Ausgabe 
19.10.1914
 
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Die hundert Tage.

01o,i!i,n ans dem Jahre 1815 von ®J. von Witten.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Otto und Toska hatten, ganz mit sich beschäftigt, nichts von dem Zusammenkauf der Leute wahrgenomine». Sie waren vor dein ettvas außerhalb der Stadt gelegenen Gast­haus vorgesahren und halten sich in das Zimnier begeben, worin sie ihre Gäste erwarte» wollten, um von hier aus leich den angrenzenden Speisesaal betreten zu können, in eni ein einfaches Mahl gereicht werden sollte. Gleich hinter dem ihrigen waren die anderen Wagen vorgesahren, die Gäste traten ein> auf Erlens wartete inan vergebens. Endlich schlug Otto vor, zu Tisch Au gehen. Noch ahnte keiner etivas Arges,ßer vom Wagenfenster aus etwas von der Menschenansammlung bemerkt, der hatte ihr loeiter keine Bedeutung beigelegt oder geglaubt, sie damit, daß es gerade ^nntag loar, oder in einer anderen harmlosen Weise erklären zu müssen.

Eben hatte man sich niedergesetzt die Suppe war ge­rade aufgetragen, da traten Ulrich und Erdmuthe in den Saal.

-Wißt Ihr es schon, Napoleon ist aus Elba entflohen!"

Wie? Was? Unmöglich!"

Alles sprang von den Sitzen. Erlens wurden umringt. Ulrich mußte erzählen.

Toska stand, die Hand aufs Herz gedrückt, totenbleich mit großen entsetzten Augen neben ihrem bekränzten Stuhl !i allein.

Erdmuthe sah es. Sie löste sich unbemerkt aus dem) Kreis und ging zu ihr. Die tiefe, frauenhafte Güte, deh Gruudzug ihres Wesens, brach einer Blüte gleich in Erd- muthens Herzen auf und leuchtete der Vereinsamten ent­gegen.

Toska!" Die fremde AnredeMadame" wollte nicht über ihre Lippen. Ihre Stimme zitterte unter der Gewalt ihres Gefühls.Toska seien Sre stark! Was auch geschehen ist, was auch geschehen mag, Sie gehören zu Ihrem Mann! Vergessen Sie nie, was Sie heute gelobt! Wo du hingehst, da will auch ich hingehen! Tein Haus fei mein Haus dein Vaterland sei auch mein Vaterland!" Sie hatte ihr beide Hände entgegengcstreckt. Und Toska, mit fortgerissen von der Macht innerster Ueberzeugung, die ihr da entgegenströmte, legte die ihren hinein. Wortlos. Mit kaum spürbarem Druck

Gott daß es gerade jetzt kommen muß! Gerade jetzt! Gestern noch!" stammelte die junge Frau.

Soll das heißen, daß Sie gestern noch frei gewesen?"

Sie martern mich!" Fast heftig entzog sie Erdmuthe» ihre Hände und legte sie an die Schläfen.O, mein Kopf! Es ist alles so schtver für mich!" fügte sie dumpf mit ge­schlossenen Augen hinzu.Ich komme hier in eine mir ganz

fremde Welt." Ein Ausdruck trostloser Hilflosigkeit lag auf ihrem bleichen Gesicht.

Erdmuthe stand erschüttert.

Toska, ich will zu Ihne» stehen! Lassen Sie uns Freunde sein! Und glauben Sie mir, wahre Liebe besiegt alles!" Mit glühendem Beschwören flüsterten es ihre Lip­pen:Wahre Liebe ist stärker als selbst der Tod."

Da schlug Toska die braunen, tränengefülltcn Augen auf.Das ist auch meine Hoffnung !" Unwillkürlich, wie zum Gebet, rangen sich ihre Hände ineinander.Möge Gott mich nur jetzt noch vor allzu schwerer Prüfung bewahren!"

«

Bon nun an überstürzten sich die Nachrichten.

Napoleon sollte schon in Grenoble, er sollte schon in Lyon sein!

Toska von Jäger ging wie im Fieber umher. Mit tiefer Sorge betrachtete sie Otto. Bald entzog sie sich seinen Lieb­kosungen wie ein ausgeschrecktes Wild in toller Flucht; dann wieder fand er sie in starrer Apathie in irgend einem Winkel hockend und mit toten Augen rns Leere starrend. Und wieder ein andermal, als er mit liebevollem Vorwurf an sie herangetreten war, da hatte sie sich mit so ungestümer Glut an seine Brust geworfen und ihn in solcher Todesangst umklammert, als kaure da in einer Zimmerecke ein unsichd- barer Jemand, der ihr den Gatten entreißen wollte.

So war der Abend des dritten Tages hcrangekommen. Das kleine Mahl, das sie heute wie gestern allein in dem Wohnzimmer eingenommen, welches sie außer dem Schlaf- zimnier als vorläufige Unterkunst in einem hübschen alten Hause ermietet, war beendet. Wortkarg war es verlaufen. Die Magd trug eben den letzten Teller hinaus. Die junge Frau erhob sich, saltete mechanisch das weihe Tischtuch zu­sammen und legte eine dunkle Decke auf. Sie war wohl wirk­lich krank. Ihre Wangen flammten, ihre Augen leuchteten vor innerer Glut. Und doch wie schon, wie säst überirdisch schön erschien sie Otto gerade in diesem Augenblick. Eine heiße Angst erfaßte ihn. Er umschlang sie und zog sie mit sanster Gewalt an sich.

Toska," flüsterte er,vertraue mir doch an, >vas dich bedrückt!"

Sie lächelte schmerzlich in seinem Arm zu ihm aus.

Liebster ich hatte einen bösen, bösen Traum," sagte sie langsam.Und dein Freund» der Uli, sagte mir einmal, er glaube an Träume!"

Unfinn, Närrchen! Und weiter wär's nichts?" Er atmete ordentlich aus. Er hatte etwas so ganz anderes zu hören gefürchtet. Und dabei gab er sich auch schon dem prnk- kelnd wonnigen Gefühl hin, daß ^ihre zaghafte Hingebung in ihm erregte.Weißt du, aller Spuk zerrinnt, wenn man ihm fest ins Auge blickt. Willst du mir nicht deinen Traum erzählen?"

Nie! Nie!" Entsetzt machte sie sich von ihm los. Als sie aber dem ganz verständnislosen Blick ihres Mannes be­gegnete, i» deni Sorge, Zärtlichkeit und auch ein heimlich