Ausgabe 
14.10.1914
 
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baitu lischt verzeihen» als man Gelegenheit hatte, bei zu­fälligen Begegnungen oie traurige Veränderung wahrzu­nehmen, die seit ihrer Flucht aus dem väterlichen Hause mit dem jungen Mädchen vorgegangen war. Es hieß, sie sei nach den Bekenntnissen des ehemaligen Volontärs selbst in eine ernste Krankheit verfallen, die auf ihren Wunsch dem Werk­meister hatte verheimlicht werden müssen, und ihr Aussehen, schre Hagerkeit und Blässe sprachen beredt genug für die Wahrheit dieses Gerüchts. Aber das war doch am Ende nur

K bstverschuldetes Leid, und man begriff nicht, wie der alte ann als dadurch gesühnt ansehen konnte, was nach der Auffassung der Sittenrichter von Reinswaldau überhaupt nicht zu sühnen war.

Da ereignete sich eines Tages etwas, das die Selbst- sicherheit der allzu gestrengen Richter bedenklich erschütterte.

In der Morgenstunde des Ostersonntags, als sich die halbe Einwohnerschaft von Reinswaldau auf dem Wege zur Kirche befand, mußte man das überraschende Schauspiel er­leben, daß Regine 'Kreidet zwischen ihrem Vater und dem Baron Bardeleben dem Gotteshause zuschritt, und man sah den Schloßherrn von Klein-Ellbach so freundlich und herzlich »u dem blassen Mädchen reden, daß man sich nicht genug! darüber verwundern konnte. Noch nachdenklicher aber wurde man gestimmt, als der Geistliche in seiner Predigt das herr­liche Wort:Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!" mit einer Eindringlichkeit behandelte, die unverkennbar von einer ganz bestimmten Absicht veranlaßt war. Im weiteren Verlauf des Tages wurde in den meisten Häusern des großen tzndustriedorfes von nichts anderem gesprochen als davon, daß nach deni Gottesdienst der Baron, der Pastor, der Werk­meister und die Regine in der Klein-Ellbacher Equipage mit­einander davongefahren waren, die drei letzteren ohne Zweisel als geladene Gaste des Herrn von Bardeleben.

Da wurden die Lästerzungen stille, denn für die Leute von Reinswaldau gab es jetzt kaum eine geachtetere Persön­lichkeit als den Klein-Elibacher Schloßherrn, dem in der Stille des Herzens beinahe jeder etwas abzubitten hatte, und dessen imponierende Erscheinung überall dem tiefsten Re­spekt begegnete. Man fing wieder an, Regine zu grüßen und zeigte ihr freundliche Gesichter.

Der letzte Rest von Entrüstung aber verflüchtigte sich in nichts, als eines Tages auch der Buchhalter Brehmer Wieder in Gesellschaft des alten Kreide! und seiner Tochter gesehen wurde, und als der Werkmeister jedem, der es hören wollte, erzählte, daß ihr ehemaliger Verlobter zum zweiten Male um die Hand der Regine angehalten habe.

Das junge Mädchen selbst mochte die offenkundige Wand­lung der öffentlichen Meinung wohl als eine Befreiung von

t hwerem Druck empfinden; aber es war doch weder um ieser öffentlichen Meinung, noch um ihres Vaters willen

i eschehen, daß sie dem standhaften Bewerber ohne Zögern jr Jawort gegeben. Aus vollem, freudigem, dankerfülltem merzen hatte sie «S getan, beruh-igi und erhoben von der Gewißheit, daß sie unter dem Schutze des treuen und red­lichen Mannes finden würde, was der schiffbrüchige Aristo­krat ihr nimmer zu geben vermocht hätte.

Als der Sommer gekommen war, siel «in Schwarm von Arbeitern über das Klein-Ellbacher Herrenhaus her. Ein namhafter B-veslauer Architekt leitete die Arbeiten, die dazu bestimmt waren, dem alten Schlosse seinen düsteren Charakter zu nehmen und ihm durch eine Reihe baulicher Veränderun­gen ein gefälligeres und fröhlicheres Aussehen zu geben. Die Umgestaltung blieb nicht auf das Aeußere des Gebäu­des beschränkt. Aus den Repräsentationsräumen im unteren Stockwerk wurde der steife, prahlerische Pomp entfernt, der vor Jahren aus den Wunsch der Baronin dort seinen Einzug gehalten hatte. An die Stelle der Prunkmöbel kam wieder die alte, wohnliche Einrichtung, die jene Gemächer zu Leb­zeiten des alten Barons so anheimelnd gemacht hatte, und es war, als würde mit jedem Stück auch ein Stück der traurigen Erinnerungen mnausgetragen, die für eine von langer Abwesenheit Zurückkehrende vielleicht cm diesen Räu­men haften mochten.

