Ausgabe 
3.10.1914
 
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Apparat einer strafrechtlichen Untersuchung pflegt ebenso umständlich als rücksichtslos zu arbeiten. Zunächst wird man selbstverständlich durch eine nachträgliche Sektion festzu­stellen suchen, ob sich die Annahme eines gewaltsamen Todes aus dem Leichenbefund erweisen läßt."

Jadwiga machte eine Gebärde des Entsetzens.Welch gräßliche Vorstellung! Mußt du denn das gestatten?"

Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben. Wes­halb sollte ich es denn auch zu hindern suchen? Hobe ich nicht vor allen anderen ein Interesse daran, die Ursache von Irmas plötzlichem Tode sestgcstellt zu sehen?"

Ja, wenn man es so betrachtet schon. Aber das ist doch wohl auch alles, was man in der Sache tun kann?"

Dafür möchte ich mich nicht verbürgen. Die Wege der Justiz sind unerforschlich und die Einfälle eines klugen Untersuchungsrichters unberechenbar. Man wird eine Menge von Verhören anstellen, wird Haussuchungen vornehmen, früher oder später vermutlich auch Verhaftungen"

Du denkst an eine bestimmte Persönlichkeit, Harro, wenn du von der Möglichkeit einer Verhaftung sprichst. Ich beschwöre dich, foltere mich nicht länger! Sage mir, an wen du dabei denkst."

Nun, dies Schicksal könnte doch ebensowohl mich treffen wie irgend einen anderen."

Harro!" Sie sprang auf und eilte zu ihm hin, um ihre Hände ans seine Schultern zu legen und ihm mit flackerndem Blick ins Gesicht zu sehen.Was auch geschehen magi ich will alles, alles ertragen, wenn du mir jetzt schwören kannst, daß dein Gewissen rein ist, daß du keinen Anteil hast an Irmas Tod!"

Er hatte ohne ein Zucken der Lider ihren Blick ausge­halten, und nun huschte es um seine Mundwinkel fast wie ein Lächeln.Sieh sieh auch du also!" sagte er gelassen. Vielleicht hältst du mich nicht erst seit heute für ihren Mörder?"

Sprich das gräßliche Wort nicht aus, denn es macht mich verrückt. Nein, nein, ich glaube nicht daran ich will und ich kann nicht daran glauben. Wer ich habe ein Recht zu verlangen, daß du mir hilfst, standhaft und stark zu blei­ben. Warum willst du dich weigern, mir zu bestätigen, daß du ohne Schuld bist?"

Aus einem sehr triftigen Grunde, liebe Jadwiga. Es wäre dir doch nicht damit gedient, wenn ich jetzt zu deiner Beruhigung einen Meineid leistete nicht wahr?"

Erst stand sie regungslos, als vermöchte sie nicht auf der Stelle den Sinn ferner Erwiderung zu fassen. Dann ließ sie ihre Arme herabsinken und wich von ihm zurück.Ich weiß nicht, was dich veranlaßt, mich so zu peinigen," sagte sic unsicher. ,/Oder soll dies vielleicht eine Probe sein, Harro? Wahrhaftig, es wäre ein abscheuliches Experiment!"

Darum wirst du mir wohl auch glauben, daß es keines fein soll. Du hast eine Aufforderung an mich gerichtet, und ich habe dir erklärt, daß ich ihr nicht Nachkommen kann. Das ist alles. Tu loirst inich darum, wie ich hoffe, ja noch nicht gleich für einen Giftmischer halten. Im übrigen mußt d>l verzeihen, wenn ich nicht aufgelegt bin, dies Thema noch weiter zu erörtern. Innerhalb meines Familienkreises we­nigstens möchte ich mit allen Verhören verschont bleiben."

Jadwiga hatte ihm den Rücken gekehrt und sich in einen Sessel geworfen. Sie legte die Hände vor das Gesicht, und es schien, daß sie weinte.

Bardeleben sah eine Weile aus sie nieder, daun, ohne sich! Ihr zu nähern, sprach er weiter:Es tut mir leid, daß dir unter meinem Dache so viel Ungemach widerfahren mußte, und ich mache mir bittere Borwürfe, dich auf Klein-Ellbach festgehalten zu haben. Aber an dem, was einmal geschehen ist, läßt sich leider nichts mehr ändern. Hoffentlich wird es einer fröhlicheren Umgebung bald gelingen, die Eindrücke des hiesigen Aufenthalts aus deinem Kerzen zu verwischen. Ich bitte dich, hinsichtlich deiner Abreise ganz nach deinem Belieben zu disponieren. Gute Nacht, Jadwiga!"

Da sie ihre Stellung nicht veränderte, ging er langsam zur Tür. Er hätte die Hand schon auf dem Drücker, als sie den Kopf erhob, um halblaut seinen Namen zu rufen.

Doch als er ihr sein Gesicht zuwandte, machte sie, schwer aufatmend, eine müde abwehrende Handbcwegung.Nein, nein, geh! Es ist besser, wenn wir jetzt nicht weiter mitein- andec reden."

Er erwiderte nichts, neigte nur wie in schweigender Zu­stimmung das Haupt, dann zog er leise die Tür hinter sich zu.

