochte kommen, was kommen mußte! Sie war sein, und sie liebte ihn!--

So hatte er noch eine ganze Weile in glückseligen Ge­danken versunken gesessen. Plötzlich klopfte es au die Dür. Hart und soldatisch. Er ging und öffnete, Iveit leiser, als es sonst seine Gewohnheit ivar, um Toskas willen.

Eine Ordonnanz stand vor der Dür. Da sei noch ein Brief an den Herrn Leutnant, der durch das Regiment ge-, gangen wäre.

Die Ordonnanz hatte sich wieder entfernt. Otto saß an dem Tisch inmitten des Zimmers und drehte den Brief in den Händen. Er war aus Genappe. Aus Genappe? Da hatte er doch keinen Bekannten. Plötzlich schoß ihm, er wußte nicht, weshalb, das Blut zu Herzen er riß den Umschlag auf. Ein« sauber gefaltete, aber nicht geschlossene Einlage fiel heraus und aus den Tisch. Der Brief selbst nur wenige Zeilen in französischer Sprache.

Mein Herr,

ich ersuche Sie höslichst, beiliegendes Schreiben, das mir zur Weiterbeförderung übersandt worden, meiner Richte Toska aushändtgen zu wollen. Mit Dank!

Eugen d'Eure."'

Eugen von Eure! Das war doch Toskas Onkel der Bruder ihres Vaters!

Ob er das Schreiben seiner Jsrau gleich hinüberreichen sollte? llicht dock)! Sie wollte doch nicht gestört sein. Gewiß, er bog de» Oberkörper nach der Türe und lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit hinüber gewiß, sie schlief schon. Alles mar mäuschenstill.

Wer wenn es etlvas Eiliges wäre? Etwas Wichtiges? Verwirrende Gedanken durchschossen sein Hirn. Dann Satte er doch ein Recht, es an ihrer Stelle zu lesen. Zumal Herr von Eure ihm das Schreiben offen eingelegt. Vielleicht war es sogar die Absicht des Oheims gewesen, daß Toskas Gatte zuerst von dem Inhalt des Brieses Kenntnis nähme. Viel­leicht, daß er sie vor drohendem Unheil bewahren konnte, wenn er--! Vielleicht daß--!

Plötzlich hatte er den Bries ausgenommen. Mit zittern­den Händen. Er war gleichfalls in französischer Sprache ab- gefaßt. Mit hochklopfendem Herzen las er:

Mein heißgeliebtes Weib!

Nach martervoller Gefangenschaft kehre ich aus Ruß­land zurück. Vergib, daß ich nicht gleich zu Dir geeilt bin. Aber nachdem ich von der schrecklichen Wendung gehört, die das Schicksal unseres Kaisers genommen, trieb es mich un­widerstehlich zu ihm nach Elba. Gefährte seines Leidens wollte ich sein, wie ich Gefährte seines Glückes gclvesen. Aber zuvor, ehe ich mich nach Elba einschisfte, begab ich mich, von meinem Instinkt getrieben, nach Wien. Ich sah und hörte von der Uneinigkeit der Mächte auf diesem Kongreß, der Europa eine neue Gestaltung geben sollte, sah und hörte, wie

sie nahe daran waren, übereinander herzusallcn. Und was meine Augen, meine Ohren vernommen, daS Überbrachte ich meinem Kaiser. Meine Worte waren der Tropfen, der de» Becher zum Ueberlaufen brachte. Sein Entschluß, der durch all das, was seine Freunde ihm aus Frankreich aus allen Ecken Europas zugetraaen, schon lange in ihm gärte, reifte über Nacht. Am Schlüsse eines Balles bei seiner Schwester Pauline gab er Befehl, alles zur Einschiffung seiner achb- hundert Soldaten, die ihm in die Verbannung gefolgt, in Bereitschaft zu setzen. Und wir schifften uns wirklich ein.. Das alte Glück ibar uns hold mein Kaiser betrat wieder den Boden Frankreichs!