Eines Morgens brachte die Post dem Schloßherrn ein parfümiertes Brieschen mit der wohlbekannten Handschrift seiner schönen Base Jadwiga. Fräulein v. Ostrowski schrieb nicht zum ersten Male. Schon sehr bald nach der unerwarte­ten Aufklärung über den Tod der Baronin hatte sie ihrem Vetter m einem sehr langen und sehr freundschaftlichen Briese die Gründe auseinandergesetzt, die sie zu einer so plötzlichen Abreise bestimmt hatten, und sie hatte für ihre Handlungs-

wets« mit erstaunlichem Geschick eine Erklärung gefunden, die jeden Verdacht der Feigheit und dep herzlosen Selbstsucht von ihr nahm, sofern ebender Leser des Briefes geneigt war, ihr Glauben zu schenken.

An dieser Gläubigkeit aber mußte es Bardeleben doch' wohl gefehlt haben, da seine Erwiderung so höflich kühl und gemessen ausgefallen war, nkie die schöne Jadwiga es wahr­scheinlich kaum für möglich gehalten hatte. Nun hatte sie sich nach monatelangem Schweigen trotzdem zu einer abermali­gen Anknüpfung bewogen gefühlt, und diesmal war ihr Briefchen sogar noch um ein gut Teil wärmer und herzlicher gehalten. Sie schrieb, daß ihr Weg sie in der Nähe ihres! sieben und unvergeßlichen Klein-Ellbach vorüberführe, und daß sie glücklich sein würde, einige Stunden an der Stättö ihrer teuersten Erinnerungen zu verleben.

Mehr noch als in dem liebenswürdigen Schreiben selbst war vielleicht zwischen den Zeilen zu lesen. Aber der, für den es bestimmt war, stellte sich gänzlich verständnislos, Mit wendender Post erwiderte er der Briefschreiberin, dag er zu seinem lebhaften Bedauern darauf sie in nächster Zeit auf Klein-Ellbach z man hier eben inmitten einer Menge von baulichen Ver­änderungen und sonstigen Vorbereitungen für die Auf­nahme der neuen Schloßherrin begriffen sei.

Den Namen der erwarteten Herrin nannte er nicht; darüber aber, daß er nicht an den ihrigen gedacht hatte, konnte nach dem Wortlaut des Briefes für die schöne Jad wiga nicht wohl ein Zweifel bestehen.

Sie schrieb denn auch niemals wieder.

Zwischen dem schlesischen Herrenhause und einer in leuchtendes Grün gebetteten weißen Villa am Gardasee waren während all dieser Monate unzählige lange und kurze Briefe hin und her geflattert, und jeder von ihnen war ein freudig begrüßter Glücksbringer gelogen. An einem herrlichen Spätherbsttage aber, der die ganze Fülle seine- pinkelnden Sonnengoldes über die lieblichen Gestade aus- gost kam Harro v. Bardeleben selbst, um nach fast neun- monalticher Trennung wiederzusehen, was ihnc auf Erden das Liebste war.

Als er sein in Gesundheit und Jugendlust strahlende- Kind und mit ihm zugleich dessen lieblich erglühende hüte-, rin in die Arme schloß, kam ein Glücksjanchzen aus feine» Brust, das alle Worte erstickte.

verzichten müsse, . begrüßen, weil

wie Antwerpen vor 329 Jahren fiel.

Schiller hat in seiner zuerst in denHoren" vev< öffentlichten großartigen DarstellungBelagerungvon Antwerpen durch den Prinzen von Parma in den Jahren 1584 und 1585 ein Muster klarer und lebendiger Geschichtsschreibung geboten. Mit dem Auge und der Phantasie des Dramatikers ist dies Trauerspiel eine- heldenhaften Ringens ausgebaut und erreicht seinen Höhe­punkt in der Schilderung der letzten Kämvse um die inneren Berschanzungen der Stadt und ihres Faltes, die heute unser besonderes Interesse ftnden wird.

Am 16. Mai 1585 unternahinen die Belagerten einen verzweifelten Ausfall, um durch einen Hanptsturm sowohl aus den Damm als auf die Brücke die Feinde znrückzu- werfen. Es gelang ihnen auch, mit ilnterstützuug der Flotte der Antwerpener, den von den Belagerern errichteten Damm »u ersteigen, so daß sich die Feinde nach tapferer Gegenwehr rn ihre Schanzen zurüctziehen mußten.Dieser Anblick er­füllte die geängstigte Stadt aus einmal mit den frohesten Hoffnungen, und als wäre der Sieg schon erfochten, über­ließ man sich einer tobenden Fröhlichkeit. Man läutete all« Glocken, man brannte alle Kanonen ab, und die außer sich gesetzten Einwohner rannten ungeduldig nach deni Ooster- weeler Tore, um die Provtantschisfe, welche unterwegs sein sollten, in Empfang zu nehmen." Aber diese günstige Wen­dung sollte nicht lange dauern. Der Herzog von Parmq, der unterdessen die Scheldebrücke von Antwerpen mit neuen Maschinen berannt hatte, eilte in eigener Person herbei, den Damm zu entsetzen.Von zweihundert spanischen Pikenie» ven begleitet, flog er an den Ort des Angriffes und erschien/ noch gerade zu rechter Zeit auf dem Kampfplatz, um die völlige Niederlaae der Seintgen zu verhindern. Eiligst warf