650 —
schieden, ba nahm Otto die Erlaubnis mit, die Damen wieder aufsuchen zu dürfen. Freilich nicht hier in Andenne. Hier hatten sie, von Genappe kommend, wohin sie vor der Umwäl- »ung der Dinge aus Parts auf daS Besitztum eines Bruders des Herrn von Eure geflüchtet waren, nur Station gemacht, um dann langsam weiter nach Aachen zu reisen. Dort, in nächster Nähe ihrer einzigen Schwester, wollte Frau von Eure bis auf weiteres ihren Wohnsitz aufschlaaen. —
Aber der Abschiedsgruß, den Otto beim Aufbruch des Regimentes in der Frühe des nächsten Morgens vom Fenster aus erhielt, sollte doch für lange Zeit wieder das letzte Le« benszeichen bleiben. Otto vermochte sich dienstlich nicht frei zu machen und wagte es nicht, um Urlaub auf so weite Entfernung bis nach Aachen zu bitten. Die Beobachtungen der französischen Festungen Thionville, Longwy und Sierck nahmen die Aufmerksamkeit desUlancnregimcntes voll in Anspruch. Dazu kam ein häufiger Quartierwechscl — und Ulrich seinerseits tat alles, um zur Hinauszögerung eines Wiedersehens beizutrage», in der stillen Hoffnung, dadurch das Bild des schönen Mädchens im Herzen des Freundes immer mehr verblassen zu machen. Schließlich aber, es war von dem Städtchen Schengen aus, hatte sich Otto entschlossen, an die Angebetete wenigstens zu schreiben und die Gründe seines Ausbleibens klarzulegen. Eine Antwort aber kam nicht. Ulrich, auf dem die heimliche Liebe des Freundes mit dumpfem Druck gelastet, begann aufzuatmen. Zu früh! Nach ein paar Wochen kamen kurze wortkarge Zeilen. Toskas Mutter war
einem wiederholten Schlaaanfall erlegen. Otto war außer sich. Er erbat nun und erhielt auch ein paar Tage Urlaub, um zur Beerdigung nach Aachen zu fahren. Er brachte Toskas Einwilligung mit. in Zukunft um sie werben zu dürfen.
Mer noch immer schien Otto seinem heißersebnten Ziele nicht näher zu kommen. Toska halte sich zu ihrem Onkel nach Genappe begeben, und auf all seine Briefe erhcecc er ent« weder gar keine oder nur kurze, gequälte Antworten. Bis endlich Erdmuthe, die aus Königsberg eingetrosfen war, dem heimlichen Drängen Ottos nachgab und Toska zu sich in ihr provisorisches Soldatenheim nach Schengen einluo. Selbst Ulrich hatte sich schließlich damit einverstanden erklärt in der vagen, selbst Erdmuthe verschwiegenen Hoffnung, daß in einem nahen täglichen Beisammensein den beiden jungen Leuten am ehesten die Augen über das große Wagnis einer Ehe miteinander aufgehen würde. Aber Ulrich hatte sich gründlich getäuscht. Als am letzten Tag des Februar das Regiment einem erneuten Quartierwechsel unterworfen
wurde, da gab Fräulein von Eure dem Werben Ottos nach. Er erhielt ihr Jawort und die Zusicherung, daß sie ihm mit Erdmuthe in aller Kürze nach Beltemburg folgen werde, um
dort ihre Ehe einsegnen zu lassen. --
Ulrichs tief gesenktes Haupt ruckte auf. Die Worte der Trauformel schlugen an sein Ohr. Eine siedende Angst schoß ihm zu Herzen. Ihm war, als müsse er aufspringen, dazwischen treten! — Tor, der er war! Wvs hatte er den beiden zu gebieten?! Da klang Ottos „Ja!" fest und aufrecht durch den Raum — dann Toskas weiches, heimlich Vibrierendes und doch so ans Herz greifendes „Ja". Es ivar aeschehen! Mit einem dumpfen, mühsam unterdrückten Aechz- laut sank Ulrich wieder in sich zusammen.
Da fühlte er, wie Erdmuthe, die neben ihm saß, nach seiner Hand suchte, wie sie seine Rechte mit warmem, tröstene- dem Druck umschloß. Es tat ihm unbeschreiblich wohl. „Du! Du!" winkte er mit den Augen ihr zu.
Oraelklänae schwebten durch das Gotteshaus.
„Was quälst du dich so?" flüsterte sie, sich ein wenig zu ihm neigend. „Sie ist gut — ist ein vornehmes, edles Geschöpf!"
Gr nickte. „Du hast recht. Aber gerade deshalb!" Er nestelte an seinem roten Kragen. „Wenn eS doch nur erst zu Ende wäre!" Er hatte das Gefühl, als wankten die Mauern der kleinen Kirche, als drohten sie über ihn hinzufallen. —
Endlich war es zu Ende.
Dicht hinter dem Brautpaar trat er mit Erdmuthe aus dem Portal.
„Laß uns gehen!" bat er, dem Wagen abwinkend. Und lauter, als sei er verpflichtet. Umstehenden eine Erklärung zu geben, fügte er hinzu: „Der Weg ist nicht weit."
