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Ms sie die Hand mit dem Blatte Mieder sinken ließ, lag der Ausdruck eines auS den edelsten und reinsten Empfindungen geborenen Entschlusses wie ein verklärendes Leuchten über ihrem schönen, ernsten Gesicht. „So will ich die Vev- antwortung allein auf mich nehmen. Ich bin stark genug, sie zu tragen. Vertrauen Sie die Unschuld Ihres Kindes ohne Sorge meinem Schutz an, Herr Baron! Nur lassen Sie Mich hier!"
„Aber warum wollen Sie durchaus hier bleiben — Warum?"
^Meil ich jetzt an keinem anderen Ort sein könnte, weil ich fern von hier vergehen müßte vor Sorge und HerzenÄ- angst."
Er stand neben ihr und sah auf sie herab. „Vor Herzensangst? Um wen, Margarete?"
Sie hob ihre Augen zu ihm empor mit dem klaren Blick einer reinen, starken Seele, eines liebenden Herzens.
Da neigte Harro v. Bardeleben sein Haupt und küßte Mit bebenden Lippen leise wie in Ehrfurcht ihre weiße Stirn. ,/So bleibe bei mir, Margarete! Und sei mein guter Engel, Wie du bis heute meines armen Kindes Schutzgeist gewesen bist!"
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Margarete stieg die Wendeltreppe empor wie im Traum. In ihrem Kopfe war kaum ein klarer Gedanke und sicherlich tichts, das einem verlockenden, glückdurchsonnten Zukunfts- itlde ähnlich gesehen hätte. In ihrer Seele aber war eine östliche, himmlische Ruhe, ein Gefühl, als seien Leid und stot nun für immer abgetan, als könne ihr das Leben keine Dualen und keine Schrecknisse mehr bringen nach diesem lugenblick.
<Ae trat in das Zimmer der schlummernden Dietlinde lnd kniete neben dem Laaer deS Kindes nieder. Sorgfältig zatte sie dabei auch das leiseste Geräusch vermieden; aber es var. als ob ihre bloße Mhe genügt hatte, die Schlafende zu decken.
Mit einem Lächeln schlug die Weine die Augen auf und eckte noch halb traumumfangen die Arme nach Margarete ms. „Wie gut, daß du. da bist! Wo warst du? Warst du bei tem Papa r‘ \
Noch nie hatte sie eine ähnliche Frag« gestellt. In Margaretes Ohr aber klang sie heute wie eine fuße Mnßik. Sie egte ihr Haupt neben den dstnklen Kopf des Kindes auf «ä Ktsfen und flüsterte: „Ja, Dita — ich war bei dem Papa, lud ich habe ihm gesagt, baß ich immer — immer bei dir Wirst du mir mm auch etwas versprechend tetS brav unjd fleißig fein will — io, ja!" jt daS. Sondern daß dn den Papa lieb haben S irgend einen Menschen auf der Welt." schaute nachdenklich vor sich hin; danu- ichmiegte sie ihre weiche Wange an Margaretes Gericht. Wenn ich ihn Nicht lieber haben soll als dich — ja, dann will uh es versprechen. Jetzt, >vo ich weiß, daß er der Mama damals nichts getan hat, jetzt brauche ich mich ja nicht mehr vor dem Papa zu fürchten."
„Dazu hättest du niemals Ursache gehabt, Dita; aber
i mmer, immer hättest du Ursache gehabt, ihn zu lieben, denn r ist so gut —s er ist der edelste, der beste aller Menschen."
„Aber wenn er der Allerbeste ist, dann mußt du ihn doch auch lieb haben. Sage mir, liebe, liebe Margarete: hast du den Papa auch lieb?
Während ihr die heißen Tränen einer unnennbaren Glückseligkeit über die Mangen rannen, hauchte das junge Mädchen, das Gesicht in dem Kissen verbergend: ,,Ja, Dita, ia! Viel tausendmal miehr, als du es fassen und begreifen kannst!"
28 . Kapitel.
Verlegen war Rudolf Brehmer auf der Schwelle des
5 leinen Einzelzimmers stehen geblieben, dessen Tür ihm die Krankenschwester mit dem stillen, sanften Diakonissengesicht ßeöffnet hatte.
„Er scheint zu schlafen," flüsterte er. „Da darf ich ihn doch wohl nicht stören?"
Aber so behutsam leise er auch gesprochen hatte, der
E riche Patient auf der schmalen, eisernen Lagerstätte mußte doch gehört haben; denn die Lider hoben sich langsam »r die tief in ihren Höhlen liegenden Augen. „Täusche ich mich nicht?" sagte er heiser. .„Sie sind wirklich Auf den Fußspitzen war der Buchhalter an daS Bett getreten, während die Schwester hinter ihm die Tür ins Schloß dritche
kleiden will. „Daß ich s „Nein, nick willst, lieber al Dietlinde
„Ja, Herr v. Reibnttz, ich bin Rudolf Brehmer, de«
ehenrslige Bräutigam Regines. Me find doch nicht böse darüber, daß ich komme?"
