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rronftantinopeler Stimmungen.
Bon Georg Kletbömsr.
K o n st a n t i n o p e l, im September.
Konstantin»pel im Freudentaumel! Und heute nun schon den Hostien Tag. Eben noch zieht an meinem Hause ein Menschenzug wrüber; sie folgen einem Trommler und drei Fackelträgern und ingen dazu türkische Nationallieder. Das ist Nur ein kleiner Zug, wnn wir leben im stillen Winkel der groben Stadt. Drinnen in *n Hauptstraßen Stambuls, auch drüben jenseits des Goldenen jorns in Pera, da sind diese Kundgebungen Eindrucksvoller. Da lebt man vor den vielen Fahnen oft nichts von den Straßen, lnd da alle südlichen Völker Freude an Lichtern haben, so wird <M diesen Aberchen fleißig illuminiert: Die großen stattlichen Gebäude lassen ganze Lichtreihen um die Linien der Gebäude laufen, und der kleine Krämer behängt die Wand seiner Bude Mit Laternen. Am schönsten aber sind wieder die versteckten malerischen Winkel bei den Moscheen. Oben an den Umgängen der Minarehs glänzen diese drei Wende wieder wie Perlenreihen die kleinen Lämpchen, hoch am freundlichen Nachthimmel, neben den pechschwarzen Silhouetten der Zypressen. Wer nicht weiß, wie innig in islamitischen Ländern der Staat mit der Religion verknüpft ist, der würde sich wohl wundern, daß auch diese Staaten des .Gottesdienstes so festlich sich schmücken, weil — die Kapitulationen aufgehoben 'werden!
Die Kapitulationen! Für manchen deutschen Leser vielleicht efn leeres Wort, für die in der Türkei lebenden Angehörigen der Großmächte ein Wort von angenehmstem Klang (man denke sich, wie es klingen ivürde: „Du brauchst keine Steuern zu zahlen!" Oder: „Der Schutzmann hat dir nichts zu sagen!" dann hat man einen Begriff, welchen angenehmen Klang das Wort „Kapitulationen" für uns hat!); für die Türken dagegen ein Wort, das ihnen den Zorn ins Blut jagt, ein Wort, das ihnen chre Minderwertigkeit! im Urteil der europäischen Mächte ständig vorhält! Die Untertanen der Großmächte sind von der Verpflichtung der Steuerzahlung in der Türkei befreit; sie unterstehen nicht der türkischen Gerichtsbarkeit ; ihre Grundstücke dürfen von türkischen Beamten nur in Gegenwart eines Konsulatsbeamten betreten werden.
Seit langem war die türkische Regierung bemüht, diese Ausnahmestellung der Fremden aufzuheben. Ehr Staat.nach dem andern erklärte sich bereit zu Einschränkungen wenigstens, wenn — und dann begann der Handel; denn ohne Gegenleistung tat es kein Staat. Der europäische Krieg drängte solche untergeordneten Fragen zurück, und nun bat die türkische Regierung, ohne irgendwelche Rücksprache mit den Mächten, die Kapitulationen zum g. Oktober ausgehoben. Und darum jubelt das türkische Volk.
Dem schlichten rechtlichen Empfinden muß es als durchaus berechtigt erscheinen, daß solche Zustände aufhören. Wer es gibt hier doch einen wichtigen Hintergrund, der nicht unbeachtet bleiben sollte: Die Türkei beruft sich darauf, daß derartige Kapitulationen in keinem anderen Staat, auch nicht in Serbien usw. beständen. Alle diese Staaten sind christliche Staaten! Und wir Fremden sind auch fast alle Christen. Wir leben aber in einem muha- medanischen Staat. Die ganze türkische Kultur, also auch das Rechtsempfinden, die Bildung, die Sitte, alles und alles ist im! islamitischem Grunde aufgebaut und entspricht doch durchaus nicht unserm Empfinden und unserer Sitte. Jflamitisch empfindenden Richtern zu unterstehen? Das heißt doch etwas für einen Christen! Davon spricht man natürlich nicht. Die Pflichten, die sich aus der Aufhebung der Kapitulationen ergeben, werden wenig bedacht, nur das Gefühl der Freude, daß sie jetzt endgültig Herren im Hause sind, erfüllt heute die Türken und läßt sie dies Ereignis so hoch einschätzen.
