Die hundert Tage.
Roman aus dem Jahre 181b von M. von Witten.
(Nachdruck verboten.)
Eine milde Märzsonne des Jahres 1815 stieg mit rötlich-gelbem Licht am klarblauen Himmel empor. Der zartgrüne Schleier des jungen Frühlings lag schon über den Feldern und über den sanften Höhen, zwischen die das kleine Städtchen Bettemburg eingebettet war. Lenzfrohes Hoffen atmete die festtägliche Stille. Aus allen Ritzen und Spalten guckte der Frühling. Aus jedem Strauche, aus jedem Baum lugte er mit leuchtenden Augen heraus.
Sonntag war es.
Leutnant von Jägers adlerscharfer Blick umfaßte, aus dem kleinen Fenster eines sauberen Gasthoszimmers hin- ausschweifend, das anmutige Bild. Unbewußt. Seine Gedanken weilten ja ganz wo anders — ganz wo anders! Aber die smaragdgrüne Lenzstimmung da draußen, das frohlockende Hoffen, nein! die sieggewisse Zuversicht vom Triumphe des Lenzes, vom Triumphe der Liebe, die saß mit einem Male in seinem Herzen fest, und alle Schatten grüblerischen Sinnes, die noch eben sein Hirn durchkreuzt und sein frisches, einnehmende? Gesicht verdüstert, sanken darin unter.
- Es m u ß t e ja alles gut werden!
Er hatte ja schon weit Schwereres, weit Größeres durchlebt und durchrungen. Der Feldzug in Rußland stieg blitzartig vor seinem geistigen Ange auf, — dieser Feldzug, den Napoleon in unersättlicher Ländergier mit so unerhörter Mnchtentfaltuna unternommen, und der aus seinem völligen Zusammenbruch die Freiheit der unterjochten Völker Europas gebar. Welche Qualen hatte er da, Ulanenosfizier . in einem der beiden kombinierten Kavallerieregimenter, die aus dem Verbände des preußischen Hilsskorps unter General Bork gerissen, der großen Armee zugeteilt waren, durchlittcn! Welche Greuelszenen hatte er erlebt. Und dann — die Auferstehung seines Vaterlandes! Der Losbruch des Sturmes, der einer elementaren Naturgewalt gleich, sich gegen den verblendeten Tyrannen erhob und, dahinbrausend, sein monströses Staatcngebäude zerbrach. Die Völkerschlacht bei Leipzig mit ihrem grandiosen Ringen um Sein und Nichtsein, mit ihrem berauschenden Siegel Was bedeutete gegen das alles der Kampf mit dem Schatten in eines Mädchens Herzen?! Der Kampf mit einem Schatten!
Wieder legte sich ein dunkler Schleier über da§ yffene Gesicht Otto von Jägers.
Dieser Schatten hieß —: Napoleon!
Der glühende Haß, den er gegen den Unterdrücker stets empfunden, durchsiedete sein Blut von neuem. Seine Hände ballten sich. Zugleich strafften sich alle Sehnen seines Körpers wie zum Kampf. Die blauen Augen sprühten Funken.
„Ich will dir mein Liebstes schon abringen, du — Schatten!"
Kaum aber hatte der Ton seiner halbgeinurmelten Worte sein Ohr gestreift, als ein Lächeln über seine Züge ging. Ein leichtsinnig keck übermütiges Lächeln. Er trat vor das Bild des Korsen, das über dem geblümten Sofa hing. „Ich habe dich im Schlachtenbraus nicht gefürchtet, — ich werde dich nicht fürchten auf deinem Elbaner Ruhesitz!" Er spitzte die Lippen und pftsf ein munteres Lied. Ungeduldig trat er in dem einfachen Zimmer umher und blieb noch einmal vor dem goldrahmigen Rokokospiegel stehen, der eine der Ecken füllte. Noch einmal nestelte er am Gehänge des Säbels, fuhr mit der Rechten über das blaue, tadellos sitzende Kolleg dann über das braune, wellige Haupthaar und den kecken, hochaufgezwirbelten Schnurrbart: ein Blick der Befriedigung umflog sein Spiegelbild. Dabei lauschte sein Ohr aber doch hinaus: wenn sie doch nur erst kommen wollte!
Sein Auge streifte die Stutzuhr: Zehn Uhr! Der Wagen mußte gleich Vorfahren. Daß doch die Frauen so gern warten lassen!
Da — ein leichter Schritt — das Knistern eines seidenen Gewandes — die Tür tat sich auf —
„Toska!"
Es war ein Ruf der Ueberraschung, des Entzückens. Nein! So schön hatte er sie selbst in seinen Träumen nicht gesehen! Leuchtenld umfloß die weiche weiße Seide ihre herrliche Gestalt. Wie eine Krone saß der Myrthenkranz auf dem duftigen blonden Haar, das, wenn die Sonne drin spielte, wie eben jetzt, einen goldenen Märchenschimmcr trug. Und voni Brautschimmer eingerahmt, dieses eigenartig reizvolle Gesicht, das mit kritischem Maßstab gemessen, vielleicht nicht einmal schön zu nennen mar, das aber süße Rätsel zu lösen aufgab, wie der verschwiegene Wald, wie die heimlich murmelnde Quelle — dieses ovale, mattweiße Gesicht mit seinem seinen, blumenweichen Kindermunde, mit seinen mandelförmigen tiefen, braunen Mädchenaugen.
Wie diese Augen ihn anblickten!
Alles Leid —> alle Liebe der Welt lag darin.
„Toska!"
Er, der einen Augenblick tvie angewurzelt gestanden, stürzte nun vor, ergriff ihre Hand und zog sie ins Zimmer hinein.
„Toska", wiederholte er erschüttert. „Traure nicht länger! Ich will dich halten als mein teuerstes Gut! Mein Höchstes sollst du mein Leben lang sein."
„Das weiß ich!" entgegnete sie fest mit einer warmen glockentiefen Stimme. „Darum will ich mein Lebtag mit dir gehen. Trotz allem!" Und leise — unter köstlichem Erröten, aber ohne die Augen zu senken — fügte sie hinzü: „Demi ich habe dich lieb."
„Toska! Das danke dir Gott!" Sein Herz schwoll vor Jubel. Er wollte sie in die Arme schließen und wagte es doch nicht. So beugt« er sich nur über ihre Hand und küßte sie in Wonne, Leidenschaft und Ehrfurcht — ein, zweimal.
Gebete — Gelöbnisse stammelte dieser Kuß.