Von den Landleuten wie ein Wunder angestaunt, von keinem Menschen ausgehalten, schlängelte sich unsere kleine Schar aus schmalen, halsbrecherischen Ps dm durch die Berge und Schluchten aus dem linken Ufer der Rhone. Unsere Ka­nonen hatten wir zurücklassen müssen, die Lanziers mußten zu Fuß marschieren und ihr Roß hinter sich herziehen. Der Kaiser, seinen Stab in der Hand, meist voran, dicht neben deni gähcnden Abgrund.

So strebten wir auf Grenoble zu, auf diese herrliche Felsenfeste der Daupbinö, dein ersten Ziel auf unserem Weges So a r m s el i g und doch so gewaltig durch den einen Willen, der uns beherrschte! Ach, teure Frau, was mußte ich erleben! Unfern der Festung, bis am Ende eines Engq Passes, der zwischen hohe» Felscnwänden und spiegelnden Seen sich dahinzieht, erblickten wir ein Bataillon Franzo-c sen, das erste, das uns ein feindlichesHält" entgegensetzen! wollte. Der Kaiser, der sich bereits zur Avantgarde begeben, eilte mit Polnischen Reitern und Gardejägern voraus und machte dann einige hundert Meter vor dem in Schlachtord-, nung aufgestellten Gegner Halt, um ihn mit seinem Fernglas, zu mustern. Aus einen Wink von ihm flog ich zu dem koM- niandierenden bourbonischen Osfizier und, meinen alten Kriegskameraden Dclessart in ihin erkennend, entströmten meinen Lippen feurige Worte des Beschwörcns, nnserm an« gebeteten Kaiser nicht mit der Masse in der Hand gegenüber- zutreten. Sie ließen ihn kalt. Beschämt kehrte ich zu meinein Kriegshelden zurück. Da stieg der Kaiser vom Pferde. Und indem er den treuen Gefährten seines Ruhmes, seines Leidens gebot, zurückzubleiben, schritt er allein über die Wiese, die ihn von den drohenden Gegnern trennte, und gegen diese, seine einstigen Waffenbrüder, vor. Langsam, mit gesenktem Haupte, mit über der Brust gekreuzten Armen. Ich sah, wie ein Erzittern durch die Reihen der königlichen Truppen ging ich hörte das Kommando des Bataillonskommandeuers, Feuer zu geben--

Da, in diesem Augenblick erhebt Napoleon das Haupt, und seinen grauen Oberrock aufrcißeud, unter dem die alte grüne Uniform sichtbar wird, breitet er die Arme aus.

Soldaten!" ruft er mit eherner Stimme.Gibt es einen unter euch, der auf seinen Kaiser schießen kann, der tue es! Hier bin ich!"

Die schußbereiten Gewehre senken sich tiefer, gezwungen durch unsichtbare Macht und mit einem Male füllt der brau­sende Jubelruf:Es lebe der Kaiser!" die Luft.

Die Soldaten stürzen sich auf ihren Abgott, werfen sich ihm zu Füßen, jauchzen ihm zu, berühren seine Stiesel, seinen Degen, den Saum seiner Kleider--

Der Kommandeur, im Innersten.erschüttert, bricht in Tränen aus und überreicht dem Herzensüberwindcr seinen Degen. Und der umarmt ihn.

Teure Frau es waren Augenblicke, wie keine Ewig­keit sie ergreifender gestalten kann!

Was brauche ich noch weiter zu erzählen?!

Der Rausch, der dies eine Bataillon beim Anblick seines Kaisers ersaßt, er springt wie ein elektrischer Funken üben auf das ganze übrige Regiment, das alsbald unter dom Schall der Trommel» die nahe Festung verläßt, um dem an- gebeteneu Feldherrn entgegenzueilen. Und als der Abend sich zur Erde neigt, da ist ganz Grenoble von dem Glücke! über die Wiederkehr seines Kaisers trunken. Der Festungs- kommandant und oas winzige Häuslein seiner Getreuen er­blickt das einzige Heil in rascher Flucht: die geschlossenen Tore werden unter jauchzenden Hochrufen von innen wie von außen erbrochen der Verbannte von Elba hält seinen Einzug wie ein Fürst!

Morgen, nach kurzer Ruhe, geht es nach Lyon.

Ich bin gewiß, seine Adler werden von Kirchturm zu Kirchturm fliegen, bis sie sich auf der Spitze von Notre Dame nicderlassen, so wie e r es prophezeit.