Doch niemand hörte ihn. Das bemerkte er erst, als er die Worte gesprochen. Die Menae, die vorhin bei der Anfahrt das Kirchlein umstand, hatte sich verlaufen. Aber auf dem Platze staute sich ein MenschenknSuel. Und der wuchs und wuchs, während Ulrich darauf hinblickte.
„Erdmuthe, komm", sagte er dumpf, den Säbel fester fassend. Eine qualvolle Spannung lag auf seinem Gesicht.
An seinem Arme folgte sie festen Fußes seinen raschen Schritten. Mitten in die aufgeregt gestikulierende Mengt hinein.
„Leute, was ist los?"
„Der Korse —! Dieser Tyrann —l Dieses Ungeheuer! Der...!" schrie und fluchte eS durcheinander. Drohend ge« baUte Fäuste fuhren durch die Luft.
„Was ist mit ihm?"
„Er ist entwischt! Ausgeknisfen von Elba!"
„Ah —!" Ulrichs Körper straffte sich. Den Säbel an sich gedrückt, mit glutsprühenden Augen, wie zum Kampfe aus Leben und Tod bereit, stand er in der Menge.
Seine Ahnung also Wahrheit!
Und doch rief er gegen seines Herzens innerste lieber-,
zeugung:
„Leute, — Ammenmärchen! Weiberaewäsch—I"
„Wahrheit, Herr Rittmeister! Wahrheit! Während des Gottesdienstes ist eine Stafsette aus Remich von Herrn General Jürgaß eingetroffen", scholl es zurück.
„Die wird euch gerade auf die Nase binden, was-- “
„Und gleich daraus fuhren Landleule in den Ausspann. Aus der Gegend von Longwy und Thionville her. Die brach« ten es mit. Lassen sich draus hängen!"
Ulrich hörte schon nicht mehr. In stürmender Hast schritt er davon. Willig machten ihm die Leute Platz. Erdmuthe folgte. Er hatte sie ganz vergessen.---
Bald daraus stand Ulrich vor seinem Oberst, mit denz ihn ein mehr kameradschaftliches als dienstliches Verhältnis verband.
Die straffe, aufrechte Gestalt mit dem schneeweißen, kurzgeschorenen Haupthaar, dem sehnigen Antlitz, der braunen, eckigen Stirn, unter der über einer kräftigen Nase und einem starken Schnurrbart die schmalen Augen scharf hervorblitzten, schritt durch das kahle Zimmerchen, das als Wohnranm diente, in sichtlicher Erregung auf Ulrich zu und streckte ihm' die Rechte entgegen.
„Haben Sie auch schon Wind bekommen? Natürlich! Wände haben Ohren!"
„So ist es also wirklich wahr?!"
,/So wahr, wie wir beide hier voreinander stehen! Der Campbell, — statt ihn in Elba zu überwachen, — besuchte sein Liebchen in Livorno oder da herum. Da hat er sich ausgeschifft. Mit siebenhundert Mann. Unerhörte Kühnheit das! Verzweiflungstat!"
„Aber die englische Flotte —?"
„Hat nicht ausgepaßt! Segelt da im Mittelmecr herum und läßt den Korsen entkommen! Das ist doch zum--"
„Weiß man, Herr Oberst, wohin er sich ausgeschifft?"
ist er in Südsrankreich
Es wurde geklopft. Eine Ordonnanz trat ein. Herren voiw Stabe wurden gemeldet. Ulrich Erlen nahm die Hacken zusammen und verabschiedete sich. Unten auf der Straße, itt der die Leute aufgeregt durchcinanderliefen, erioartete ihn Erdmuthe. Schweigend schritt sie neben ihm her. Sie hatte auf seinem Gesicht alles gelesen. Sie kannte ihn zu genau. Während ani ganzen Körper jede Sehne gestrafft geblieben, war doch der qualvolle Ausdruck aus seinen Zügen verschwunden. Ein erlöstes Aufatmen, eine weihevoll-trotzige Entschlossenheit prägte sich nun darin aus.
So bogen sie wortlos, aber wie auf Verabredung in eint Nebengasse ein.
Endlich sagte Ulrich:
„Noch einmal ein Kampf auf Leben und Tod!"
„Du glaubst —?"
Er fuhr herum und blickte sie fast drohend an.
„Kannst ou zweifeln?! — Solange er am Ruder steht, at&t es keinen Frieden. Kann es keinen geben. Hier gibst es für ihn wie für uns nur Sieg oder Untergang."
Erdmuthe senkte fast beschämt das Haupt. Wie hatte nur der Schatten eines Zweifels sich in ihr Herz stehlen wollen?! Das hatten die verflossenen Jahre doch nur zu überzeugend bewiesen: Solange ein Napoleon Bonaparte auf dem Thront Frankreichs saß, gab es keine Freiheit der Nationen! Und wer das Joch nicht knechtisch tragen wollte, dem blieb keine andere Wähl als das Schwert! Wer in den vergangenen Kriegsjahren hatte das berauschende Bewußtsein, den heißgeliebten Mann in einem heiligen Kampf dahinzugeben, die Angst, ihn verlieren zu können, nicht aufrommen tziü
„Aber natürlich! Am 1. Mai gelandet. Im Golf von St. Juan!"