Der Gefragte verzog die blaffen Lippen. Aber es wa« nur noch wie ein Schatten seines alten fpöttischen Lächelns. Matt streckte er dem ersichtlich noch immer mit einer starken Befangenheit Mmpfenden seine abgezehrte Hand entgegen. „Wenn inan auf dem letzten Loche pfeift, mein lieber Herr Brehmer, muh man sich das Bösefein schon cchgewöhnen. Es ist sehr nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind. Ich glaube, Sie sind einer der gutmütigsten Menschen mif diefer miserablen Erde."
Der Buchhalter wurde rot. „Oh, Herr v. Reibnttz, Sie machen sich lustig über mich!"
„Ach nee, mein Bester! Danach ist mir eigentlich nicht zumut. — Aber warum ist denn Regine nicht mit Ihnen gekommen? Na, Sie brauchen nicht so zu tun. Ich weiß ja, baß Sie in ihrem Geschäft arbeitet. Sie ist eine viel zu redliche Seele, als daß fte's hätte verschweigen können. Und wenn Sie sich durch die Unwiderstehlichkeit Ihres guten Herzens das Mädel zurückgewinnen können — mir macht'S reinen Kummer mehr. Darauf können Sie sich verlassen."
Rudolf Brehnrer schaute vor sich nieder und drehte feinen Hut zwischen den Ungern. Zu antworten braucht« er nicht, ein heftiger und doch unheimlich kraftloser Husten des Patienten machte für die Dauer von Minuten rede weiter« Unterhaltung unmöglich.
Aber der Besuch mußte Reibnttz doch zur Gesprächigkeit gestimmt haben, denn sobald er nur notdürftig wieder zu Atem gekommen war, begann er aufs neue: „Es ist mir sogar lieb, daß Sie mir Gelegenheit gegeben haben, nochmal miH Ihnen zu reden. Wenn man hier so liegt und hustet und weiter nichts zu tun hat, als zu horchen, ob nicht schon eil» gewisser Knochenfinger an die Tür klopft, da macht man sich so allerlei Gedanken. Und die erfreulichsten sind es geradg nicht — das dürfen Sie mir schon glauben. Das mit der Regine — na, ich will mich nicht reinwaschen, wenn ich's auch vielleicht nicht ganz so schlimm mit ihr im Sinne hatte, wie es nach Ihren Begriffen scheinen mag."
,^Jch bitte, Herr v. Reibnitz, Sie hatten gewiß zuletzt die besten Absichten und —"
„Na, nun könnte ich Ihnen ja vielleicht zurückgeben, was Sie vorhin über das Lustigmachen fügten. Die besters Absichten, wenn man dabei von einem Todeskandidaten spricht! Es ist beinahe komisch, mein Lieber! Nee, von Absichten irgendwelcher Art ist da keine Rede inehr. Aber einen Munsch hätte ich freilich, den Wunsch, das Mädel gut aufgehoben zu wissen, noch ehe — na, Sie wissen schon, waH rch meine."
e-Sie halten sich für kränker als Sie sind, Herr v. Reibe nitz. Bei Ihrer Jugend und bei der sorgfältigen Pflege hie« im Krankenhause—"
„Lassen Sie nur, Verehrtester! Wissen Sie, wie mast meine Krankheit nennt? Galoppierende Schwindsucht! Wirklich ein hübscher Name. Es liegt so was Schneidiges darist und so was erquickend Unzweideutiges. Bei mir scheint de« Galopp sogar noch cm bißchen schneller zu gehen als sonst wohl. Manchmal ist mir's, als könnt' ich nur noch um eist paar Nasenlangen vom Ziel entfernt sein. Wenn Sie also was Gutes mft der Regine Vorhaben, so machen Sie mir lieber gleich auf der Stelle die Freude, es mich wessen zu lassen. Bet Leuten, die es so eilig haben wie ich, ist mast nie sicher, ob man sie noch mal erwifcht."
„Herr v. Reibnitz —: es ftrt mir auftichtig weh, wenn ich Sie so sprechen höre. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen baldige und volle Genesung. Wenn es Ihnen aber eine Beruhigung ist, so gebe ich Ihnen gerne die Bersichei rung, daß Regine niemals verlassen sein wird, solange sie es nicht verschmäht, meine Freundschaftsdienste anzunehmen."
„Daß soll ein Wort sein, Herr Brehmer — geben Sie mir Are Hand darauf! Wenn Sie nur vorläufig ihr guter Freund bleiben wollen — da? wettere findet sich nachher schon ganz von selbst. Aber Sie sehen aus, als ob Me auch Ihrerseits was auf dem Herzen hätten. Schießen
f te nur loS, wenn es so ist. Irgend was Besonderes dürfen ie freilich von mir nicht mehr verlangen."
(Fortsetzung folgt-!


