Kinderseele.
Roman von Rcinhold Drtmantt (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Aber jeder andere an Ihrer Stelle würde wahrschetn- ltch das gleiche getan haben. Sie konnten —"
Ec ließ sie nicht «usreden. „Wenn ich meine Fran geliebt hätte, wenn sie mir nicht wie eine Fremde gewesen wäre und wie eine drückende Last auf meinem Leben —> dann würde ich in jenler Stunde sicherlich anders gedacht und gehandelt haben. Nicht meines Jähzorns klage ich wich a», sondern der schmachvollen Lüge, die meine Ehe fast seit ihrem Anbeginn gewesen ist, und der ich längst hätte ein Ende machen müssen. Es kommt jetzt nicht mehr darauf an, wer von uns beiden für diese Luge verantwortlich zu machen war, es handelt sich nur noch darum, daß sie daran sterben muhte. Oder daß sie daran sterben wollte, was ja für mich noch tausendmal schlimmer ist."
Jetzt begriff Margarete freilich, was in seiner Seel« Vorging, und sie wußte, daß sie ihn von diesem Augenblick än geliebt haben würde, wenn nicht schon längst all ihr Fühlen und Denken nur noch Liebe gewesen wäre. Sie verstand alles, sie sah, haß die schlimmste Gefahr, die ihn bedrohte, nicht von außen kam, sondern aus der erbarmungslosen Selbstqual, in der er sich verzehrte.
Mit der impulsiven Entschlossenheit des liebenden Weibes wandte sie sich darum gegen diese Gefahr. „Noch ist nicht bewiesen, daß der Tod der Baronin ein freiwilliger war. Ein unglücklicher Zufall kann seine Hand im Spiele gehabt haben. Es kann auch das Verbrechen eines anderen gewesen sein, dem sie zum Opfer siel."
Bardeleben sah sie traurig an und bewegte verneinend den Kopf. „Sie meinen es gut, aber mit Dietlindes Erzäh- tung ist für mich auch der letzte Zweifel gefallen. Urteilen Sie doch selbst! Ehe ich am Abend noch einmal nach dem Wirtschaftshofe hinuberging — Sie werden sich ja vielleicht erinnern, daß Sie mir auf der Treppe begegneten — hatte ich aus einer von dem Diener herausgebrachten, noch mit dem Originalverschlutz der Fabrik versehenen Kognakflasche mit eigenen Händen die Karaffe auf meinem Schreibtisch gefüllt. Es ist doch wohl absolut sicher, bah zu solcher Stunde außer meiner Frau niemand mehr jene Zimmer betreten hat. Als ich dann später zurückrehrte, füllte ich aus der Karaffe eines der beiden Gläser und hätte es geleert, wenn ich nicht durch den Eintritt und die Anrede meiner Frau daran gehindert worden wäre. Wie sich die Dinge cheiter zugetragen haben, wissen Sie aus der Erzühlustg Meines Kindes. Der Anfall, der mich veranlaßte, nach dem Mädchen zu laufen, mag ja wohl erheuchelt gewesen sein/ hie Verzweiffnng aber, die die Unglückliche tr-irb, unmittelbar nach meiner Entfernung das tödliche Gift in das erste
beste Getränk zn schütten, das ihr zur Hand war, fft sicherlich nicht erheuchelt gewesen. (Sin fremdes Verschulden ist da ebenso vollständig ausgeschlossen wie ein unglücklicher Zufall. Schuldig ist nur der, der sich anklagen muß, der Urheber ihrer Verzweiflung gewesen zu sein. Und seinen Namen brauche ich Ihnen jetzt ja nicht mehr zu neunen."
Margarete sah keine Möglichkeit mehr, ihn *n einer anderen Auffassung zu überreden, und dabei dachte sie plötzlich au die kleine Szene zwischen der Barvniu und Reibnitz, deren unfreiwillige Zeugin sie unten im Speisezimmer gewesen war. „Was Sie sich da zum Borwurf machen," sagte sie, „ist doch nur eine Angelegenheit Ihres eigenen Gewissens. Es hat jedenfalls nichts zu schassen mit dem schrecklichen Verdacht, von dem Sie sich bedroht sehen. Gegen diesen Verdacht aber müssen Sie sich wehren mit allen Mitteln, die Ihnen zu Gebote stehen. Sie müssen es, Herr Baron f
„Nun, wir werden ja sehen," entgegnete er, wie wenn er damit allen weiteren Vorstellungen ein Ende machen wolle. „Aufs Blutgerüst öder ins Zuchthaus wird man mich ja vermutlich nicht schicken, auch wem, ich mich durch die Verweigerung irgendwelcher Auskünfte über das Elend meines Ehelebens vorläustg noch verdächtiger machen sollte, als ich es schon bin. Das Kind aber muß aus dem Spiel bleiben. Wollen Sie mir einen neuen Beweis Ihrer opferwilligen Güte geben, so kann es auf bessere Weise geschehen als durch den Versuch eines Beistandes, der mir wahrscheinlich nicht das geringste nützen würde. Es liegt mir daran, die Kleine vor jeder Berührung mit den Dingen bewahrt zu sehen, die sich in der nächsten Zeit hier ereignen könnten, und ich mache Ihnen darum den Vorschlag, sobald als möglich, am liebsten schon morgen, mit dem Kinde abzureisen. Irgendwohin, au die Riviera, nach Italien — oder wohin Sie sonst wollen. Auch Sie müssen sich ja wie erlöst fühlen, wenn Sie das Dach dieses Hauses nicht mehr über Ihrem Kopfe wissen."
„Nein," hauchte sie mit zitternder Stimme. „Ich hoffe. Sie werden das nicht im Ernst von mir verlangen."
.Fürchten Sie die Strapazen der Reise? Oder die Last der Verantwortung? Sie können ja Joseph« mitnehmen, falls die Herren vom Gericht in der Entfernung dieser wich- ttgen Zeugin nicht etwa einen Berdünkelungsversnch erblicken sollten."
„Nicht deshalb bitte ich Sie, bleiben zu dürfen, Herr Baron. Ich werde Dietlinde auch hier zu schützen wissen vor jeder Berührung mit Dingen, die ihre kindliche Unbefangenheit gefährden könnten. Ich verspreche Ihnen heilig, daß ich sie hüten will zn jeder Stunde, daß nichts Häßliches ihr nahe kommen soll. Und wenn Sie daran zweifeln, daß ich dies Versprechen zu erfüllen vermag, so ist doch auch noch das gnädige Fräulein da, Um —"
Er streckte ihr den Brief Jadwigas entgegen, den er mit raschem Griff vom Schreibtisch ausgenommen hatte. „ßejeH Sie!" sagte er, da sie betroffen zaudette. „Ich ersuche Siel darum,"


