Ausgabe 
17.10.1914
 
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samstfld. den 17 Astaber

1914 Nr. J58

Die hundert Tage.

Roman aus dem Jahre 1815 von M. von Witten.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Am Nachinittag schleuderten Ulrich und Otto durch die Anlagen, um miteinander in aller Stille noch einmal das große Ereignis der Einnahme von Paris zu durchleben. Plötzlich trat aus einem der dichten Buschwerke eine schlanke, leicht verschleierte Dame. In reinstem Deutsch bat sie, vor allem gegen Otto gewandt, um Schutz für sich und ihre erblin- bete, halb gelähmte Mutter. Sie sei in dem Schlößchen er- ogen, ihre Mutter habe sie besucht da sei die Kunde von em Anrücken der Feinde gekommen alles habe die Flucht ergriffen. Sic aber habe ihre Mutter nicht verlassen ivollen, habe sie jedoch auch nicht weiter als bis zu diesem Gebüsch zu bringen vermocht. Eine rührende Unschuld, eine bestrickende Anmut hatte über dein jungen Geschöpf gelegen, von dessen Haupte - ivar es nun durch Absicht oder Zufall geschehen der Schleier langsam herabgeglitten war. Ottos Blicke hatten wie gebannt an dem Fräulein gehangen. Mit fliegenden Wor­ten versicherte er sie seines Schutzes, und im nächsten Augen­blick schon sah er sich von ihr in das Buschwerk gezogen, in em sie die Mutter geborgen. Bald darauf waren sie wieder erausgetrclen.' die bei aller Ehrwürdigkeit rührende Gestalt einer Matrone, die der schwermütige Schimmer verblaßter Schöicheit und noch nicht verivundenen Leides umspielte, in­mitten der beiden jugendlich kraftvollen Gestalten von ihren Armen mehr getragen als gestützt.

Eine Stunde später hatte Otto die beiden Damen nach Paris hineingeleitet, wo Frau von Eure eine schloßartige Villa besaß. Und fast schien es, als solle Toskas holdselige Erscheinung wieder so plötzlich aus Ottos Leben verschwinden, wie sie darin aufgetaucht. Denn schon tags daraus zog die Ar­mee der Verbündeten gegen Fontainebleau stkapoleon wurde zur Abdankung gezwungen König Ludwig XVIII. kehrte auf den Thron seiner Väter zurück. Toska aber war niit

i hrer Mutter aus Paris, zum mindesten aus ihrem Schlöß- hen verschwunden. Alle Nachforschungen Ottos blieben ver­gebens. Und am Osterseiertage brach die gesamte Armee von Paris auf, um bis zum Abschlüsse eines endgültigen Friedens Kantonierungen im Norden und Osten des Landes zu be­ziehen. Dann wurde der Pariser Friede verkündet Frank­reich, das seine Grenzen von 1792 wieder erhielt, wurde ge­räumt. Aber die anstoßenden Gebiete, die Länder an der Maas und Mosel, die Länder am Rhein, die sollten von den verbündeten Heeren besetzt bleiben, bis sich die Fürsten aus einem in Wien tagenden Kongreß über ihr Schicksal geeinigt haben würden, und die branüenburgischen Ulanen wurden chließlich dazu bestimmt, im .Großherzogtum Luxemburg Quartier zu beziehen.

Da, auf dem Marsch nach der Mosel, zwischen Lüttich pnd Namur, da war es, wo Toska von Eure wieder vor Ottos

Augen trat. Eines Nachmittags, als das Regiment das Städtchen durchzog, wo cs die Nacht verbleiben sollte, da hatte an dem halbgeöffneten Fenster eines allen behäbigen Gast­hauses eine junge Dame gestanden Toska war es gewesen. Und Otto hatte sie erkannt. Ein jähes Erröten, ein süßes Erschrecken, ein Grüßen, hinüber herüber. Eine Stund« später, nach endlich beendigtem Dienst, hatte er sich wieder niit dem Freunde, der sich nur mit Widerstreben dazu ent­schlossen, auf dem Wege nach jenem Gasthause befunden. Trotz der vorgerückten Zeit waren sie von Frau und Fräulein von Eure empfangen worden.

Eine wundersame Stunde war's gewesen. Ulrich fühlte noch jetzt den Zauber, der über ihr gelegen. Die alte blinde Frau im hochlehnigen Armstuhl, die holdselige Tochter an ihrer Seite, von dem weichen Kerzenlicht der alten vene­zianischen Wandleuchter umspielt, in das sich der sanfte Schimmer der Hellen Juninacht mischte. Süße Rosendürfte schwebten durch die halb geöffneten Fenster herein eine Nachtigall schluchzte. Erlebnisse Vergangenheiten wurden wie durch Zauberformel lebendig, immer weiter öffneten sich die Herzen den zuströmcnden Gefühlen. Ein fragend htn- geworfcnes Wort der Mavrone lenkte die Unterhaltung auf den Zusammenbruch in Rußland, in dem sie glaubte, den Gatten verloren zu^haben. Funken springen mit magische« Schwungkraft von Seele zu Seele Ottos Zunge wird be­redt. Mit immer beflügelteren Worten erzählt er, wie die Brandenburgischen Ulanen, die ja der Reservckavallerie unter Murat zugeteilt, oft unter den Augen Napoleons, in nächster Nähe seiner Garden, im Feuer gestanden. Mit kurzen Flam- mcnworten rollt er die blutige Schlacht von Borodino, den Brand von Moskau den schauerlichen Rückzug durch die Eisfelder Rußlands vor dein geistigen Auge seiner atemlos lauschenden Zuhörer auf. Und plötzlich kommt es wie eine Erleuchtung über ihn, daß sie in Wilna mit einem Oberst der alten Garde zufällig etwas näher bekannt geworden, der mit seinem kläglichen Häuslein wenige Stunden später von einem Trupp Kosaken umringt und gefangen genommen und der den Namen Philipp von Eure getragen. Mit Tränen in den Augen erkannten Mutter und Tochter in ihm den Gatten und Vater. Noch in Miilna war er lebend gesehen worden! Neue Hoffnung lebte im Herzen der Matrone auf, den Heißgeliebten, schon als tot Betrauerten vielleicht doch noch einmal in die Arme zu schließen. Deni aber, der diese Hoffnung in ihr erweckt freilich absichtslos und ohne sie eigentlich zu teilen, wußte sie innigen Dank dafür. Wie verklärter Abendsonnenschein breitete es sich über ihre mil­den, gramdurchfurchtcn Züge. Toskas enrpsängliche Seele aber flog über Abgründe und trennende Schrecken hinweg diesem jungen Preußen zu, der Seite an Seite niit ihrem angebeteten Vater gefochten, der ihr von ihm den letzten letzten Gruß zu bringen schien. Und Ottos Seele flog jauch­zend der ihren entgegen. Unzerreißbare Fäden wurden heim­lich-unsichtbar gesponnen Ulrich suhlte das nur zu wohl.

Als die beiden Freunde endlich von Mutter und Tochter