Mittwoch, den ty. Gttober
Kinderseele.
Noman von Reinhold OrtmanN.
(Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
Margarete klopfte jetzt leise an die Tür der Bibliothek, und der Mann da drinnen mußte wohl an der Art das Nochens die Einlaßheischende erkennen, denn die Tür wurde hastig geöffnet, und an beiden Händen zog Bardeleben die Erzieherin seiner Tochter zu sich herein.
„Mein süßes Lieb ! — Und schon im Reisegewand ! Es Wird also nun wirklich und wahrhaftig Ernst?"
Sie Fügten sich nicht, denn noch fiel der Schatten einer Loten über dies Haus, und sie gestatteten sich keine anders Zärtlichkeit, als sie im Mang ihrer Stimmen war und im Blick ihrer Augen. Ihnen aber war es genug, um sie in teder Minute von neuem mit der seligen Gewißheit zu er- füllen, daß jedes von ihnen nur noch in dem anderen lebte.
„Ja, es wird Ernst. Dita weiß, sich vor freudiger Ungeduld kaum noch zu lassen."
„Es fällt ihr also allem Anschein nach nicht sonderlich schiver, sich von ihrem Vater »u trennen/
„Sie ist eben ein Kind uM> gibt sich wie «in Kind mit ganzer Seele der Wonne des Augenblicks hin. Wollen wir Nicht" deni Himmel danken, Harro, daß es so ist?"
„Ja, dem Himmel will ich dafür danken, Margarete — und vir! Denn die Wandlung, die sie wieder zu einem rechten. frohgemuten Kinde gemacht hat — wer anders hat sie bewirkt als du? Daß ihr der Abschied von Klein-Ellbach letzt so leicht wird, nehme ich mir ja auch nicht weiter zu Herzen. Du wirst schon dafür sorgen, daß sie ihren armen, einsamen Vater nicht ganz vergißt."
Margarete lächelte. „Ich vermute allerdings, daß zwischen ihr und mir des öfteren von dem Herrn Baron die Rede sein wird. Und seinem Töchterchen gegenüber kann ich doch unmöglich anderes als Gutes von ,hm sprechen."
„Das ist eine Zusage, an die ich mich klammern werde. Die Belohnung allerdings muß ich mir für später aufsparen. Ach, daß so viele Monate zwischen dem Heute und diesem ! Später liegen sollen! Ich kanws ja noch gar nicht recht assen. Muß es denn in Wahrheit sein? Gibt es denn gar otne Möglichkeit, uns diese grausame Trennung zu er- paren?"
„Nein, es gibt keine. Ich würde unbedenklich alle Rücksichten beiseite gesetzt und jedem Gerede Trotz geboten haben) solange ich dich in Gefahr sah, und solange ich hoffen durfte, vir durch mein Verbleiben auf Klein-Ellbach zu nützen. Jetzt aber dürfen wir nicht unter einem Dache weilen, solange —"
Sie stockte in holder Verwirrung, und Bardeleben ergänzte statt ihrer: „Solange die Welt von uns fordern darf, daß wir den Pflichten der Pietät gegen eine Dahingeschtedene genügen. Da eS dein Mlle istz soll es geschehen. Denn die
Ruhe deiner Seele ist mir heiliger als irgend etwas auf Erden. Am Ende werden utir ja auch nicht daran zugrunde gehen. Ich habe die wohlbewährde Trösterin Arbeit, die mix helfen muß, meiner Sehnsucht Herr zu werden. Und du hast Dietlinde. Als allerbestes Schutzmittel gegen alle uuzeitigrn Kümmernisse aber haben wir beide hie Gewißheit unserer Liebe. Wie sollte es uns da nicht gelingen, zuversichtlichen! Herzens auch über diese letzte Prüfung hinwegzukommenI"
Mit einem strahlenden Mick sah sie zu ihm aus. Sie wußte, wie schwer es ihm trotz seiner scheinbaren Gefaßtheit wurde, sie gerade jetzt von sich zu lassen, und sie gelobt« sich, ihm dereinst dies Opfer zu vergelten mit allem, was sie zu geben hatte.
„Nun aber laß uns zu Dita gehen," bat sie. „In dieser letzten Stunde vor unserer Abreise darfft du niemandem gehören als deinem Kinde."
25. Kapiel.
Die Tage kamen und gingen, und Bardelebens Vertrauen auf die ivundertütige Macht der Arbeit wurde nicht zuschanden. Seine eigenen Leute wie die benachbarten Grundbesitzer erstaunten immer aufs neue über die Tatkraft und Energie des Schloßherrn von Klein-Ellbach, den zu Lebzeiten seiner Gattin alle Welt für einen ziemlich schlechten Wirtz- schaster gehalten hatte. Dabei lernten seine Untergebenen sehr bald empfinden, um wieviel besser sie sich unter einem zwar strengen, aber humanen und gerechten Herrn befanden als unter dem launenhaften Regiment der hochmütigen und herzlosen Frag, die sie bis zu ihrem Dode als ihre wahre Gd-> bieterin betrachtet hatten.
Man sprach nicht von ihr, seitdem Bardeleben kurzerhand zwei seiner Leute fortgeschickt hatte, die sich im Wirtshause unehrerbietige Aeußerungen über die verstorbene Baronin erlaubt hatten; aber die Gefühle, mit denen man ihrep gedachte, waren sicherlich nicht die der Trauer und des liebevollen Erinnerns.
In Reinswaldau freilich kam das Gerede über das Drama von Klein-Ellbach noch nicht so bald zum Verstummen. Man hatte die Kunde von dem Geständnis des sterbenden Reibnitz merkwürdigerweise nicht wie eine gewaltige Ueberraschung, sondern wie etwas längst Erwartetes ausgenommen, und es hatte nicht ausbleiben können, daß sich ein Teil des Abscheus, den man gegen den Mörder empfand, auch auf diejenige übertrug, die unter Verleugnung ihrer Pflichten diesem Ruchlosen angehangen. Lebhafter noch als zuvor bemitleidete man den Werkmeister Kreidel, und man würde es nur als ein wohlverdientes Schicksal betrachtet haben, wenn man gehört hätte, daß Regine in dem großen Berlin elend zugrunde gegangen sei.
Um so größer war deshalb die allgemeine Entrüstung, als sich eines Tages, kaum sechs Wochen nach Reibnitz' Tode, in Reinswaldau das Gerücht verbreitete, die Regime Kreidel sei wieder da, und ihr Vater habe sie bei sich ausgenommen, wie wenn nichts geschehen wäre. Das konnte man ihm auch