Wenn sie am 1. Oktober die Kapitulationen aufhebcn, dann müssen an diesem Tage die deutsche, österreichische, italienische, Englische, französische und russische Post ihre Räume zuschließen. Wie wird wohl die Türkei den Postverkehr nach dem Ausland bewältigen? Hat sie doch in jahrelanger schwerer Arbeit unter ausländischer Leitung nur erreicht, daß sie den verhältnismäßig geringen Teil des Postverkehrs, den ihr die fremden Anstalten ließen, einigermaßen befriedigend erledigte. Woher wird.sie Einrichtungen Und Personal für die neue Arbeit nehmen? Und welche weiteren Verpflichtungen übernimmt sie, wenn sie unsere Steuern einzieht? Jeder Staat gibt einen ganz erheblichen Teil seiner Einnahmen für Zwecke der öffentlichen Bildung aus. Was wird Uns die Türkei bieten? Man kann wohl deutsche Kinder in eine griechische oder bulgarische Schule schicken, wenn keine andere Bildungsmöglichkeit vorbanden wäre. Der griechische Staat (oder
I rgend ein anderer), der Steuern von den Fremden erhebt, kann agen: „Schickt eure Kinder in unsere Schulen als Entgelt für eure Steuern; jedenfalls stehen sie euch zur Verfügung und man kehrt hier dasselbe, was in allen europäischen Schulen gelehrt wird, nur in unserer Sprache!" Aber die türkische Regierung kann doch nicht so sprechen! Sie hat doch nur muhamedanische Schulen, in denen der Geist des Jflam lebt! Täte er es nicht, so wäre das ein schlechtes Zeichen für das Land! Wie wird es also mit den! Pflichten der Türkei gegenüber der Volksbildung der vielen steuerzahlenden Christen werden? Bislang erhalten die Millionen von Griechen und Armeniern, die osmantsche Untertanen sind, ihre Schulen selbst, und bezahlen doch Steuern !
Vorläufig freuen sich die Türken ihrer Macht, die ihnen gestattete, den Großmächten gegenüber so selbständig aufzutreten. Und den Mut dazu gab ihnen gewiß ihr mobilisiertes Hoer^ Wir haben wieder, wie bemt Beginn des Balkankrieges, die türfische Mobilmachung miterlebt. Sie unterscheidet sich bedeutend von der eines anderen Landes; denn man sucht hier die Militärpflichtigen zusammen. Schutzleute mit einem großen Buch unter dem Arm, zwischen sich einen Drückeberger, den sie irgendwo erwischt hatten, sah man häufiger. Armenier und Griechen haben einen Abscheu vorm Soldatsein und hatten sich schon beim Balkan- fiieg überall verkrochen. Jetzt wurden ihnen hohe Strafen angedroht! Wieder wie ein Zug aus dem Mittelalter war es mir, als am Tage vor Ablauf der den Fahnenflüchtigen gestellten Gnadenfrist unser Nachtwächter mit der großen Trompete durch das Stadtviertel zog. Bei ihm war ein alter Geistlicher im alten türkischen langen Mantel, und der las überall aus der Straße die Bekanntmachung vor, daß jedermann, der sich seiner Gestellungspflicht zu entziehen versuche, schwer bestraft würde. Er kannte wohl sein Publikum und sprach deshalb konkreter mit ihnen: „Aufgehängt würden sie, wenn fie sich nicht bis morgen meldeten," sagte er. Man möchte sich wundern, daß die Regierung so großes Gewicht auf die Griechen und Armenier legte, mit denen sie doch im Batkankrieg so schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Aber abgesehen davon, daß man mehr Ordnung in die ganze Regierung zu bringen scheint, rechnete Man sicher auch damit, daß sehr viel« von dem Lokaufungrssecht Gebrauch machen würden, und das bringt von jedem mehr als 600 Mk. ein, Summen, die dem Staatssäckel sehr wohltun.