Eine Stunde später brachte ihm der Diener in die Biblio­

thek ein schwarzgerändertes und mit schwarzem Siezellach

verschlossenes Schreiben, auf dessen Umschlag Bardeleben die steilen Schriftzüge Jadwigas erkannte. Ohne das geringste Anzeichen ungeduldiger Spannung öffnete er, als der Diener hinaus war, niit dem Papiermesser den Umschlag, entfaltete langsam das Bricfblatt und las:Lieber Harro! Da ich ja nun weiß, daß Du mir darum nicht zürnst, mache ich von Deiner Erlaubnis Gebrauch und verlasse morgen früh Dein Haus. Der heutige Abend hat mir bewiesen, daß meine Nerven in der T>at den von Dir angeküudigten Aufregungen nicht gewachsen sein würden. Und am Ende wäre durch mein Hiersein ja auch niemandem genützt. Von Berlin aus schreibe ich Dir ausführlich. Jetzt fühle ich niich dazu außerstande. Daß es besser ist, wenn wir uns unter den obwaltenden Um­ständen gegenseitig die Pein einer nochmaligen Begegnung ersparen, empfindest Du sicherlich ebenso lebhaft wie ich.

In der Hoffnung auf ein Wiedersehen unter glücklicheren Verhältnissen und mit den innigsten Wünschen für Dich und meine teure kleine Dietlinde bin ich in treuer Freundschaft

Deine Jadwiga."

Mit rascheni Blick halte Bardclcben den Abfchiedsbries seines schönen Gastes überflogen und legte ihn beiseite, ohne daß sich Schmerz oder Enttäuschung in seinem'Gesicht ge­spiegelt hätten. Daß sie vor dem Verhängnis floh, dessen vor- ausgeworsene Schatten sie bereits über das Klein-Ellbacher Herrenhaus fallen sah, bedeutete ihin nach allen«, tvas er in diesen letzten Wochen von ihr gesehen, keine Ueberraschung mehr.

22. Kapitel.

Bardeleben vernahm ei» leises Klopfen erst dann, als es zum dritten Male wiederholt worden war. Nun ließ er die Aufforderung zum Eintritt ergehen und warf zugleich einen verwunderten Blick auf die Schrcibtischuhr. Es war kurz vor Mitternacht. Wer konnte um diese Stunde noch das Ver­langen haben, ihn aufzusuchen?

Plötzlich sprang er in Ueberraschung und Erschrecken von seinem Schreibsessel auf.Sic sind es, Fräulein Othmar? Was ist geschehen? Dietlinde ist doch nicht krank?"

Netn, Herr Baron, sie schläft sanft und ruhig. Aber als ich bei meiner Rückkehr von einem Gang durch den Park noch Licht in der Bibliothek sah, konnte ich dem Verlangen nicht widerstehen, Säe noch heute um Gehör zu bitten."

Sie wissen, daß ich imnchr zu Ihrer Verfügung bin, Bitte, nehmen Sie Platz. Kann ich Ihnen in irgendetwas dienen?"

Sie sollen mich nur anhören, Herr Baron, und Sie sollen Sie sollen mir versprechen, mir nicht zu zürnen."

Das müßten ja ungeheuerliche Dinge sein, die mich dazu bewegen könnten."

Es ist sehr möglich, daß Ihnen ungeheuerlich scheint, was ich mir herausgenommen. Aber nun, da es geschehen ist, muß ich es wohl darauf ankommen lassen, Ihren Unt­willen zu erregen. Ich habe mich in Dinge gemischt, um die ich mich wohl eigentlich nicht hätte kümmern dürfen. Aber ich habe es getan, weil ich nicht anders konnte."

Sie sehen mich in äußerster Spannung. Waren es Dinge, die mich betreffen, Fräulein Othmar?"

,)Ja Sie und und Ihre verstorbene Gemahlin."

Er hatte sich erst jetzt wieder gesetzt, und nun gab er dem Schirm der Arbeitslampe einen Stoß, daß sein Gesicht plötzlich ganz im Schatten war.Bitte lassen Sie hören!"

Sie werden sich erinnern, Herr Baron, daß die Nacht, in der Frau v. Bardeleben starb, die erste meines Aufenthalts auf Klein-Ellbach war."

Ich erinnere mich sehr gut."

Ich war damals von der Reise müde und schlief darum fester, als es sonst wohl der Fall ist. Aber mitten in de» Nacht wacht!« ich doch auf. Und zwar von einem Schrei."

(Fortsetzung totst-) ,

Die Mkentelegraphie im Uriege.

Zn den charakteristischen Episoden des Weltkrieges ge- hört auch der Kampf beider Parteien um die Funken­stationen, über den gerade in den neuesten Dagen Nachrichten ans dem Stillen Ozean und der Südsee eingetroffen stnd. Die Fnnkentelegraphie, die jüngste aller technischen Hilfs­mittel im Krieg, hat ihre Feuerprobe erst vor 16 Jahren, im russisch.japantlchen Kriege bestanden. Als man während des Boxeraufstanoes im Jahre 1900 Funkenapparatc nach