Ausgabe 
15.10.1914
 
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Ulrich vermochte ihr nicht zu folgen. Tr konnte trotz >rößter Willensanstrengung seine Gedanken nicht darauf kon- «ntrieren. Wie der Alp eines nahenden Unheils lag eS auf einer Brust. Um sich zu zerstreuen, hob er die Augen und ieß sie über die kleine Gesellschaft schweifen.

Alles liebe, vertraute Gesichter, mit denen die Vergan­genheit ihn und Otto aufs engste verband. Er sah sich plötz­lich wieder mit ihnen in der Schlacht an der Katzbach sah ich wieder im wilden Kricgsgetümmel bei Möckern-LeipzigI ie die Löiuen hatten sie da gekämpft einer für alle, alle r einen, um die verlorene Freiheit wieder zu erringen und en Tyrannen in den Staub zu werfen. Und nun dieser remde Blutstropfen in ihrem Kreise, sie, die der eigene /ater, wie sie selbst erzählt, zu diesem Tyrannen wie zu

J ineni Halbgott hatte aufzublicken gelehrt. Und fremd würde ie bleiben. Das hatte ihm ihre kühle Zurückhaltung seiner eurigen Bitte gegentlber eben nur zu deutlich bewiesen. Da war aller künstliche Selbstbetrug, da war alle Hoffnung, daß es einst anders werden könnte, jäh in sich zusammengesunken. Wo in aller Welt hatte er nur seine fünf Sinne gehabt? Er war mitschuldig, wenn der Freund unglücklich wurde! Liebende sind immer blind Nachtwandlern gleich. Er aber hatte doch seine hellen Augen, seinen klaren Verstand k Vor nun fast einem Jahr, kurz nach der Schlacht von Paris >m 20 März, da hatte es begonnen. Die Hauptstadt hatte apituliert, Napoleon sich nach Fontainebleau geflüchtet. Die "konarchen von Rußland und Preußen hatten an der Spitze .rer Garden und Grenadiere ihren feierlichen Einzug in ie Stadt gehalten. Der übrige Teil der verbündeten Heere bezog Quartier im weiten Kreise um die Hauptstadt herum das Ulanenregiment biwakierte bei Courcelles in der Nähe der Seine, eine halbe Stunde vor den Toren vor Paris. Dre Ofsiziere nahmen, geradezu trunken vor Glück über diesen Ausgang des Krieges, in dem kleinen Schlößchen Quartier. Es gab viel Lachen und Scherzen dabei und manche köstliche Situation. Denn das Schlößchen hatte bis dahin einer Er­ziehungsanstalt für junge Damen zur Heimstätte gedient. Erzieherinnen und Zöglinge aber hatten anscheinend in toller Eile vor den heranziehenden Barburen die Flucht ergriffen. In holdem Wirrwarr lagen tausend süße Mädchendinge noch n den Zimmern umher.

(Fortsetzung folgt.)

Aus dem teben König Larols.

Keiner unter den Herrscher» Europas hat eine solche Fülle «ontantischcr Wagnisse und Kämpfe durchlebt, wie der dahinge- Mi»gene Schöpfer der rumänischen Königsmacht. Vom deutschen Prinzen und preußischen Leutnant zum mächtigen Beherrscher eines Reiches, den, er eine imponierende Stellung im europäischen Konzert geschaffen, von Düppels Schanzen, wo er die Feuer­taufe erhielt, brs zu den Schlachtfeldern von 'Plevna und Smrdrn, wo « als überlegener Feldherr sein Heer führte, von der Heimat- stadt Signwringen bis zur Königsresidenz Bukarest es ist «in weiter Weg, den dieser kluge und kühne Fürst durchmessen wußte, es ist zugleich eine glanzvolle Laufbahn, wie sie wenigen Sterbttct>en beschiedeu. Gebührt der Mannesrcifc und dem Greisenalter Carols der Ruhm, in unermüdlicher Sorge für sein Land die Grundlage von Rumäniens Größe geschossen zu haben, so ist seine Jugend die Zeit ib-cr Abenteuer, und wie ein wannendes Märchen Mutet die Geschichte seiner Wahl und seiner Thronbesteigung an, an die wir hier erinnern wollen.