Es war jedoch zu bemerken, daß bei dieser Mobilmachung eilt
C i anderer Zug nationaler Teilnahme im Volk zu achten war als früher. Die Regierung hat auch in dieser Beziehung gut gearbeitet. Der unbeteiligte Beobachter kann auch bei dieser Erscheinung feststeslen, wie leicht doch dieses Volk zu bestimmen ist. So lange es angebracht schien, war der Bulgare her Erzfeind der Türken. Hei, wie wollte man gegen den Bulgaren ewigen Haß nähren! Noch alS ich in diesem Sommer in Thrakien war, lebte dort dieser Daß (kein Wund«, da man dort ja den Krieg am eigenen Leibe erfahren hatte!). Zur selben Zetz war in Konstantinopel schon die Freundschaft mit Bulgarien allgemeines Bolksempftnden. Und nun ist der große Haß des Volkes gegen die Russen neu entflammt. Uns Deutschen kommt das gewiß willkommen...
Deutschland hat heute in der Türkei eine Stellung; wie sie es nie vorher besessen hat! Wir glaubten ja schon immer, die Freunde der Türken zu sein. Stimmte da» vielleicht auch für die Regierungen, so weiß Man doch, daß wir als Voll in der Welt nicht geliebt worden stich. Der Franzose mit seiner nach außen so angenehmen, bestrickenden Form, der wqr auch Wer beliebt und wurde nachgeahmt. Ms letzt der groß« Krieg ausbrach und unsere Reservisten mit den österreichischen Dampfern heimfuhren, da standen nur wir Deutschen und Oesterreicher am Kai und sangen den Scheidenden, mit denen wir selbst so aern heiMgefahren wärm, die „Wacht am Rhein" und „Deutschland über alles!" nach. Aber am nächsten Tag, als die Franzosen abfuhren, da ging es anders an derselben Stelle her: die Schisse über die Toppen geflaggt — äußerer Prunk Muß doch dabei sein! —, und alle die liebm Freunde, besonders die Levantiner, diese im wahrsten Sinne ,,Baterlandslosen" aus Pera, und der Teil der türfischen Fugend, der tm Lackstiesel dm Gipfel aller Kultur sieht, die jauchzten den Davonfahrmden zu. „Au revoir ä Berlin!" riefen übermütige Franzosen tm Vorgefühl der kommenden Siege zu dm deutschen Schiffen hinüber, an denen sie vorbeifuhren. Wer schlagfertig kam die Antwort zurück: Out, comme prisonniers!"
DaS Wetter schlug aber schnell Um: die Taschmtücher und die Schleifen und Kokarden in dm französischen Farbm, die unsere liebm Levantiner in jenen Tagen so stolz zur Schau trugm, verschwanden doch sehr bald, als es mit dem Zug der Franzosen nach Berlin nichts wurde. Es trat auch etwas sehr Wesentliches ein, wovon jetzt noch nicht zu reden sein dürfte...
Man schätzt dm Verlust der Heiden Kriegsschiffe, die England der Türkei vorenthielt, nur dann richtig ein, wmn Man bedenkt, daß sie Psmnig für Pfennig zusammengesammelt waren. Der Beamte hatte zu ihren Gunsten auf sein Gehalt verzichtet und der Bauer freiwillig die doppelte Schafsteuer bezahlt. So batte jeder ärmste Mensch im Lande das Gefühl, daß England ihm sein Schiss weggenoMmm hätte. Um so Heller strahlt der Freundschaftsbeweis, den Deutschland dem gegenüber gegeben hat! Unh nun gehörm uns wirflich die Herzen der Türkm.
!©in kleiner ABC-Schütze fragt Mich neulich; „Bitte, was heißt „A bas la France, vive l'Allemagne?" „Wo hast du das gehört?" frage ich dagegen. „In Makriköi (Vorort von Konstanti- nopell rufen es alle Menschen und die Soldatm. Mein Vetter ruft es auch immer auf der Straße!" Ein einfacher türkischer Arbeitsmann, dm wir nicht kennm, der aber sieht, daß wir Deutsche sind, redet uns au, als ich mit meiner Frau spazierm gehe. Cr hat gerade von einem großen Sieg der Dmtfchm über die Franzosen gelesen, (wir sind ja glücklrcher als die meisten Ausland- deutschen, wir sind nicht aus 'die englischen oder französischen Berichte angewiesen!) und in seiner Freude muß er sich darübev Wsstzrecheni „Erst die Franzosen, und dann die Russen! O, die


