BEO -*
We Gläser zusammen. Me waren all« erst im letzten Augenblick entflohen, wie sie gingen und standen, von Jahrhunderte altem OLterltchen Besitz. In einem Augenblick, wo Gut und Leben nicht mehr einen Deut Alt, wo man alles gern hingeben möchte, um lur Ehre, Frauen, Kinder und Greise zu retten. Wochenlang hatten ie den Kanonendonner gehört, ohne zu fliehen. Der starke, ost- ireußische Bauer verläßt nicht sein Eigentum. Lieber stirbt er «rin. Aber als dann Flüchtlinge aus Nachbarorten entsetzt die Greueltaten, die absurdesten Ruchlosigkeiten der Barbaren berichteten, da klang der Schrei: Tie Russen kommen! schlimmer als der Tod. Und alles eilte in veinvoller Flucht der Hauptstadt des Reiches zu. Denn davor würde sie das ganze deutsche Volk schützen.
Eine Verwandte meines Freundes Adomeit war mit ihren beiden Kindern im Moabiter Kriminalgericht etnguartiert worden, zusammen mit etwa 200 anderen Kriegs flüchtigen. Sie schien von Ollen überstandenen Aengsten und Strapazen noch sehr angegriffen. Drei Wochen hatten sie Einquartierung gehabt. „Kennen Se sich sowas vorstellen?" Ihr Mann befand sich bereits auf der Rückreise nach Ortclsburg. Um di« Freikarte zu erhalten, waren sie tagelang von Pontius zu PilatuS geschickt wockcn. Nun wußten sie trotzdem nicht, ob er wirklich die Heimat erreichen, dort bleiben rcher wieder zurückkommen würde. Selbst die Eisenbahnverwaltung weiß das nicht zu sagen. „So geht's uns allen, schrecklich, schrecklich! Man mecht doch zu Haus. Man mecht doch sehn, was zu retten ist. Verwandte und Freinde suchen. Einmal heißt es, die Männer kennen abfahren und dann kennen se wieder nich. Un was hege,inen wer Damens mit de Kender allein? Man kennt' rein berrickt werden." Aber in Ihrem Quartier sind Sie doch gewiß aut aufgehoben? — „Na, und ob!" Das müsse sie selbst zuaeben. Ich könne sic ja besuchen. Dies ließ ich mir nicht zweimal sagen, und als ich mich eines Tages durch die weiten Irrwege des Moabiter Palastes gefunden hatte, begegneten mir freudig in einen! geräumigen Hofe die beiden kleinen Töchter meiner Landsmännin, gefolgt von einer Schar lustiger Spielkameraden. „Hier lebt fich's Wohl besser als zu Hause," fragte ick angesichts ihrer großen Bewegungsfreiheit. „Nee, das schon nicht," antwortete das gröbere Mädchen, während ihren Mund ein nachdenklich wetnlicher Zug umgab. Gleich darauf blitzte es jedoch wieder heiter in ihren frischen Ostpreußenäuglein: „Sandhaufen zum Spielen haben wir
! :uch schon bekommen!" Ob sie in Berlin zur Schule gingen, wollte ch noch wissen. „Nee," war wieder die verächtliche Antwort, „in ie Gcmeindeschule wollen wir nicht. — Zu Hause," fügt« sie mit ein Standesbewußlsein der ostvrcußischen Kleinstädterin hinzu, ^besuchen wir die hehere Techterschule!"
Nicht ivenig erstaunt war ich dann, in dem sonst so gestrengen Gebäude hohe, vornehm getäfelte Sitzungssäle zu luftigen Schlafstuben mit 10—12 Betten hergerichtet zu sehen. Die meisten der darin Wohnenden hatten gewiß noch nie zuvor solche Räume ««sehen, weder in Tapiau noch in Labiau, gestanden auch zu, sich darin wohl zu fühlen; immer jedoch mit dem seufzenden Vorbehalt: „Wenn wir nur erst nach Hause könnten!" Unten in der Küche bereitete die güte Schwester Marie Riesenschüsseln mit Essen vor. ,Lu füttern haben wir genug!" meinte draußen meine kleine Begleiterin. Als wir die Mutter trafen, war sie aerade im Begriff, zum französischen Gymnasium zu gehen, in dessen Turnhalle die Damen vom Roten Kreuz Kleidungsstücke und Wäsche verteilen. Es war so plötzlich kalt geworden. Tie Kinder brauchten Wollsachen, sie selbst Schuhe und Kleider. Man hatte ja „rein nichts" Mitnahmen können. All die schöne Wäsche und Kleider würden die Russen vernichtet oder verbrannt haben. „Man is ja kein Mensch nich mehr, schlimmer wie'n Bettler. Man schämt sich ja rein, wo man zu Haus alles hadde s" Dabei zählte mir die gute Frau weinend ihren ganzen reichen Hausstand auf, bis sie ihre mutigere Nachbarin ansticß und ihr zurief: „Na, Jettche, grein' doch man nich gleich immer!" Sie trocknete schnell die Tranen. r,Ja, wenn die Damens vons Rote Kreiz nich wären!"
