Ausgabe 
15.10.1914
 
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Ihre Seele verstand ihn. Schauer durchrieselten sie. Schauer tiefer bräutlicher Seligkeit, doch zugleich Schauer eines heimlich zitternden Grauens: wenn es das Schicksal nun d o ch an ihr rächen würde, daß sie sich ihm zu eigen gab? Aber die Seligkeit siegte.

Komm!" flüsterte sie mit bebenden Lippen.

Da wurde die Tür von neuem geöffnet. Geräuschvoll und in freudiger Hast.

Vorwärts, Kinder! Wo steckt ihr denn? Zum töte ü Me habt ihr später noch Zeit genug!"

Ulrich und Erdmuthe Erlen traten ein.

Nun, Hab' ich Ihre Braut nicht schön geschmückt?" fragte sie mit einem frischen Lächeln, das die gesunden Zähne sehen ließ, indem sie neben Tvska trat.

Ottos Blick umfing einen Augenblick lang beide grauen. Welch ein Gegensatz! Der ganze Zauber geheimnisvoller Weiblichkeit schien über Toska ausgegossen. Erdmuthens hagere, eckige Gestalt im schwarzseidenen Kleide, ihr grau­weißes, scharfkantiges Gesicht mit dem straffanliegenden asch­blonden Haar schien ihm ohne jeden Charme und nur be­stimmt, das Bild seiner Braut zu heben.

Ulrich Erlen aber empfand anders. Auch sein Auge ruhte auf den beiden. Toskas reizvolle Erscheinung erweckte in ihm

J ieute in noch höherem Majße als sonst jene prickelnde, be- lemmende Unrast, jenes unheimliche Bangen um den ge-

i lebten Freund, das er so oft in ihrer Nähe empfunden. Bei krdmuthe war gütige durchsichtige Klarheit, war tiefer, müt­terlicher Frieden.

Heißt Ihr Schweigen etwa: nein?" fragte die jetzt mit einem humorvollen Aufblitzen ihrer hellen Äugen in die Stille hinein.

Es heißt, daß man einen Bräutigam nicht so dumm kragen muß," nahm Ulrich fast ärgerlich das Wort.Eine Braut ist dem Geliebten stets der Inbegriff alles Schönen. Muß es sein! Selbst, tvenn sie in den Augen anderer" Eine Nachteule ist!" warf Erdmuthe schelmisch ein. Selbst dann! Ihm muß sie der Sonnenvogel sein" Ulrichs blauschwarze Äugen taten sich unter den vorsprin­genden buschrgen Brauen weit auf. Ihre Lichter fluteten mit warmem Glanze in die helleren seiner Frau und in ihre jauchzende Seele hinein.

--und bleiben?" fragte sie mit einem Erröten, das

sie für Augenblicke mit frauenhafter Anmut umkleidete. In Ewigkeit!" bejahte er mit leuchtendem Ernst. War das nun eine Liebeserklärung?" fragte Toska scherzend.

Eine ganz regelrechte, Fräulein von Eure! Ach, Kin­der, ich muß meinem vollen Herzen einmal Luft machen! Nehmt euch ein Beispiel an uns alten Leuten...!" Voll tiefer Erregung wandte sich Ulrich dem Brautpaare zu. Fräulein Toska, ich übergebe Ihnen heute meinen Freund, meinen langjährigen Wafsengefährten, den ich wie einen Bruder liebe. Nein, das Wort Bruder ist ein zu schwacher Ausdruck für mein Empfinden! Aber ich finde kein anderes. Ungezählte Leiden auf Rußlands Schneegefilden himmel­stürmende Freuden, trotz aller Not und Gefahr im Kampfe wider den Korsen das hat unsre Herzen aneinanderej geschmiedet wie die Glieoer einer Kette. Erdmuthe, meine Erdmuthe, war die dritte im Bunde. Heute treten Sie, Fräu­lein von Eure, als vierte in unfern Kreis. Vergessen Sie. alles, was draußen, was hinter Ihnen liegt." Beschwörend ergriff er die Hand.Gehören Sie fortan ungeteilt, mit ganzer Seele zu ihm> zu uns! Machen Sie ihn glücklich!"

Toska war leicht erblaßt. Fast unmerklich war sie vor diesem plötzlich so stürmisch hervorbrechenden Werben zurück-

B nchen. Ihr Herz öffnete sich ihm nicht es verschloß eher davor.

,^Jch »kill es versuchen", sagte sie leise. Aber es wehte ein fröstelnder Hauch durch ihre Stimme.

De-r sensitive Ulrich stand betreten, verletzt. Otto fühlte es; er fühlte aber auch in Toskas Seele.

Laß' mir mein Bräutchen heut in Ruh, Großer!" wehrte er ab.Sie werden dirs schon zeigen, daß sie meitt ist ganz mein!" Dabei legte er ihm, demGroßen", der doch um einen halben Kopf kleiner war, die Hand wie bittend auf die Schulter.Und nun kommt! Der Gottesdienst ist aus. Die Glocken beginnen schon wieder zu läuten."