Es war im Kriegsjahr 1866; aber noch herrschte Frieden, und zum Gebuttstag Körrig Wilhelms hatten sich all seine Ver­wandten in Berlin versammelt. UMer ihnen befand sich auch mit seinem Vater, dem Fürsten Karl Anton von Hohenzollern, und seinem älteren Bruder, deni Erbprinzen Leopold, Prinz Karl von Hohenzollern, der als Premierleutnant beim preu­ßischen zweiten Garde-Dragoner-Regiment stand. Zur Fcrer des Osterfestes erhielt er darauf Urlaub nach Düsseldorf, und hier erschien plötzlich der rumanytye Abgesandte Joan Bratranu, der vom Fürsten Karl Anton zur Tafel gezogen wurde. Während der Fürst von seinen Plänen unterrichtet war, sah ihn der Prinz zum erstenmal bei Tisch, wo ihn Brattanu mtt den Wotten be-

e ßte:Dian hat mir viel von Eurer Hoheit in Paris ge- chm, wo man mir sagte, Sie waren in Berlin. Ich bin äiücklich, durch einen guten Zufall Eure Hoheit schon hier zu finden." Der Prinz, der seine Mission ahnte, ernnderle, daß er in zwei Tagen zu seinem Regiment zuruckkehren müsse, uird fügte hinzu:Umsomehr, als wir Krieg bekommen werden." Es widersprach seineni patt io tischen Gefühl, sein Vaterland in einem solchen Augenblick zu verlalsen; aber als daraus Bratianu tu per­sönlicher Midienz bei ihm erschien und ihm die Krone RuinänicnS «ntrug, lehnte er nicht direkt ab. Freilich nahen er noch weniger

an, !ünd fein Erstaunen war daher grenzenlos, als er 14 Tag« später mit seinen Regimentskameraden tm Kasino saß, die Zer­rung gebracht wurde und folgende Depesche darin stand:Bu­karest, 1./13. April. Heute haben Statthalterschaft und Mini­sterium mittelst Anschlag an den Straßenecken den Prinzen Karl von Hohenzollern unter dem Namen Karl I. zum Fürsten von Rumänien vorgeschlagen; es geht das Gerücht, der Prinz werde demnächst hier eintrefsen. Die Bevölkerung scheint darüber voller Freude zu sein." Abends im Opernhause begrüßte den bestürzten Thronkandidaten Prinz Karl von Preußen scherzhaft alsTür­ken"; Köllig Wilhelm äußerte schwere Bedenken, aber Bismarck riet ihm, direkt nach Rumänien abzureisen und vom König nur einen Urlaub ins Ausland zu erbitten. Als Ministerpräsident müßte er sich entschieden gegen die Annahme der rumänischen Krone aussprechen, da Preußen durch jede offizielle Unterstützung in schwere Konflikte mit Rußland und der Pforte verwickelt wer­den könne, aber als Freund gebe er ihm den Rat zu eigenmäch- ttgem Handeln; mißlinge der Coup, so bleibe ihm immer noch die Erinnerung an einpikantes Abenteuer". Prinz Karl, der wußte, daß nur entschlossenes Handeln die Sache zum Austrag bringen könnte, faßte nun gegen den Willen der in Paris tagen­den Konferenz den Enffchluß zur Annahme und bat um Urlaub nach Düsseldorf, den ihm der König mit den gerührten Wotten: Gott behüte dich!" gab. Dem Fürsten Karl Anton teilte er mit» daß der Prinz bei einem eventuellen Ueberschreiten der preußv-

K Grenz« seinen Abschied einreichen müsse, da er nicht im blick der Mobilmachung als preußischer Offizier außer Lan­des gehen könne. In Düsseldorf wurden mit Bratianu die end- gültigen Besprechungen gepflogen und der Plan zur raschen Reise ««saßt.

