Kinderseele.
Koman von Reinhold Ortmann.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
r ~' „Von einem Schrei? Das ist seltsam. Was für ein Schrei war das?"
„Er klang wie ein Anskreischen der Angst oder des Entsetzens oder des furchtbarsten körperlichen Schmerzes. Und er kam aus dem Munde einer Frau."
„So waren Sie die einzige im Hause, die etwas Derartiges gehört hat. Aber fahren Sie, bitte, fort."
„Ich war munter geworden und lauschte. Weil aber jetzt alles still blieb, glaubte ich, daß ein lebhafter Traum mich getäuscht habe, und schlief, von der Müdigkeit überwältigt, fast sogleich wieder ein."
„Und woraus schließen Sie jetzt, daß es etwas anderes gewesen sei als ein Traum?"
„Daraus, Herr Baron, daß, ich doch nicht, toie Sie vnnehmen, die einzige gewesen bin, die diesen Schrei gehört hat."
„Wer außer Ihnen will ihn vernommen haben?"
„Dietlinde, Herr v. Bardeleben!"
Er beugte sich vor, und sie sah, daß sein Gesicht ganz fahl geworden war. „Dietlinde? —i Und das — das erfahre ich erst heute?" i
„Auch ich weiß es erst seit diesem Abend. Me Kleine hat bisher zu niemandein davon gesprochen. Sie würde toohl auch toeiter geschwiegen haben, wenn ich sie nicht direkt gefragt hätte. Da konnte sie ihr Geheimnis nicht langer bewahren, denn ich bin überzeugt, daß sie lieber sterbeni würde, ehe sie mich belöge."
„Verzeihen Sie, aber alles, was Sie mir da erzählen, sind für mich Rätsel — nichts pls Rätsel. Wie kamen Sie denn gerade heute dazu, Metlinde zu befragen?"
„Weil ich an diesem Nachmittag erfahren hatte, daß man einen — einen schrecklichen Verdacht hegt in Bezug twf den Tod der Frau Baronin."
„Bon wem haben Sie das erfahren?"
„Von dem Herrn Oberleutnant Rasmussen, der hierher gekommen war und mich um eine Unterredung bitten ließ."
„Was? Hier ist er gewesen — hier im Hause? Das hat er gewagt? Und um Sie zu sprechen?"
"Das beweist mehr Wut, als ich meinem Herrn Schwager zugetraut hätte."
„®et Herr Oberleutnant wußte wohl, daß er Sie nicht hntreffen würde. Er wär, wie es schien, Wer alles sehr genau unterrichtet."
„Darf ich erfahren, was er Ihnen gesagt hat?"
„M) kann es nicht wiederholen, Herr Baron, denn
es war so unsinnig, daß ich zuerst allen Ernstes an deM Verstand des Herrn Rasmussen zweifelte."
„Dann ist wohl kein besonderer Scharfsinn nötig, es zu erraten. Er hält mich für den Mörder seiner Schwester t—t ist es nicht so, Fräulein Otbmar?"
Sie senkte den Kopf und schwieg.
„Auf diese Mitteilung meines Schwagers hin also kam Ihnen der Gedanke, Metlinde auszufragen? — Eigentlich, mein liebes Fräulein, ist mir das noch nicht ganz klar."
„Der Gedanke kam mir auch nicht sogleich. Aber ich war sehr bestürzt und aufgeregt über das, >vas ich gehört hatte, und ich bemühte mich, mir alle Eindrücke jener Nacht ins Gedächtnis zurüctzurufen. Da fiel mir auch etwas ein, was ich fast vergessen hatte. Me Verbindungstür zwischen meinem Zimmer und dem Gemach Metlindes hatte tveit offen gestanden, uird als mich der Schrei aufschreckte, war es mir gewesen, als sähe ich etwas Weißes. Bewegliches an der Türöffnung vorübergleiten. Ich hatte den Namen Met- lindes gerufen, aber keine Antivort erhalte». Und dann, wie ich schon sagte, war ich fast sogleich wieder eingeschläfen. Nun aber kam mir nicht nur bas wieder in den Sinn, sondern auch mancherlei Auffälliges in dem späteren Benehnren des Kindes. Da hielt ich es für meine Pflicht, sie zu befragen."
„So toäre also glücklich auch das arme Kind mit in den Höllensabbat hineingezogen, der mich umspukt!"
Er hatte es in grimmig bitterem Tone gesprochen, und Margarete war bis in die Stirn hinauf errötet.
„Me Kleine hat selbstverständlich keine Ahnung, Herr Baron, weshalb ich sie gefragt, ob sie in jener Nacht ihr Bett verlassen habe. Wer wenn ich trotzdem etwas Unrechtes getan habe, so bitte ich um Verzeihung."
Er winkte beschwichtigend mit der Hand. „Ich wollte Ahnen keinen Vorwurf machen. Erzählen Sie nur weiter!"
„Metlinde bejahte ohne weiteres meine Frage und erzählte mir alles, was sie erlebt und gesehen."
„Gesehen — sagen Sie? Gesehen? Das können doch nur Hirngespinste sein. Mnn wenn sie nicht etwa ihre Stube verlassen hat, was könnte sie dann gesehen haben?"
„Darf ich wiederholen, was ich aus ihrem Münde erfahren habe?"
„Selbstverständlich! Darum sind Sie doch gekommen."
„Sie sagt, daß sie nicht habe schlafen können, und daß sie von einer schrecklichen Angst ergriffen worden sei, als sie nebenan heftige, streitende Stimmen gehört habe, die Stimme ihrer Mama und — und die Ihrige, Herr Baron! Zuletzt habe sie es nicht mehr in ihrem Bett ausgehalten und sei leise aufgestanden, um sich an die Tür zu schleichen, die in das Ankleidezimmer der Frau Baronin führt. Da habe sie durch das Schlüsselloch gespäht und habe durch die offenen Verbindungstüren der hellerleuchteten Gemächer deutlich bis in das Arbeitszimmer sehen können —"
„Wetter! Weiter!"
„Sie hat nichts von dem verstanden, was dort ge-