In der Tat fanden wir die Turnhalle des französischen Gym-
S asiums in ein Riesenmagazin verwandelt. Da lagen Berge von Zäsche aller Art, ganze Gestelle voU Kleider, Schuhe, Hüte für Männer, Frauen, Kinder in allen Größen und Farben, je nachdem es die hochherzigen Berliner für die notleidenden Ostpreußen ycrbcigelragen hatten. Emsiger, als wären es bezahlte Verkäuferinnen, halfen die Damen den dicht herbeiströmenden Flüchtlingen anproben und suchten eilig die passenden Größen aus dem an- aehäuften Vorrat herauszufischen. Meine Begleiterin hielt schüchtern den ihr im Reichstagsgebäude bereits für die gewünschten Gegenstände ausgeschriebenen Zettel hin und fand errötend jedes Maß passend, das man ihr anbot, um die vornehme „Verkäuferin" nicht aufzuhalten. Was kommt'S unter solchen Umständen auf einige Zentimeter an. Nur daß sie in der Benvirrung den Hut arün, den Mantel rot und die Schuhe gelb erhalten hatte, schien sie nachträglich zu beunruhigen. „Ei, wenn mein Bruder im Feld bleibt und ich Trauer kriege?" meinte sie bedenklich. „Neies kann ich mir nichts anschassen I" Neben uns stand eine kleine magere Frau, die mit größter Gelassenhett ihre bereits nervöse „Verkäuferin" das ganze Warenlager nach einer passenden Wolljacke durchsuchen ließ. Die eine schien ihr zu eng und die andere zu weit, die dritte zu dunkel und hatte sie endlich miurrend ein Stück eingesteckt, so wollte sie stets noch jeine Zugabe von Strümpfen! Tüchern usw
W war schon spät ich mußte Weiler, da mein Freund Adomeik mich in der Neuen Philharmonie erwartete. Dott versamnreln fich nämlich täglich um die Mittagszeit die Ostpreußen im große» Saale: eine ungeheure Menge zusammengesetzt aus den verschie- densten Ständen und Städten. Jeder Tisch trägt den Namen einer bestimmten Gegend, dessen Klang in uns die frische Erinnerung an Kriegsnot und Zerstörung wachrust. Man hat den Eindruck, daß all diese Menschen sich hier zusammen ausheitern und gegen- seittg trösten wollen, wie jemand, der mit seinem Schmerz in Gesellschaft geht, wo er lächeln muß. Aber unter der ruhigen, fast uormalen Oberschicht fühlt der Beobachter einen vielstimmigen Mißklang hindurch, ein düsteres Stocken am Lebensrade einer tausendköpfigen Meng«. Dieser und jener hat ein Glas Bier vor semem Platze stehen, was noch den Eindruck der Kärglichkeit unter so vielen vermehrt. Bisweilen wird an einem oder dem anderen Tische vorgelefen: Briefe aus der Heimat, die bald tröstlich, bald ermutigend lauten, je nach der Lage des Ortes. Jeder lauscht, um sich, daraus ein Gesamtbild zu machen. Aber es gelingt nicht. Das' meiste ist Zu traurig, zu individuell, um die Masse zu beruhigen und zu beraten. Auch die Herren von den hilfstättgen Stellen des Roten Kreuzes und der Gesellschaft der Freund« vstpreußischer Flüchtlinge, die am Borstandslische sitzen, vermögen es bei der noch allgemeinen Unsicherheit der Zustände nur mangelhaft.