In der Morgenfrühe des 11. Mai, als noch alle Bedienten rn der Residenz des Fürsten Karl Anwn zu Düsseldorf schliefen, packt« Pttnz Karl selbst seine Sachen. Ein kurzer Abschied von den Eltern; dann ging es hinutcr zum letzten Male in preußischer Dra- goner-Umform er umarmt noch den jüngsten Bruder und sprengt dann davon, als gelte es einen Spazierritt, niemand durste ahnen, daß der neue Fürst von Rumänien in diesem Augenblick die Reise in sei» Reich anttat. Nicht ohne Bewegung vertauscht er dann bei seinem ältesten Bruder in Schloß Wenrath dre preußische Uniform mit einem Zivilanzuge, und dann geht die Fahrt in Be­gleitung weniger Vertrauter nach der Schwerz. Unterwegs werden die Namenszüge aus der Wäsche getrennt, die Krone über dem C am Necessaire des Prinzen abgekratzt. Vom Landamman Elpli bekommt er einen Schwerzer Paß, lautend aus den Namen Karl Hellingen mit dem Signalement:Blaue Augen, dunkle Haare, scharf geschnittene Adlernase, dunkler Flaum auf Wange und Ober­lippe, schlanke Gestalt und Brille", welch letztere der Pttnz sich -»gelegt hatte, um sich ganz unkenntlich zu machen. Ans der Rttse durch Oesterreich, wo die Bahnhöfe mit dem zur Mobilmachimg ttlenden Militär überfüllt sind, ist er unzählige Male in Gefahr, erkannt zu werden. Aus der letzten österreichischen Eisenbahnstation muh er zwei Tage aus die Ueberfabrt über die Donau warten, während jede Stunde länger in der österreichisch-ungarischen Mo­narchie die Gefahr des Entdecktwerdens vergrößert. In dem klttnen schmutzigen Wirtshaus erzählt man sich allerltt bon dem neuen Fürsten, was nicht gerade hoffnungsvoll klingt:Der wird sich bald ebenso unmöglich machen wie der Cnsa" oder:Es wird nicht lange dauern, dann jagen ihn die Walachen davon!" Endlich er- vlgt die Fahrt nach Belgrad und von dort weiter. Zwischen Fracht- 'äcken schreibt der Fürst von Rumänien an Kaiser Franz Josef, er die Krone .nicht in feindlicher Absicht gegen Oesterrttch annehme. Nachmittag den 20. Mai legt das Schiss an der ersten rumänischen Stadt an; über die Landungsbrücke vonTurnu-Severin schreitend, setzt Prinz Karl den ersten Fuß auf den Boden sttnes Reiches; seine Untertanen, die neugierig ringsherum stehen, ahnen

nicht, daß ihr neuerwähller Fürst da an ihnen vorüberschrertet----

Drei Jahre harter sorgenschwerer Arbttt liegen hinter dem jungen Herrscher: durch unüberwindlich scheinende Hindernisse, durch die Wogen der ringsum hocherregten Politik hat er das Schiss seines Staates sicher gesteuett. Nun, glttchsam im ersten srtten Augenblick, da er sein Land beruhigt verlassen kann, wird er eine andere wichtige Aufgabe ersüllen; seinem Reich die Herr- schettn schenken. Und er ahnt auch schon, wer das sein soll. Sein alter tteuer Freund und Berater, Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, der mit ihm in Baden-Baden zusam- mentrrfst, rät ihm dttnqend,alle andern in Frage kommenden Partien auszugeben und sich um die Prinzessin Elisabeth von Wied zu bewerben: Er kenne sie genau, sie habe eben soviel Geist wie Herz, edles Stteben und einen unwiderstehlichen Liebreiz." Ter Kronpttnz will eine Begegnung vermitteln, ohne daß die Prinzessin etwas ahnt. Fürst Carol fährt unterdessen in wichttgen Geschäften nach Patts, und als er Kaiser Napoleon vo» seinem Plan Mitteilung macht, erklärt dieser sein Einverständnis mit den Worten:Die deutschen Prinzessinnen sind ja so gut erzogen!" Ter Kronprinz, der sich auf der Reise nach Konstanti­nopel befindet, telegraphiert aus Venedig, daß das Rendezvous mit der Fürstin von Wied am 12. Oftober in Köln vereinbart sei.

t u verabredeter Stunde trifft der Fürst ttn, und der pttnlich« ugenblick der ersten BegegPing ist schnell und angenehm über­wunden.In ihrer lebhaften und unbefangenen Att" lesen wir in denAufzeichnungen ttnes Augenzeugen",erkundigt sich die