Gin paar Augenblicke später fuhren sie durch die saube­ren Straßen der katholischen Kirche zu. Sie war für diese Stunden den brandenburgischen Ulanen zum protestantischen Wottesdienst eingeräumt.

Toska gehörte durch ihre Mutter, die eine Deutsche war, dem evangelischen Bekenntnis an.

Der junge Rittmeister saß mit seiner Frau im ersten Wagen; das Brautpaar im zweiten.

In düstrem Schweigen starrte Ulrich vor sich hin. Erd­muthe betrachtete ihn. Wjemi er so dasaß, wie eben jetzt, mit vorgebeugtem Kopf, die Lippen unter dem schwarzen Schnurr­bart fest geschlossen, die Lider unter den vorspringenden schwarzen Brauen tief über die Augen gesenkt, dann war etwas Fanatisches in seinem runden, schmalstirnigen Ge­sicht; man sah, daß dieser Mann alles, was ihm das Leben auch immer entgegenbrachte, mit heißer Leidenschaftlichkeit erfaßte. Er machte sich das Leben nicht leicht.

Wenn er nur glücklich wird!" wurden seine Ge­danken laut.

Aber Ulrich! Warum sollte er nicht! Wie konntest du nur...!" Mütterlich erfaßte Erdmuthe seine Hand.

Du hast recht! Ich war wieder einmal täppisch wollte sie im Sturm erobern!" Abgerissen, stoßweise kamen die Worte. Dablei fuhr er sich mit der Rechten durch dqsi volle schwarze Haar.Aber wenn du wüßtest wie mein Herz an ihm hängt'! Und sie! Diese Fremde! Uw- natur ist's!"

Ulrich sie haben sich lieb!"

Unnatur jst's trotzdem", beharrte er.Er ist ein Preuße. Sein ganzes Denken und Empfinden wurzelt in seinem Vaterlands. Preußens schmachvolle Demütigung, Preußens glanzvolle Erhebung sind für ihn wie sür einen jeden von uns zum eigenen Schicksal geivorden. Napoleon', der Preußen geknechtet, ist unser persönlicher Feind. Unser Leben ist verankert in der Feindschaft wider ihn. Und sie! Sie hat mit der Muttermilch die Vergötterung sür diesen Höllensohn in sich gesogen!"

Ulrich, dn siehst zu schwarz. Ihre Mutter war eine Deutsche"

Und ihr Vater ein Offizier der alten Garde Napo­leons."

Er ist tot!"

Tot?" Brüsk wandte er sich zu ihr herum. Der Säbel klirrte an seiner Seite.Wer sagt das? Otto glaubt« Toska glaubt es ich glaube es immer noch nicht! Ich sah nur, wie er auf dem entsetzlichen Leidenswege von! Wilna nach Kowüo den Kosaken in die Hände geriet. Mehr weiß kein Mensch. Wvnn er plötzlich wieder auftauchto und vor seine Tochter hinträte! Wvnn der Korse plötzlich wieder in Frankreich erschiene!"

Ulrich! Dein Pessimismus treibt dich ins Uferlosei"

Liebe macht hellseherisch. Ich glaube an Träume. Dt« Fühlsäden unserer Seele schauen mit scharfsichtigen Augen lange voraus, was als Wirklichkeit in die Erscheinung treten wird. Daß ich ihn vor dieser Ehe hätte bewahren könnenl"

Du bist außer Dir!" Sie versuchte, ihn sanft an sich zu ziehen. Mjit stiller gütiger Liebkosung strich sie über sein dunkles Haar. Wieder und wieder. Die Berührung ihrer leichten kühlen Hand beruhigte ihn.

Vergib", murmelte er, die Augen schließend.Ver­gib! Aber wem sollte ich mich anvertrauen, wenn nicht dir?"

Der Wagen hielt. Sie stiegen aus. Er reichte ihr den Arm und schritt mit ihr durch die M^nge, die sich au/f die Kunde von der bevorstehenden Trauung vor der Kirchtüp angesammelt. Die blaue, mit dem eisernen Kreuz geschmückte Ulanenuniform mit ihrem Kragenrot, ihren Goldschnüren und dem Federtschako stand ihm sehr gut: obwohl er nicht schlank und hochgewachsen, nur mittelgroß und eher etwaA untersetzt war. Die hagere Erdmuthe war von gleicher Größe. Manch einer wunderte sich, daß er nicht eine hübschere Frau genommen

In der Sakristei fanden sie schon die anderen Gäste vor; zumeist alles Ofsiziere von demselben Regiment. Auch zwei ihrer Damen, die wie Erdmuthe aus der Heimat gekom­men waren, um sür kurz« Zeit wieder einmal in der Nähe! ihrer Gatten zu sein. Denn die drei preußischen Armeekorps, die 1814 in Frankreich gefachten, waren wie die meisten anderen Truppen der Verbündeten noch auf Kriegsfuß verblieben. Jetzt trat das Brautpaar ein. Ein kleines Zug bildete sich inan schritt in das Schiff der Kirche, iu der noch die Ulanen weilten, die zuvor am Gottesdienst teth> genommen. Unter Orgelklängen nahm man am Altäre Platz. Die Rede des Predigers begann.