Mein Freund Adomeit geht gelassen mit einem Notizbuch von Tisch zu Tisch Und es wird mir schwer, ihn endlich abzusasfefn. „Kennen Se sich denken, was ich mache?" fragte er. „Ich Here an jebem Tisch die verschiedenen Dialekte und schreibe sie auf: ein neies ostpreißisches Werterbuch." Ob ich übrigens morgen abend in die Neue Philharmonie käme, wollte er wissen. Wieso? „Nei, so was! Se wissen nich was los ist? Mannche, Mannche, leben Se denn eigentlich in Berlin?" Morgen sei der herrlich« Festsaal zu einer ostpreußischen Abendunterhaltting erleuchtet, die unsere Berliner Landsleute öfter den Flüchtlingen veranstalten. Schöne Musik und andere Unterhaltungen erheben die Herzen der Heimatlosen. So großartige Festlichkeiten gäbe es in Krakstepellen mch. „Mer gefallt es werklich recht in Berlin," fügte er hinzu, »ich mechte ganz gerne emmer hier bleiben!" Und um meines Erscheinens am folgenden Abend sicherer zu sein, rief er mir noch im Fortgehen nach: „Entree und Konzert unentgeltlich, kostet nischt!"
Unsere Zeldgrauen auf dem Marsche — eine amerikanische Schilderung.
Den überwältigenden Eindruck, den das deutsche Heer auf dem Morsche macht, beschreibt H. R. Davis, ein Mitarbeiter der „New York Tribüne" in einem fesselnden Aufsätze, der sür unS Deutsche inmitten der Lügenflut so vieler ausländischer Blätter höchst erfreulich ist. Davis hat bei seinem Aufenthalte in Brüssel das deutsche Heer durchmarschteren sehen. Es waren nicht Menschen, so meint er, sondern es wirkte wie eine Naturgewalt, eine Flutwelle, eine Lawine; beim Anblick der ersten Regimenter waren wir ganz gespannt Nach drei Stunden, als ununterbrochen eine stahlgraue Heeressäule vorbeigezogen war, waren wir ermüdet, aber als Stunde auf Stunde verrann, und es kein Halt, kein« Atempause gab, als kerne Lücken zwischen den Reihen zu setzen waren, wurde die Sache unheimlich, übermenschlich. Fasziniert wandte man sich dem Vorbeimarsch wicker zu. Es war unheimlich und drohend, wie der Nebel über See. Die grauen Uniformen, die Offiziere und Mannschaften ttagen, erhöhten den Eindruck des Geheimnisvollen. Nur das schärfste Auge konnte unter den Tausenden, die vorbeimarschierten, den geringsten Unterschied entdecken. Alles bewegte sich unter dem Mantel der Unsichtbarkeit. Nur nach außerordentlich zahlreichen und scharfen Proben auf alle Entfernungen, mit allen Stoffen und mit Farbenzusammen- stellunaen, die keine eigenttiche Farbe ergeben, hat dieses Grau entdeckt werden können. Daß es zur Bekleidung und Verheimlichung der Deutschen im Kampfe ausgewählt worden ist, ist bezeichnend dafür, wie die deutsche Oberleitung nach höchster Wirksamkeit strebt, nichts dem Zufälle überläßt und keine Einzelheit vernachlässigt Wenn man diese Felduniform unter den verschiedensten Bedingungen gesehen hat, ist man überzeugt, daß sie die stärkste Waffe de? deutschen Soldaten ist. Selbst der beste Schütze kann die Scheibe nicht treffen, der er nicht sieht. Es ist daS Gran der Stunde vor Tagesanbruch, das Grau des unvoliertcn Stahls des Nebels zwischen grünen Bäumen. Zuerst sah ich es auf der Grande Place vor dem Stadthause. Es war unmöglich, zu erkennen, ob auf dem schönen Platze ein Regiment oder eine Brigade war. Man sah nur einen Nebel, der mit den Steinen verschwamm, mit den alten Häusermauern verschmolz, hin und her wogte, aber nichts sehen ließ, worauf man hätte zielen können. AIS später das Heer unter meinen Fenstern an den Bäumen des Botanischen Gartens vorüberzog, tauchte es unter Und verlor sich auf dem Hintergründe, des grünen Laubes. Es ist keine Ucbcr- treibung, wenn man behauptet, daß auf 100 Dards die Pferde wohl zu sehen sind, auf denen die Ulanen reiten, daß aber die Reiter selbst nicht zu sehen sind. ... Ms ich neulich die Nachhut der französischen 'Dragoner und Kürassiere sah, konnten wir sie gegen das Grün und Gelb der Felder auf eine halbe Me'.'o. er-


